Jürgen L. Born zu Werder Bremens Krise Born bietet Werder Hilfe an

Soll Werder sich verschulden, um seine sportliche Not zu lindern? Sind Schulden das kleinere Übel – verglichen mit einem Abstieg? Andreas Lesch hat mit Werders früherem Vorstandschef Jürgen L. Born darüber gesprochen.
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Born bietet Werder Hilfe an
Von Andreas Lesch

Soll Werder sich verschulden, um seine sportliche Not zu lindern? Sind Schulden das kleinere Übel – verglichen mit einem Abstieg? Seit Tagen werden diese Fragen im Verein und unter den Fans leidenschaftlich diskutiert. Andreas Lesch hat mit Werders früherem Vorstandschef Jürgen L. Born über seine Sicht auf die grün-weiße Krise gesprochen.

Wie finden Sie die Debatten, die bei Werder gerade geführt werden?

Jürgen L. Born:

Klaus-Dieter Fischer hat die Überlegung gehabt, dass eine einschneidend neue Unternehmens-Philosophie erstellt werden muss. Einige fragen jetzt: Kann man das machen? Ich finde: Das kann man machen. Erst in der Winterpause anzufangen zu diskutieren, das wäre nicht gut.

Sie stützen also Fischers Vorschlag, in überschaubarem Umfang Schulden zu machen, um den Abstieg zu verhindern?

Ja. Ich glaube: Wenn Werder einmal abgestiegen ist, wird es schwer, wieder aufzusteigen. Der Abstieg wäre wohl das Gräulichste, was uns widerfahren kann. Der würde wehtun.

Im Sommer hat Werder konkret mit dem Costa Ricaner Bryan Ruiz verhandelt. Was würde solch ein Transfer in der Winterpause wirklich bringen?

Wenn er im Winter nur noch zwei Millionen Euro kosten sollte, dann müssten wir ihn holen. Einen Kredit bis fünf Millionen würde ich ohne Weiteres unterstützen – zumal die Zinsen zurzeit extrem niedrig sind und Werder kaum belasten würden. Eine Garantie, dass alles besser wird, wäre ein Ruiz-Transfer natürlich nicht. Aber ein guter Mittelfeldspieler wie er könnte viel bewirken.

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Inwiefern?

Werder braucht einen Spieler, der auch mal den Ball halten kann. Hunt konnte das. Oder früher Pizarro. Wenn Werder einen so ballsicheren Mann kriegen könnte, das wäre schön. Einen, der auch ein paar schnelle Vorlagen gibt, damit unsere Stürmer endlich mehr Chancen bekommen. Wenn Di Santo lang geschickt wird, ist er genial. Das müssen wir nutzen. Das ist eine Stärke, die ist viel wert.

Wenn Werder für einen Einkauf ins Risiko geht, wie könnte dieses Risiko aussehen?

Fischer sagt, dass Werder – anders als einige andere Vereine – noch nicht sein Tafelsilber angefasst, also noch keine Einnahmen vorfinanziert hat, etwa Fernsehgeld, Sponsorenverträge, den Ausrüstervertrag oder Eintrittskarten-Erlöse kommender Spielzeiten. Werder sollte solche Einnahmen jetzt dazu nutzen, die Zukunft zu finanzieren. Das Geld muss aber auch sportlichen Erfolg bringen. Wenn es den Erfolg nicht bringt, dann hat man ein Problem.

Die Debatten, die durch Fischers Vorstoß jetzt öffentlich geführt werden, sind sehr grundsätzlich. Hätten sie nicht schon viel früher geführt werden müssen?

Ja, man hätte auch in der Sommerpause über diese Themen nachdenken können. Aber in der Sommerpause hat niemand gedacht, dass Werder so schnell auf dem letzten Tabellenplatz landet. Natürlich spielt Werder besser, als der Tabellenplatz es vermuten lässt. Aber die Tabelle ist nun mal die Messlatte, und die können wir nicht einfach durch Umblättern der Zeitung unsichtbar machen.

Wie problematisch ist dieser Tabellenplatz?

Wenn er sich zementieren sollte, dann kann Werder ganz leicht in eine Negativspirale geraten, die auch die Köpfe der Spieler bestimmt. Und irgendwann haben dann auch die treuen Fans keine Lust mehr. Man sollte ihnen jetzt eine Perspektive aufzeigen. Die Fans brauchen eine Hoffnung, an die sie sich klammern können. Diese Hoffnung könnte eventuell Ruiz heißen.

Ist der aktuelle Kader erstligatauglich?

Eigentlich ja. Da sind ja viele erfahrene Leute drin: Galvez, die beiden Argentinier, Clemens Fritz. Und wir haben Nationalspieler aus Österreich und aus Bosnien. In der Mannschaft steckt doch Potenzial.

Klaus-Dieter Fischer sagt, Werders Rücklagen seien am Ende dieser Saison aufgezehrt. Die vergangenen Geschäftsjahre hat der Verein immer mit einem dicken Minus abgeschlossen. Wo führt das hin?

