Zulauf bei Hofläden und Co. im Kreis Diepholz Lebensmittel direkt vom Landwirt

Direkt vom Bauern kaufen ohne langes Anstehen an der Supermarktkasse: Seit Beginn der Corona-Pandemie erfreut sich diese Art des Einkaufens steigender Beliebtheit im Landkreis Diepholz.
20.01.2021, 17:27
Lesedauer: 4 Min
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Lebensmittel direkt vom Landwirt
Von Alexandra Penth

Stuhr/Weyhe/Syke. Direktvermarkter wie er „sind ja eigentlich Corona-Gewinner“, sagt Horst True. Der Blockener Landwirt meint damit das gut laufende Geschäft auf den Wochenmärkten. „Die Kunden sind an der frischen Luft, sie haben Platz“, erklärt der 79-Jährige die Vorzüge, die viele Kunden vor allem in der Corona-Krise gegenüber dem Supermarkt sehen. Sohn Björn und Tochter Inga stehen mit dem Obst und Gemüse auf dem Findorffmarkt, in Schwachhausen und Hastedt. Den Hofladen in Blocken hat die Familie aufgegeben, unter einem Planendach stehen an der Blockener Straße 38 aber zwei Verkaufsautomaten. Die sind relativ neu, da das vorige, gut zehn Jahre alte Exemplar beschädigt worden war. Laut Horst True war am Automaten hoher Schaden entstanden. „Die sind mit Brecheisen da rein, die Türen waren schief“, sagt er.

Kontaktlos einkaufen per Knopfdruck

Die neuen Automaten sind nun kühlbar und schieben automatisch Ware nach. Für Horst True bedeutet das auch weniger Fußmärsche zur Straße, um Eier, saisonales Gemüse sowie Käse und Fleischerzeugnisse von örtlichen Höfen aufzufüllen. Sogar Getränke gibt es per Knopfdruck am Wegesrand. Es soll noch ein dritter Automat folgen, der schwere Waren wie Kartoffeln befördern kann. Bei schlechtem Wetter muss True nicht so oft für Nachschub sorgen. Im Frühjahr aber während der ersten Corona-Welle seien die Fächer schnell leer gewesen.

Eine Steigerung der Nachfrage stellt auch Milchbauer André Mahlstedt aus Varrel fest. Der Trend sei „bei der gesamten Direktvermarktung“ zu beobachten. Mit dem Nachräumen von Eiern, Milch, Wurst und Käse in den Warenautomaten sei die Familie zeitweise kaum hinterher gekommen. Seit 2017 bietet die Familie Mahlstedt den Automatenverkauf im Holzhäuschen auf dem Hof nahe der Milchtankstelle an. Diese startete zwei Jahre zuvor als erste in Stuhr. Die Entscheidung damals wertet André Mahlstedt heute als „goldrichtig“. Zwischen 120 und 130 Milchkühe hat der Hof, im Schnitt liefert eine Kuh 32 Liter am Tag. Etwa zehn Prozent der Milch, schätzt Mahlstedt, vermarktet er selbst. Milchautomaten hat er auch an zwei Kaufland-Standorten in Delmenhorst und in Bremen stehen sowie bei Edeka in Moordeich. Die Milch dort ist pasteurisiert und somit etwa fünf Tage haltbar. Im Gegensatz zur Milchtankstelle habe es bei den Automaten in den Verbrauchermärkten nur eine geringe Steigerung der Nachfrage gegeben, sagt Mahlstedt. Die Kundschaft dort lege oft Wert darauf, haltbarere Lebensmittel einzukaufen. Grundsätzlich beobachtet er derzeit bei vielen Verbrauchern eine Art Konsumverschiebung. „Es wird den Leuten immer mehr wert, wenn sie wissen, wo es herkommt.“

Wie oft die Automaten auf dem Hof befüllt werden müssen, hängt stark vom Wetter ab. „Als wir zuletzt eine ganze Woche schönes Wetter hatten, haben die Kunden uns am Sonnabend die Bude eingerannt“, sagt Mahlstedt. Ständig musste nachgefüllt werden. Das kontaktlose Einkaufen auf dem Hof sei in Zeiten des Lockdowns auch ein Erlebnis. Familien sehen sich Kühe und Kälber bei einem Spaziergang an und nehmen dabei noch etwas Käse oder Milch mit. Anhand der Kennzeichen der auf die Grüne Straße 6 einbiegenden Autos erkennt Mahlstedt, dass die Kunden inzwischen „von überall her“ kommen.

