Bundesligastart der Lateinformationen

„Wir sind ein absoluter Magnet“

Die Lateinformation des Grün-Gold-Club Bremen startet an diesem Sonnabend in die Bundesligasaison. Trainer Roberto Albanese spricht über die nationale und die kommende chinesische Konkurrenz
18.01.2019, 10:05
Lesedauer: 6 Min
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„Wir sind ein absoluter Magnet“
Von Ruth Gerbracht

Bevor die Bundesliga an diesem Sonnabend startet, gestatten Sie mir einen Blick zurück aufs Jahr 2018. Obwohl Ihre Formation alle möglichen Titel gewonnen hat, schien es nicht so leicht gewesen zu sein, wie es auf den ersten Blick aussieht. Mit welchen Gefühlen sind Sie zur Deutschen Meisterschaft gefahren?

Roberto Albanese: Na ja, zunächst einmal mit dem Gefühl, noch nicht auf dem maximalen Leistungsstand mit der neuen Choreografie zu sein. Die Vorbereitung war sehr kurz. Das lag unter anderem an der Europameisterschaft im Juni, die einfach zu spät war und wir dort noch mit der alten Choreo starten mussten. Dann hatten wir gerade mal drei Wochen, wo wir mit der neuen arbeiten konnten, aber dann kamen auch schon wieder vier Wochen Sommerferien. Aber die EM war natürlich dann mit unserem Titelgewinn auch wieder schön. Richtig losgelegt haben wir dann schließlich erst im August. Ziemlich spät, um im November auf Titeljagd zu gehen.

Hatten Sie Sorge, dass es bei der Deutschen Meisterschaft nicht reichen würde?

Dass es schiefgehen könnte, habe ich eigentlich nicht wirklich gedacht. Es war mir klar, dass wir nicht zu 100 Prozent tanzen können. Dafür ist die Choreo einfach tänzerisch zu schwierig und zu komplex. Zunächst war wichtig, die Choreo sicher aufs Parkett zu bringen. Dann hatten wir Probleme mit den Outfits, die nicht fertig waren. Deshalb bin ich froh, dass wir die Meisterschaft, auch wenn es ein bisschen holprig war, sicher hinter uns gebracht haben.

Das Team hat den Titel erfolgreich verteidigt, wurde aber teilweise vom Publikum ausgebuht. Wie schwierig war es, damit umzugehen?

Nicht einfach. Das Ausbuhen und damit das Nichtrespektieren der Leistung liegt sicherlich auch daran, dass manche hoffen, die Konkurrenz könne an einem guten Tag auch mal gewinnen. Viele finden das langweilig, wenn wir immer gewinnen. Das ist wie im Fußball. Da freuen sich auch viele, wenn Bayern München mal nicht Meister wird.

Man könnte aber auch sagen, wenn Grün-Gold immer gewinnt, dann sind sie doch auch immer gut. Oder liegt es daran, dass die Zuschauer die Komplexität der vier Wertungskategorien nicht nachvollziehen können?

Es ist in der Tat nicht einfach, die Punktewertung zu verstehen, zumal wenn sie nicht vernünftig erklärt wird. Ich denke auch, dass es für die Mannschaften und für die Spannung der Zuschauer nicht gut ist, das jeweilige Ergebnis direkt öffentlich zu machen.

Warum nicht?

Die Mannschaften müssen dann womöglich ein fast komplettes Finale in der Kiss & Cry-Ecke stehen, bis sie wissen, ob sie gewonnen oder verloren haben. Das ist ziemlich anstrengend nach der eigenen Vorstellung und meistens auch nicht gut organisiert. Eine kleine Regeneration ist so gut wie nicht möglich.
Und für die Zuschauer geht die Spannung
verloren.

Was schlagen Sie vor?

Am Finalende, wenn alle sechs Mannschaften auf die Fläche kommen, sollten die Wertungen nach und nach öffentlich gemacht werden. Das wäre noch mal ein spannendes Highlight für alle.

