Corona und die Inseln Fünf ostfriesische Inseln lockern Einreiseverbot

Die Lockerung des Einreiseverbotes für Handwerker und Bauarbeiter auf fünf ostfriesischen Inseln sorgt bei den Bewohnern für Ärger. Sie befürchten, dass das Coronavirus vom Festland auf die Insel kommt.
07.04.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Fünf ostfriesische Inseln lockern Einreiseverbot
Von Marc Hagedorn

Nichts ist passiert in der Kirchstraße zuletzt. Die Bauarbeiten haben geruht. Dabei soll hier eigentlich der Straßenabschnitt vor der Langeooger Schule erneuert werden. Im Moment müssen die Insulaner die Baustelle weiträumig umgehen. Spätestens mit Beginn der Hauptsaison aber sollte dieses Teilstück fertig werden, damit Urlauber im Sommer keine Unannehmlichkeiten wie Umleitungen in Kauf nehmen müssen.

Oder etwas weiter, im alten Ortskern. Hier sollen acht Ferienwohnungen im alten Feuerwehrhaus entstehen. Verkauft sind sie schon, jetzt müssen sie noch bezugsreif werden. Fertig werden muss auch das Großprojekt „Uns Oog“, ebenfalls in der Kirchstraße. Hier sollen 34 Mietwohnungen für Einheimische entstehen, die so dringend benötigt werden, denn Wohnraum auf der Insel ist knapp.

Lesen Sie auch

Corona hat dafür gesorgt, dass zwei Wochen lang keine Bauarbeiter und Handwerker vom Festland auf die Insel durften. Seit Montag ist das wieder erlaubt, und an der Kirchstraße vor der Schule zum Beispiel wird jetzt tatsächlich wieder gebaut. Der Landkreis Wittmund hat die entsprechende Allgemeinverfügung, wie es im Behördendeutsch heißt, angepasst, man könnte auch sagen: gelockert. Das ist gut für die Projekte, die angeschoben, aber noch nicht beendet sind.

Spiekerooger schreiben an Landrat

Wirklich glücklich ist mit der Neuregelung aber nicht jeder. Langeoogs Bürgermeisterin, die parteilose Heike Horn, zum Beispiel sagt, dass die angepasste Allgemeinverfügung Fragen aufwerfe. Zum Beispiel diese: „Die Handwerker dürfen auf die Insel befördert werden – die Inselkinder nicht?“ Auf der Nachbarinsel Spiekeroog haben fünf Gemeinderatsmitglieder einen Brief an ihren zuständigen Wittmunder Landrat geschrieben. In dem Schreiben heißt es unter anderem: „Wir sind (…) für eine Verschärfung der Beförderungsbestimmungen und sehen eine Lockerung sehr kritisch. Wir teilen die Sorge vieler Spiekerooger, dass eine Lockerung der aktuellen Beschränkungen schlimme Folgen haben könnte.“ Bisher sind die Inseln von Corona-Infektionen weitestgehend verschont geblieben.

Am Beispiel der sieben ostfriesischen Inseln lässt sich im Moment sehr gut beobachten, was passieren kann, wenn es verschiedene Zuständigkeiten und Einschätzungen zu einem Thema gibt. Auf fünf der Inseln dürfen seit Wochenbeginn Handwerker und Bauarbeiter vom Festland wieder arbeiten. Dabei handelt es sich um Juist, Norderney, Baltrum, Spiekeroog und Langeoog. Verantwortlich dafür sind die Landkreise Aurich und Wittmund. Die Insel Borkum, sie ist die größte und gehört zum Landkreis Leer, hat Handwerkern von Beginn an die Anreise erlaubt. Wangerooge wiederum, das im Zuständigkeitsbereich des Landkreises Friesland liegt, bleibt hart und lässt auch in den kommenden zwei Wochen keine auswärtigen Bauarbeiter auf die Insel.

Lesen Sie auch

Die Landkreise Wittmund und Aurich hätten nach, wie es heißt, „eingehender Prüfung der Rechtslage und aktueller medizinischer Bewertung entschieden“, Gewerbetreibende vom Beförderungsverbot auszunehmen. „Damit wird auf den Inseln ein Zustand wiederhergestellt, wie er im gesamten übrigen Kreisgebiet ebenfalls gilt“, erklärt der Auricher Landrat Olaf Meinen auf Anfrage des WESER-KURIER. Man könnte auch sagen: Auch an Land wird ja ohne Unterbrechung gebaut. Und was drüben auf den Straßen der ÖPNV ist, ist für die Inseln der Fährverkehr.

Auf Wangerooge geht man diesen Schritt nicht mit. Wangerooge hat sich entschieden, die Handwerker zunächst weiterhin bis zum 18. April, also für noch zwei Wochen, auf dem Festland zu lassen. 1300 Menschen leben auf der Insel, mit 500 Handwerkern rechnet die Verwaltung bei Aufhebung der Sperre. Das sei in Zeiten, in denen der Höhepunkt der Corona-Infektionen noch nicht erreicht sei, „nicht verantwortungsvoll“. Um den Zeitdruck zu nehmen – in der Regel gilt auf den Inseln ab dem 31. Mai eine Bausperre – könnte diese Phase nach hinten verschoben werden.

Lockerung aus medizinischer und logistischer Sicht ein Fehler

Auf der Insel Baltrum schätzen die dort ansässigen Mediziner die Lage ähnlich kritisch ein wie die Wangerooger. „Eine Lockerung der Einschränkungen für unsere Insel im Zuge der Corona-Krise halten wir aus medizinischer und logistischer Sicht für einen schwerwiegenden Fehler“, erklären Stefan Bressel und Eva Bach, die die einzige Arztpraxis auf der kleinen Insel betreiben.

Die beiden Allgemeinmediziner verschärfen für ihre tägliche Arbeit die getroffenen Maßnahmen ab sofort sogar noch, wie sie in einer schriftlichen Stellungnahme erklären: „Behandlungen und Beratungen sowie Rezeptausstellungen erfolgen nur noch nach telefonischer Voranmeldung, ein Betreten der Praxis ohne Mund- und Nasenschutz sowie Händedesinfektion ist nicht mehr möglich. Am Praxiseingang finden sich in den bekannten Praxiszeiten Tücher, die vor Mund und Nase gebunden werden können. Die Notfallsprechstunde an Sonn- und Feiertagen ist bis auf Weiteres gestrichen.“

Die Gefahr, dass das Virus vom Festland auf die Insel eingeführt wird, sieht auch Langeoogs Bürgermeisterin Heike Horn. Sie fragt in einer Stellungnahme auf dem Online-Portal Langeoog News: „Entscheidet das Virus alleine, ob es Handwerker infiziert oder Inselkinder oder…?“ Das letzte Wort scheint in der Angelegenheit noch nicht gesprochen. „Ich behalte mir vor“, so Horn, „dass die Gemeinde Langeoog prüft, ob die Regelung – Handwerker ja, Verwandtschaft 1. Grades nein – wirklich geltendem Recht entspricht.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+