Die Landwirte Mahlstedt und True stehen mit ihrem Eindruck nicht alleine da. „Nach unserer Wahrnehmung ist die Nachfrage nach dem Angebot der Hofläden und Direktvermarkter in Niedersachsen zu Beginn der Corona-Pandemie stark gestiegen. Zeitweise überstieg die Nachfrage das lokale Warenangebot“, sagt Wolfgang Ehrecke, Sprecher der niedersächsischen Landwirtschaftskammer. Mittlerweile habe sich die Nachfrage in den Hofläden auf höherem Niveau als vor der Pandemie eingependelt. Eine deutlich wachsende Nachfrage stellten speziell Besitzer von Verkaufsautomaten fest, so Ehrecke. Auch mehr Landwirte gehen in die Direktvermarktung. „An all unseren Standorten mit Beratungsmöglichkeiten für das Thema Direktvermarktung stellten wir im Laufe des vergangenen Jahres eine wachsende Nachfrage nach Beratungsterminen fest.“ Darunter vor allem junge Landwirte, die den elterlichen Betrieb übernommen haben und diesen neu ausrichten wollen.

Verlagerung der Nachfrage

Im Frühjahr habe er einen stärkeren Andrang im Weyher Hofladen an der Böttcherei 10 vernommen, sagt auch Jörn Siemers. Inzwischen habe sich die Nachfrage eingependelt. Dass Kunden regionale Lebensmittel immer wichtiger werden, merkt er schon, jedoch sei das auch eine Frage des Portemonnaies – gerade in derart unsicheren Zeiten. „Es gibt sicherlich auch viele, die das Geld zurückhalten und keine Chance haben, regional einzukaufen“, sagt Siemers. Ansonsten beliefert er regionale Verbrauchermärkte und die Gastronomie mit Kartoffeln. Letztere ist als Kundschaft derzeit so gut wie weggebrochen. Für den um 1900 gegründeten Familienbetrieb Siemers ist das aber nicht weiter schlimm: „Was ich da weniger mache, mache ich bei den Verbrauchermärkten mehr.“

Die Idee, Regionalität mit Bequemlichkeit zu verbinden verfolgt die Frischekiste aus Syke bereits seit Beginn der 1990er-Jahre. Der Gesseler Bioland-Betrieb liefert seinen Abonnenten Obst- und Gemüsekisten nach Hause, hat darüber hinaus auch Backwaren und Molkereiprodukte im Programm. Seit der Corona-Pandemie hat das Unternehmen viele neue Abos abschließen können. „Im Frühling haben wir sogar gesagt, dass wir keine Neukunden mehr aufnehmen können“, sagt Heinz-Jürgen Michel, einer der beiden Geschäftsführer. Inzwischen kann die Frischekiste die gesteigerte Nachfrage bedienen, statt drei Fahrzeugen liefern nun fünf täglich aus. Durch den Zuwachs konnte der Wegfall der Belieferung der Kitas und Schulen „auf jeden Fall aufgefangen werden“, sagt Michel. Das Hofrestaurant An der Wassermühle 20 hat derzeit geschlossen, dafür aber setzt die Frischekiste auf Fertiggerichte zur Auslieferung. Rot- und Grünkohl im Glas etwa sowie Rouladen und Suppen. Erst vor vier Jahren hatte der Betrieb eine neue Packhalle gebaut. Doch auch damals hatte Michel nicht damit gerechnet, dass die Nachfrage nach regionalen Produkte einen solchen Sprung machen würde. „Dass das so groß wird, hätten wir nicht gedacht.“

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