Sportpolitik in Bremen

Nach vier Jahren Rot-Grün: Von Staus und Sackgassen

Die aktuelle Wahlperiode neigt sich dem Ende zu. Nach vier Jahren Rot-Grün lässt sich ein Resümee über die Bremer Sportpolitik ziehen.
02.03.2019, 20:48
Lesedauer: 4 Min
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Nach vier Jahren Rot-Grün: Von Staus und Sackgassen
Von Olaf Dorow

Die gute Nachricht ist: Ja, es gibt talentierte Sportler in Bremen, und, auch ja, es gibt sehr engagierte Trainer, Übungsleiter, Funktionäre. Engagierte Sportärzte, Kampfrichter, Physiotherapeuten, Betreuer, Eltern, Helfer. Die weniger gute Nachricht: Sie alle treffen auf eine Sportstruktur, von der man auch am Ende dieser Wahlperiode sagen kann, dass sie – um es salopp zu sagen – nicht so doll ist.

Talente im Teenager-Alter denken darüber nach, ob für ihre Karriereziele Bremen zu einer Art Sackgasse werden könnte. Eine kleine Armee von Interessensvertretern beklagt die Folgen des weggefallenen Studiengangs Sport. Beklagt den Sanierungsstau bei den Schulsporthallen oder den Uni-Sportstätten, die mickrigen Mittel zur Spitzen-Förderung. Oder fehlende Mehrzweckhallen, in denen Publikum und potenzieller Nachwuchs angelockt werden könnten.

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„Hochleistungssport in Bremen, das muss man leider so sagen, ist eine Diaspora“, sagte Oliver Rau im Interview mit dem WESER-KURIER. Rau war einst selbst Ruderer der Nationalmannschaft, arbeitete später im Werder-Management und seit 2017 in der Geschäftsführung der Deutschen Sporthilfe. Im Interview rechnete er vor, dass es in Bremen 50 olympische Sportarten gebe, „für den Leistungssport aber nicht mal 120 000 Euro“ zur Verfügung stünden. „Nennen Sie mir mal zwei Bremer Politiker, die für Spitzensport öffentlich brennen“, echauffierte er sich.

Landessportbund veröffentlicht Forderungen für die Bürgerschaftswahl

Raus Polemik wirkt nicht eben wie der Ruf eines weltfremden Einzelgängers. Gerade hat der Landessportbund Bremen (LSB) in einer Pressemitteilung seine Forderungen für die Bürgerschaftswahl Ende Mai veröffentlicht. Und es ist nicht das erste Mal, dass der LSB, der immerhin 151 000 Mitglieder aufzuweisen hat, „eine bekennende Positionierung der Landesregierung zur Stärkung des Stellenwerts des organisierten Sports“ fordert.

Das ist sozusagen die übergreifende kulturelle Forderung für die lange praktische LSB-Liste. Der Dachverband von knapp 400 Vereinen plädiert seit Langem für eine Verdopplung des Sporthaushalts auf 15 Millionen Euro oder die Wiederbelebung des Uni-Sportstudiengangs bis 2021. Und auch schon sehr lange wartet er auf ein Kataster über den Sanierungsbedarf an den Sportstätten.

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Der Kataster-Termin wurde mehrfach verschoben. Kurz vor Ablauf dieser Wahlperiode soll es nun aber endlich soweit sein mit einer Antwort auf die Frage nach dem Sanierungsbedarf bei Bremens Schulsporthallen. Immobilen Bremen (IB) hat nach eigenen Angaben 172 Sporthallen im Bestand, hat nun die Begehungen abgeschlossen und sei bei der Auswertung, sagt IB-Sprecher Peter Schulz. Er sei zuversichtlich, dass die Auswertung „noch in diesem Quartal“ abgeschlossen werde.

An vielen Hallen müssen Ausbesserungen gemacht werden

Die Ergebnisse würden dann zunächst an die Sportsenatorin Anja Stahmann, die Sportdeputation und die jeweiligen Fraktionen gehen. Dass an kaum einer Halle etwas ausgebessert werden muss, wird als Ergebnis kaum herauskommen. Im Jahr 2018 standen IB laut Schulz 8,15 Millionen zur Verfügung, die zur Sanierung von fünf Hallen genutzt wurden. Das ist angesichts der zahlreichen Klagen über marode Sportstätten übersichtlich viel Geld.

Auch die Uni Bremen hatte Gutachten in Auftrag gegeben. Zum Zwecke des Zustands-Monitorings, also: Brandschutz, Schadstoffbelastung, Unfallgefährdungen, wie sie mitteilt. Ein Gutachten zum generellen Sanierungsbedarf sei das nicht. Was das Monitoring ergeben hat, sagt die Uni auch nicht. Zufall oder nicht – parallel zur internen Bestandsaufnahme häufen sich extern die Sorgen um den Fortbestand eines in die Jahre gekommenen großen Sportzentrums.

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Es macht einen vergleichsweise kümmerlichen Eindruck. Einst mit großem Aufwand für einen stetig wachsenden Bedarf erschaffen, blieben die Mittel klein, um einem Verfall vorzubeugen. Das Unibad, in dem neben Schul-, Vereins- und Verbandssport auch nationale Meisterschaften ausgetragen wurden, soll nach Beschluss des Senats geschlossen werden. Sanierung zu teuer. Zeitgleich steigen die Kosten für den Neubau des Horner Bades.

„auf kurz oder lang des gesamten Sportkomplexes entledigen“

„Wenn der erste Dominostein gefallen ist, werden weitere folgen“. So ließ sich Ende Januar in einer Pressemitteilung des CDU-Ortsverbandes Horn-Lehe dessen Vorsitzender Stefan Quaß zitieren. Seine Vermutung: Die Universität wolle sich „auf kurz oder lang des gesamten Sportkomplexes entledigen“. Dessen Verlust wäre weit über die Stadtteilgrenzen von Horn-Lehe hinaus fatal. „Die Uni nutzt die Sportstätten nicht, sie betreibt sie lediglich für die Nutzung durch Schulen und Vereine.

Aus diesem Grund gibt sie keine Stellungnahme aus eigenem Nutzer-Interesse ab“, ließ die Uni am Mittwoch ausrichten. Am Abend zuvor hatte Hans-Joachim Orlok, Leiter des Uni-Baudezernats, vorm Sportausschuss des Horn-Leher Beirats erklärt, er gehe von 28 Millionen Euro Sanierungskosten aus, die man ermittelt habe. Gesamteindruck: Der Senat hat zu wenig Geld übrig, die Uni zu wenig Interesse. Oder andersherum, das wäre wohl auch nicht ganz falsch.

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Zu wenig intakte Sportstätten, zu wenig (angehende) Sportlehrer, zu wenig Sportförderung – das wäre dann in der Tat zu wenig, um Bremens Sportpolitik mit einer guten Note versehen zu wollen. Es erscheint dabei wenig tröstlich, dass das nicht an einer Verweigerung oder gar dem Versagen der grünen Sportsenatorin Anja Stahmann liegt.

Die Ursachen sind komplexer, sie fangen bei der kleinen Vereinsmeierei an und hören bei der großen Haushaltslage auf. Aber dass diese Stadtregierung den Sport in ihrer Stadt recht stiefmütterlich behandelt, ist wohl ein zulässiger Befund. Damit soll jetzt mal der Sport außerhalb des Fußballs von Werder Bremen gemeint sein. Für den plant die Weserstadion GmbH ein neues Nachwuchs-Leistungszen­trum, für rund 32 Millionen Euro. An der GmbH ist die Stadt zur Hälfte beteiligt.

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