Nun ist die Formation am Ende ja doch wieder Deutscher Meister geworden, mit welchem Gefühl sind Sie schließlich nach China zur WM geflogen?

Mit Wut im Bauch. Auf jeden Fall den WM-Titel klarmachen!

Wie sah denn die Zeit bis zur WM aus?

Wir haben extrem an der Synchronität und an der Sicherheit gearbeitet, damit die Choreo selbstbewusst, aber vor allem überzeugend rüberkommt.

Das hat das Team bekanntlich geschafft. Weltmeistertitel vor den beiden russischen Teams. War die WM in China vergleichbar mit Titelkämpfen, die in Europa ausgetragen werden?

Die WM in China war sehr, sehr gut, eine perfekt organisierte Veranstaltung. An Zuschauern fehlte es noch ein bisschen. Das war in Macau anders, da haben die Organisatoren ganze Arbeit geleistet, um das Haus voll zu bekommen. Aber insgesamt muss man es positiv sehen. Die WM in Shenzhen hat neue Türen für den Formationssport geöffnet. Ich habe am Tag nach der WM viel Zuspruch von Chinesen bekommen, die alle begeistert waren und erzählt haben, dass wir in den Social Media gefeiert würden. Das wird nicht die letzte WM in China gewesen sein, da bin ich mir sicher.

Genießt der Tanzsport in China oder in Asien allgemein eine hohe Aufmerksamkeit?

Auf jeden Fall. Tanzen ist fast so ein Volkssport wie Tischtennis.

Woher kommt das?

Tanzen genießt eine hohe gesellschaftliche Anerkennung. Wenn man sonntags in den Park von Hongkong geht, sieht man Zehntausende von Paaren, die auf einer riesigen Fläche dort tanzen. In China gibt es 50 000 Profi- und Amateurpaare. Die meisten kommen aus sogenannten Tanzuniversitäten. Die gehen dort von montags bis donnerstags hin, haben sechs bis acht Stunden Training neben der Schule. Freitags geht‘s zu den Eltern, samstags und sonntags zu den Turnieren.

Wie hoch ist das tänzerische Niveau?

Unfassbar hoch. Was früher die Russen waren, sind heute die Chinesen, die technisch schon alles aufgeholt haben.

Wo kommen denn die Trainer her, die für dieses Niveau sicherlich verantwortlich sind?

Die Chinesen holen die besten Westtrainer, solange bis sie das selbst können. Und dann verselbstständigt sich das.

Aber bei den internationalen Tanzturnieren spiegelt sich dieses Phänomen aber noch nicht wider, oder?

Doch, das sieht man schon. Aber die Chinesen haben erst in den letzten drei bis vier Jahren begonnen, nach Europa zu reisen. Im Standard ist der chinesische Meister bereits bis ins WM-Semi-Finale gekommen. Im Latein ist die Richtung auch schon Halbfinale. Die könnten schon locker im Finale sein. Das ist am Ende dann auch eine Sache der Zusammensetzung des Wertungsgerichts. Schließlich kommen meist zehn Wertungsrichter aus Europa und nur zwei aus Asien. Aber am Ende werden sie ganz nach vorne kommen. Die Chinesen sind im Tanzsport nicht zu stoppen. In den Juniorenklassen sind sie schon jetzt überall im Finale.

Was neu war bei der WM in China, war das Preisgeld.

In China ist es normal, Preisgelder auszuloben, damit auch die Mannschaften aus dem Westen kommen. Meistens finanzieren die Ministerien das Geld.

Würden Preisgelder auch bei uns in Europa die Motivation der Sportler erhöhen?

Sicherlich. Aber eigentlich müssten die Teams zunächst einmal die Wertschätzung von allen, von den Vereinen und Verbänden, erfahren. Formationssport müsste mehr Wertschätzung erfahren. Es wird hier eher als Steckenpferd gesehen. Da, wo gerade die Trainer sind, die sich dem Formationsport verschrieben haben, sind die Vereine erfolgreich. Aber ansonsten wird der Formationssport strukturell eher stiefmütterlich behandelt. Dabei ist Formationstanzen medienwirksam und wer erfolgreich ist, den kennt man bundesweit und auch weltweit. Das tänzerische Niveau ist hoch und viele bekannte Einzelpaare kommen ursprünglich aus dem Formationstanzen wie Hansi Galke oder auch Horst Beer.