Das kann sehr heikel werden. Die Lizenz sehe ich nicht in Gefahr, aber da muss man sich was überlegen. Man könnte Investoren Kapital anbieten. Ich weiß nicht, ob sich die Investoren bei einem Klub auf dem letzten Tabellenplatz die Klinke in die Hand geben. Aber man kann ja mal was versuchen. Ich schätze, Werder ist 250 Millionen Euro wert. Für zehn Prozent der Anteile an Werder würden wir also 25 Millionen bekommen. Jetzt sind da leider drei Firmen als angebliche potenzielle Geldgeber öffentlich genannt worden …

… Zechbau und Cordes & Graefe sowie die Lackfabrik Einza …

… das war nicht gut. Vor vielen Jahren haben zehn Leute Garantien gegeben, um es Werder zu ermöglichen, einen Kredit aufzunehmen und Rudi Völler zu kaufen. In meiner Zeit als Vorstandschef, vor etwa zehn Jahren, als es uns finanziell gut ging, da haben wir diese Garantien an die zehn Leute zurückgegeben. Und bis heute ist kein einziger dieser zehn Namen herausgekommen. So muss man vorgehen. Es wäre besser, wenn man auch jetzt vorsichtiger ist – damit nichts an die Öffentlichkeit dringt. Geldgeschäfte müssen dezent ablaufen, seriös, hanseatisch-kaufmännisch. Das habe ich vermisst, als diese Namen jetzt öffentlich genannt worden sind.

Gibt es nach Ihrer Kenntnis wohlhabende Bremer, die bereit sind, Werder zu unterstützen?

Ich kenne Leute, mit denen man reden kann. Die Bremer wollen Werder helfen. Vor allem, wenn man ihnen interessante Modelle anbietet, bei denen ihr Risiko nicht zu groß ist. Bisher hat Werder aber ja nach außen anklingen lassen, man wolle sich nicht verschulden. Wenn Werder jetzt sagt, wir machen das doch, sind viele plötzlich vielleicht ansprechbar.

Es heißt, einige der potenziellen Geldgeber knüpften ihr Engagement an die Bedingung, dass Willi Lemke als Aufsichtsrats-Vorsitzender zurücktritt. Was halten Sie davon?

Es gibt in Bremen eindeutig Ressentiments gegen ihn. Sonst würden ihn doch nicht so viele Menschen in Leserbriefen oder Kommentaren im Internet kritisieren. Das ist ein wunder Punkt bei Werder.

Sollte Lemke zurücktreten?

Viele Leute in Bremen wollen, wenn Werder schon alles runterfährt, eine Umstrukturierung im Verein sehen. Fischer geht am Jahresende. Lemkes Beliebtheit ist nicht so irre groß. Also sollte da was unternommen werden. Ich sage jetzt mal ganz frech: Als wir Werder damals geführt haben, da waren wir ziemlich beliebt. Das klingt vielleicht arrogant, aber so war es. Werders Führung muss wieder geliebt werden von den Leuten, und dazu gehört auch mal ein lockerer Spruch – und die Perspektive, dass da noch was möglich ist in der Zukunft. Positives Denken – das brauchen wir jetzt bei Werder.

Können Sie sich vorstellen, Werder in einer aktiven Funktion zu helfen? Viele Fans würden sich das wünschen.

Wenn ich Werder beim Aufbau seines Images in irgendeiner Form helfen kann, wäre ich jederzeit bereit. Wenn ich gerufen werde, dann bin ich da – und wenn’s auch nur für eine kurze Zeit ist. Ich lasse meinen Verein nicht untergehen. Ich weiß aber, dass Werder selbst das nicht so gerne möchte – und ich will mich nicht aufdrängen.

Könnten Sie sich vorstellen, in den Aufsichtsrat zu gehen?

Im Moment ist der Aufsichtsrat noch für die kommenden zwei Jahre gewählt. Jetzt zwei Jahre zu warten und dann vier Jahre reinzugehen, kommt für mich auf keinen Fall infrage. Ich werde schließlich nächstes Jahr 75. Die einzige denkbare Frage wäre: Kann man während einer Laufzeit so einen Aufsichtsrat noch mal umgestalten? Das müsste man prüfen. Ich habe Werder ja zehn Jahre geführt – nicht ganz erfolglos. Ich bin sicher, dass man jetzt wieder Erfolge in die Wege leiten könnte – weil Werder ganz unten steht.

Mal angenommen, Lemke würde zurücktreten – wäre es dann für Sie eine Option, kurzfristig als Aufsichtsratschef einzuspringen?

Ich bin ziemlich sicher, dass er nicht zurücktritt. Wenn aber Werder Bremen zu mir kommt und sagt, du musst hier für die letzten anderthalb Jahre einspringen, dann würde ich das machen. Aber vorher würde ich darum bitten, einen Tag nachdenken zu dürfen. Denn ich müsste zuerst die Möglichkeiten abwägen: Was können wir in anderthalb Jahren aus diesem Verein machen?

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