Kommunikationsexperte zur Lage in Delmenhorst „Lockdown darf kein Tabuthema sein“

Der Kommunikationsexperte Frank Lenk kritisiert den Umgang mit den Corona-Höchstwerten in Delmenhorst. Er fordert mehr Kommunikation und mutige Entscheidungen, ein Lockdown müsse in Betracht gezogen werden.
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„Lockdown darf kein Tabuthema sein“
Von Gerwin Möller

Frank Lenk, Sie als Kommunikationsexperte haben ein Auge auf die kritische Corona-Lage in Delmenhorst geworfen. Die Pandemie ist nicht bloß Thema der Gesundheits- oder Ordnungspolitik, sie ist als übergeordnete Problematik aufzufassen und sollte überall als Chefsache verstanden werden. Haben Sie den Eindruck, dass in Delmenhorst alle Zuständigkeiten richtig zugewiesen sind?

Frank Lenk: Dadurch, dass ich in der Gemeinde Ganderkesee lebe, fühle ich mich noch näher an Delmenhorst dran als ohnehin schon als Bremer. Ich kenne Freunde, die dort wohnen, ich besuche den Wochenmarkt. Ich muss gestehen, was dort gerade abgeht, beunruhigt mich sehr. Aber am meisten bin ich darüber beängstigt, was in Delmenhorst gerade nicht geschieht. Ich vermisse, dass dort ein Oberbürgermeister aufsteht und zeigt, dass seine Stadtverwaltung der Situation gewachsen ist.

Wachsend sind die Zahlen der Infektionsfälle. Mit einem bundesweiten Spitzenplatz bei den von Corona betroffenen Gebieten wächst nicht gerade die Zuversicht.

Sicher, Delmenhorst befindet sich, wenn man die Zahlen betrachtet, in einem Ausnahmezustand. Mit dieser Situation erreicht man sicher keinen Imagegewinn. Und doch darf es nicht dabei bleiben, nur die negativen Seiten nach außen zu kehren. Die Bevölkerung braucht Verantwortliche, die in dieser Krise tatkräftig handeln.

Was hätte man aus dem Rathaus heraus anders machen können?

Ich werfe dem Krisenmanagement in Delmenhorst vor, zu wenig zu kommunizieren. Der Inzidenzwert und seine Überschreitung sind doch nicht plötzlich passiert, da hat sich doch etwas aufgebaut. Was wurde im Zeitraum des Anstieges getan? Es macht mich fassungslos, wenn noch immer behauptet wird, dass man keine Ausbruchsherde benennen kann.

Im Landkreis Oldenburg konnte man das Infektionsgeschehen beispielsweise durch die Ansteckungen an Schlachthöfen lokalisieren.

Das als Begründung ist einfach zu dünn, Delmenhorst ist doch keine Metropole, in der sich die Ansteckung aufgrund der Größe der Stadt einfach verläuft. Man kann schon erwarten, dass es konkretere Informationen gibt und dass diese dann auch weitergegeben werden.

Auch aus dem Josef-Hospital wird geschildert, dass sich die Corona-Erkrankten so verteilen, dass man keine klaren Rückschlüsse auf Entstehungsherde ziehen könnte.

Aber es wird immer wieder auf Bremen gezeigt. Weil es Berufspendler in beide Richtungen gibt. Wenn es konkrete Anhaltspunkte gibt, dass darin die Ursache für die schnelle Ausbreitung des Virus liegt, dann muss man das auch näher ausführen. Die Menschen wollen mitgenommen werden.

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Sie kritisieren die Vermittlung, den Umgang mit der Pandemie in der Kommunikation oder auch die Entscheidungen selbst?

Welche Entscheidungen? An diesem Montag enden die Herbstferien und es gibt noch keine endgültige Entscheidung, wie es an den Schulen weitergeht. Mittwoch hieß es auf einmal, „man schließe nicht mehr aus, dass die Schulen vorerst geschlossen bleiben“. Man muss die Bevölkerung doch informieren und vorbereiten. Man muss seine eigenen Handlungsoptionen darlegen. Es fehlt in Delmenhorst daran zu erkennen, seit wann die Zahlen explodieren. Seit zwei Wochen ist die Stadt Risikogebiet, nimmt bundesweit einen Spitzenplatz ein und was passiert? Auf ein paar mehr Plätzen muss Maske getragen werden, es gibt eine Sperrstunde.

Das ist Ihrer Meinung nach noch zu wenig?

Die Situation ist höchst brenzlig, schauen Sie, wie im Berchtesgadener Land reagiert wurde, als man Delmenhorst als Rekordrisikogebiet ablöste. Da gilt ein kompletter Lockdown. In Delmenhorst kommt es mir vor, als würde man bei einem Flugzeugabsturz darüber debattieren, ob man noch nach links oder rechts abbiegen kann. Es kommt doch darauf an, jetzt die höchst mögliche Sicherheit herzustellen. Auch für Delmenhorst darf der Lockdown nicht ausgeschlossen werden.

Das klingt so, als hätten Sie Delmenhorst schon abgeschrieben?

Nein, ich werfe den Verantwortlichen aber vor, ihre Sache schlecht zu machen und auch schlecht zu kommunizieren. Delmenhorst muss im Kampf gegen die weitere Ausbreitung des Corona-Virus jetzt nachlegen und im Rathaus muss man wieder Herr des Geschehens werden. Das beginnt mit einer mutigen Bewertung der Situation. Es fehlt mutiges Handeln, die Stadt braucht ein starkes Zeichen – dabei darf der Lockdown kein Tabuthema sein. Diese Maßnahme hätte auch jeder hier verstanden.

Das Interview führte Gerwin Möller.

Info

Zur Person

Frank Lenk

ist 61 Jahre alt und wohnt in Ganderkesee. Er kandidiert dort kommendes Jahr als Bürgermeister der Gemeinde. Der Kommunikationsberater und Experte für Krisenkommunikation wirkt aktuell als Geschäftsführer der Orbitak AG

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