Lassen Sie uns den Sprung von China wieder zurück nach Bremen machen. Sie haben 2018 alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Jetzt gehts wieder los, nach dem WM-Triumph folgt die nationale Bundesliga. Statt Glamour schnöde Turnhallen. Freut man sich trotzdem darauf?

Auf jeden Fall. Wir sind bestens vorbereitet, die Mannschaft hatte jedes Wochenende eine Show, von daher sollte alles klappen. Ich denke, dass wir eine richtig schöne Saison erleben werden.

Das erste Turnier am Sonnabend findet in Solingen statt, es ist das Heimturnier des TSZ Velbert, dem schärfsten Rivalen. Fährt man da besonders motiviert hin?

Ich finde das super, dass wir dort beginnen. So können wir direkt eine Ansage machen und beweisen, dass wir zu Recht Weltmeister geworden sind.

Aber es wird nicht allein das Weltmeisterschaftsteam in der Bundesliga-Saison auf der Fläche stehen?

Nein, wir haben einen großen Kader und werden flexibel sein, alle kommen zum Einsatz. Wir haben super Talente bei den Ersatzpaaren. Das Durchmischen ist auch im Hinblick auf die WM im Dezember in Bremen wichtig. Schließlich sollen bis dahin alle fit für einen Start sein. Und natürlich für den Titel.

Sie erwähnen schon jetzt die WM 2019. Wie würden Sie denn ihre Ziele für das Jahr zusammenfassen?

Meine Ziele betreffen nicht allein mögliche Titelgewinne. Sie betreffen auch den Gesamtverein Grün-Gold-Club. Es ist Wahnsinn, was hier los ist. Wir haben einen unglaublichen Zulauf von Paaren aus ganz Deutschland, sogar von Paaren aus dem Ausland, die hierhergezogen sind. Wir sind ein absoluter Magnet im Moment, das merkt man in der täglichen Arbeit. Alle sind hoch motiviert und es macht eine Menge Spaß. Ich wünsche mir, dass der Verein weiterhin so einzigartig bleibt.

Wenn der Zulauf so groß ist, sind dann die neuen Räumlichkeiten der Tanzarena und des Grün-Gold-Clubs in Hastedt ein wichtiger Baustein bei der Zielsetzung?

Auf jeden Fall. Dort können wir Kinder- und Erwachsenenkurse noch einmal aufbauen. Wir haben dort ein sehr hohes Familiengebiet. Da werden wir sicherlich noch das ein oder andere Talent entdecken.

Die Fragen stellte Ruth Gerbracht.

Info

Zur Person

Roberto Albanese (45)

trainiert seit mehr als 25 Jahren die Latein­formation des Grün-Gold-Clubs. Im vergan­genen Jahr wurde der Bremer Tanzlehrer und Coach mit seinem Team deutscher Meister, Europameister und am Ende in China Weltmeister. Mittlerweile ist er als Trainer weltweit gefragt.

Info

Zur Sache

Offene Tanzarena

An diesem Freitag und Sonnabend (18. und 19. Januar) lädt die Tanzarena alle Interessierten ein, die neuen Räume in Hastedt (Alfred-Nobel-Straße 7a) und das Tanzlehrer-Team näher kennenzulernen. In Schnupperworkshops können alle das Tanzen für sich ausprobieren und bei der Tanzparty am Sonnabend kann ordentlich gefeiert werden. Am Sonntag (20. Januar) sind alle Schüler der Tanzarena und die Mitglieder des Grün-Gold-Clubs aufgerufen, ihr Können zu zeigen. Beim Dance Contest von 11 bis 15 Uhr sind auch Zuschauer willkommen.

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