Jugendliche verunsichert

Corona-Krise bremst Ausbildungsmarkt in Niedersachsen und Bremen

Kurz vor dem Berufsstart könnte die Unsicherheit wohl kaum größer sein. Sowohl für Unternehmen als auch für künftige Lehrlinge lässt sich die Zukunft schwer einschätzen. Droht ein Einbruch bei der Ausbildung?
22.07.2020, 06:54
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Christian Brahmann, dpa

Weniger Bewerber, weniger Plätze und viele unbesetzte Stellen - auf dem Lehrstellenmarkt in Niedersachsen und Bremen herrscht vor Beginn des Ausbildungsjahres viel Unsicherheit. „Viele Jugendliche sind derzeit verunsichert und machen sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft“, sagte Jan Phillip Lehmker von der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. Aufgrund der Pandemie komme der Ausbildungsmarkt langsamer als im Vorjahr in Fahrt. „Viele Ausbildungsverträge werden in diesem Jahr erst später abgeschlossen“, sagte Lehmker.

Derzeit finden laut Arbeitsagentur diverse Online-Berufsmessen statt. Nach den vergangenen Monaten, in denen der Lockdown den Ausbildungsmarkt deutlich geprägt habe, sei jetzt wieder deutlich mehr möglich. Neben der Corona-Krise wirke sich in Niedersachsen auch der Wechsel zum Abitur nach 13 Schuljahren an den allgemeinbildenden Gymnasien aus. „Wir merken auch, dass Jugendliche besonders jetzt Beratung und Unterstützung benötigen“, sagte Lehmker.

Seit Oktober des vergangenen Jahres meldeten sich nach den BA-Zahlen rund 43 600 Jugendliche als Bewerber und damit etwa 5800 weniger als im Vorjahr (-11,8 Prozent). Fast 20 000 Jugendliche suchten im Juni noch nach einer Ausbildung. Im Land Bremen haben sich rund 3600 Bewerber registrieren lassen, was rund 180 weniger waren als im Vorjahr (-4,8 Prozent). Mit rund 1900 Jugendlichen suchte dort zuletzt noch etwas mehr als die Hälfte nach einer Lehrstelle.

Lesen Sie auch

Auf der anderen Seite gibt es in beiden Ländern auch weniger Angebote für Ausbildungen. In Niedersachsen sank die Zahl um etwa 4300 auf rund 48 500. Bremen verzeichnete einen Rückgang um rund 770 auf etwa 4300 Ausbildungsplätze. Offen waren zuletzt in Niedersachsen noch mehr als 25 000 und in Bremen fast 2000 Stellen. Teils hätten die Arbeitgeber auf weniger potenzielle Abiturienten reagiert und Angebote daher schon ein Jahr vorgezogen. Mancherorts entschieden sich Firmen laut Arbeitsagentur aber auch gegen eine Ausbildung, da sie in der Vergangenheit keine passenden Azubis gefunden hätten.

Durch die Corona-Krise kommt ein dritter Aspekt hinzu: Manche Unternehmen zogen ihre Stellen zurück, weil sie erst die weitere wirtschaftliche Entwicklung abwarten wollen, wie BA-Sprecher Lehmker sagte. Er betonte, dass es teils deutliche regionale und auch branchenspezifische Unterschiede gebe. Das zeige sich an deutlich weniger Stellen in den vom Lockdown hart getroffenen Branchen wie der Hotellerie und Gastronomie sowie im Handel und Verkauf.

Lesen Sie auch

Für Tobias Dörsam, Geschäftsführer vom Elektroinstallationsbetrieb Elektro Werk in Hannover, gibt es auch eine weitere Entwicklung: „Der Ausbildungsbetrieb bewirbt sich förmlich beim Auszubildenden.“ Da sei irgendein Extra wie ein bezahlter Führerschein oder ein Auto, dass der Azubi auch privat nutzen darf, durchaus normal. „Die passenden Azubis und Fachkräfte zu finden, ist sehr schwierig und das wissen auch die Bewerber. Der Anspruch der Auszubildenden wächst stetig.“

Die Folgen des Lockdowns zeigen sich unterdessen für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) auch darin, dass kleinere Betriebe oder Bereiche mit großen Umsatzeinbußen wegen der unsicheren Entwicklung eher dazu übergehen, ihr Angebot zurückzufahren. „Wir befürchten einen möglichen erheblichen Einbruch des Ausbildungsangebots im Herbst“, sagte DGB-Sprecherin Tina Kolbeck-Landau. Die ersten Daten seien besorgniserregend. Sollte sich das so bis September fortsetzen, könnten ihr zufolge rund 10 000 Plätze in Niedersachsen fehlen.

Lesen Sie auch

Aus Sicht der Landesvertretung der Handwerkskammern Niedersachsen (LHN) ist es noch zu früh, eine belastbare Aussage zu treffen, da das Ausbildungsjahr noch nicht vorbei ist. Coronabedingt gebe es bei der Akquise etwa vier bis sechs Verzögerung. „Es ist zu erwarten, dass im 2. Halbjahr noch viel passieren wird“, sagte LHN-Hauptgeschäftsführerin Hildegard Sander. Die Auswirkungen des Fachkräftemangels seien aber auch ohne Corona spürbar.

Das Land Niedersachsen will derweil mit einem 18 Millionen Euro schweren Programm negative Folgen der Corona-Pandemie vom Ausbildungsmarkt fernhalten. Geplant sei etwa eine Mobilitätsprämie für Jugendliche - wer mindestens 45 Kilometer entfernt vom Ausbildungsort wohnt oder deswegen umzieht, soll eine Prämie von 500 Euro erhalten, wenn die Probezeit abgelaufen ist. Auch eine Vermittlungsoffensive sei geplant. Betriebe, die zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen, sollen demnach eine Einmalzahlung von 1000 Euro bekommen - verlängern Betriebe die Ausbildungsverträge, weil die Prüfung in der Pandemie verschoben wurde, gibt es 500 Euro. Die Förderung läuft bis 2022. (dpa)

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+