Relegation Braunschweig-Wolfsburg Ungerechte Behandlung: Eintracht-Trainer Lieberknecht heizt Stimmung an

Die Eintrachter hatten das Relegations-Hinspiel mit nassen Schuhen bestreiten müssen, weil diese in der Kabine unter Wasser gesetzt worden waren. Was sich nach Kleinkram anhört, hinterlässt ein Geschmäckle.
27.05.2017, 00:00
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Von Christian Otto

Die Eintrachter hatten das Relegations-Hinspiel mit nassen Schuhen bestreiten müssen, weil diese in der Kabine unter Wasser gesetzt worden waren. Was sich nach Kleinkram anhört, hinterlässt ein Geschmäckle.

Mitten im Abstiegskampf total cool und zudem wie ein Mann von Welt aufzutreten, ist nicht jedem Fußballprofi vergönnt. Mario Gomez, an den sich nicht nur die Mannschaft des VfL Wolfsburg, sondern der gesamte Verein klammert, ließ jeden Anflug von Ärger, Kritik und Anschuldigungen an sich abprallen. „Ich habe das nicht gemerkt“, sagte jener Mann, der am Aufreger des Abends aktiv beteiligt war. Einem Handspiel von Gomez, das nicht geahndet wurde, war in der 34. Minute ein Handspiel des Braunschweigers Gustav Valsvik gefolgt. Schiedsrichter Sascha Stegemann entschied auf Strafstoß für Wolfsburg und war damit an der Seite von Gomez der Buhmann des Abends. Na und? „Ich kann gut schlafen“, verkündete der VfL-Torjäger. Der von Gomez verwandelte Elfmeter bescherte Wolfsburg einen 1:0 (1:0)-Heimsieg gegen Eintracht Braunschweig und gute Karten für das Rückspiel am Montag (20.30 Uhr).

Die Kontrolle verloren

Irgendwie hatte dieser Donnerstagabend im Schnelldurchgang noch einmal das zusammengefasst, was den VfL Wolfsburg in dieser Saison prägt. Die Mannschaft mühte sich vor 29 100 Zuschauern ab, hatte gegen den tapferen Zweitligisten Braunschweig bis zuletzt um den Sieg bangen müssen und war dabei gänzlich von Gomez abhängig. Statt die Vorentscheidung zu suchen, verlor das Team von Cheftrainer Andries Jonker mit vielen leichtfertigen Fouls fast noch die Kontrolle über das Spiel. „Am Ende hast du das Gefühl, dass du nicht mehr im Spiel bist“, gestand der Niederländer, der gerne mit zwei oder drei Toren gewonnen hätte. Dass es bei dem unberechtigt verhängten Elfmeter blieb, erhöht die Spannung vor dem Rückspiel.

„Wir wollen alles dafür tun, um das Ding zu drehen“, sagte Eintracht-Kapitän Ken Reichel. Aus der Tatsache, dass Gomez als Schummel-Held dasteht, wollen die Braunschweiger neue Kraft schöpfen. Sie fühlen sich in ihrem Trotz auch dadurch bestätigt, dass Schiedsrichter Stegemann seine Fehleinschätzung schnell eingeräumt hat. „Es wäre besser gewesen, auf den Pfiff zu verzichten“, meinte der Unparteiische.

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Wasserwerfer-Einsatz gegen mit Flaschen werfende Fans, zahlreiche Festnahmen und derbe Sprechchöre: Als am späten Donnerstagabend über dem Wolfsburger Stadionbereich ein Hubschrauber der Polizei immer noch seine Runden drehte, fühlte sich so mancher Kritiker unbarmherziger Relegationsspiele bestätigt. Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht, der kurz nach dem Abpfiff außer sich vor Wut war und sich dann in seiner Wortwahl wieder mäßigte, kann mit dem überhöhten Saisonfinale im Kampf um Auf- beziehungsweise Abstieg nichts anfangen.

Rückkehr zu Rumpelstilzchen-Auftritten

„Deshalb hasse ich die Relegation. Solch eine Entscheidung kann uns die ganze Saison kosten. Vielleicht ist sie deshalb am Arsch“, sagte der 43-Jährige. Sollte es Braunschweig zulasten von Wolfsburg noch in die 1. Liga schaffen, kehrt mit Lieberknecht ein leidenschaftlicher Trainer mit dem Hang zu Rumpelstilzchen-Auftritten zurück. Er nutzte den Moment der Wut und Aufregung, um die Stimmung weiter anzuheizen. „Montagabends in Braunschweig, da weißt du schon, was da los ist“ – der Satz von Lieberknecht klingt wie eine unverhohlene Drohung an einen Rivalen, der sich auf das Allerschlimmste gefasst machen darf.

Der VfL Wolfsburg und Eintracht Braunschweig bleiben zwei grundlegend verschiedene Vereine. Sie sind Nachbarn, die kaum miteinander sprechen. Und im Zuge der Relegationsduelle ist absehbar, dass keine neuen Freundschaften geschlossen werden. In der Nacht zu Freitag wurde von Braunschweiger Seite neben der Sehnsucht nach einem Videobeweis statt fehlerhafter Schiedsrichter sogar die Theorie aufgestellt, dass es eine Art Sabotage in der Umkleidekabine gegeben habe. Die Eintracht-Profis hatten das Relegations-Hinspiel mit klitschnassen Schuhen bestreiten müssen, weil diese in ihrer Umkleidekabine auf unbekannte Weise unter Wasser gesetzt worden waren – möglicherweise durch sensible Sensoren im Duschbereich. Was sich nach Kleinkram anhört, hinterlässt ein Geschmäckle.

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Allerdings erscheint es unwahrscheinlich, dass ein Verein wie Wolfsburg zu solchen Psychotricks greift. Abstiegskampf statt Champions League – die vom Volkswagen-Konzern großzügig geförderte VfL Wolfsburg Fußball GmbH hat ihre selbst gesteckten Ziele verpasst. Sie wäre laut Aussagen der VW-Spitze auch in der 2. Liga immer noch ein starkes Unternehmen. Aber die Schmach, an einem krassen Außenseiter wie Braunschweig gescheitert zu sein, ließe sich nur schwer verkraften. Hinter dem VfL liegt eine Saison, in der die Mehrheit seiner Profis entweder die nötige Leistung oder die nötige Ernsthaftigkeit hat vermissen lassen. Es klang wie ein schlechter Scherz, als Jonker sein Team nach dem ersten Relegationsspiel lobte. „Alle haben wirklich gekämpft. Das hat mich sehr gefreut“, sagte der Niederländer.

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