Werders schwierige Kaderplanung

Anfangs Achse

Wie genau der Werder-Kader für die anstehende Zweitligasaison aussehen wird, ist noch völlig unklar. Für Trainer Markus Anfang steht nur, dass er so schnell wie möglich eine Achse im Team haben will.
07.06.2021, 19:57
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Von Daniel Cottäus
Anfangs Achse

Noch geht Markus Anfang allein durch den Tunnel, bald soll ihm eine neu sortierte Mannschaft folgen.

Carmen Jaspersen/dpa

Auf die insgesamt fünfte Frage zum Thema – eine gute halbe Stunde war die erste Pressekonferenz von Markus Anfang als neuer Werder-Trainer da alt – folgte eine ebenso bestimmte wie freundliche Absage. „Es ist schön, dass ich immer wieder auf den Kader angesprochen werde“, sagte der 46-Jährige, „aber ich kann es leider nicht besser beantworten, als ich es eben schon ein paar Mal gemacht habe“. Ständiger Austausch mit Sportchef Frank Baumann, natürlich Ideen und Kandidaten im Kopf, aber eben auch noch viel Ungewissheit – diese Stichworte waren zuvor wiederholt gefallen.

Konkreter werden oder gar Namen nennen, wollte Anfang an seinem ersten Arbeitstag nicht. Weil er es derzeit schlicht noch nicht kann. Wie genau seine künftige Mannschaft aussieht – der neue Cheftrainer wird es vermutlich vor August selbst nicht endgültig wissen. Was seine Aufgabe bei Werder vom Start weg erschwert. Und einem Vorhaben Anfangs umso größere Bedeutung verleiht: Während der Kaderplanung, immerhin das verriet der Ex-Profi, geht es nun zunächst darum, die neue Achse des Teams schnellstmöglich montiert zu bekommen.

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Leistungsträger in Abwehr, Mittelfeld und Angriff, solche, die immer spielen und dabei so gut wie nie unter ein bestimmtes Niveau fallen, was wiederum den Kollegen Sicherheit gibt – das ist in der Regel gemeint, wenn Fußballtrainer vom „Korsett“, den „Säulen“ oder eben der „Achse“ ihrer Mannschaft sprechen. Markus Anfang hat sogar noch ein weiteres Wort dafür parat. „Es ist wichtig, dass wir einen gewissen Stamm aufbauen, an dem sich die anderen Spieler orientieren können“, sagte er, ehe er sein „wichtig“ sogar noch einmal steigerte: „Das ist elementar.“ Und es führt unweigerlich zur Frage, welche der aktuellen Bremer Spieler künftig Teil von Anfangs Achse sein könnten. Genau das will der neue Trainer gemeinsam mit Sportchef Frank Baumann schnellstmöglich abklopfen. Nicht ausgeschlossen, dass der eine oder andere Profi während seines Sommer-Urlaubs einen dringenden Anruf erhält.

„Es geht darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wer die 2. Liga wirklich annimmt, wer sich damit identifiziert und es ein Stück weit wieder gut machen möchte“, sagte Baumann. Er erklärte, dass Werder trotz der großen finanziellen Dringlichkeit, Spieler in diesem Sommer zu verkaufen, eben nicht jeden mit Marktwert X bereitwillig ins Schaufenster stellen wird: „Es bringt nichts, einzelne Namen zu nennen. Aber natürlich ist es unser Ziel, eine gewisse Achse beizubehalten und den einen oder anderen Spieler zu überzeugen, diesen Weg hier weiterzugehen.“

Im Angriff dürfte beispielsweise Niclas Füllkrug so ein Spieler sein – aus gleich mehreren Gründen. Einerseits ist da natürlich die sportliche Qualität des 28-Jährigen, wenn sie auch notgedrungen mit der Hoffnung verknüpft werden muss, dass er endlich mal über einen längeren Zeitraum frei von Verletzungen bleibt. Darüber hinaus kennt Füllkrug die 2. Liga gut, hat insgesamt 102 Spiele für Nürnberg, Hannover und Fürth im Unterhaus bestritten und dabei 28 Tore erzielt. Auch vom Naturell her – geradlinig, ehrgeizig, meinungsfreudig – bringt er durchaus „Achsen-Attribute“ mit. Füllkrugs Vertrag in Bremen läuft noch bis 2023. Allzu viele attraktive Angebote dürfte es in diesem Sommer für ihn nach zwei schwierigen Saisons inklusive Kreuzbandriss nicht geben.

Auf der Baustelle Mittelfeld dürfte Werder derweil daran arbeiten, Maximilian Eggestein vom Gang in die 2. Liga zu überzeugen. Schon lange ist es der Plan des Vereins, den inzwischen 24-Jährigen zur großen Identifikationsfigur aufzubauen. Sportlich betrachtet wäre es ein Glücksfall für den Verein, sollte sich Eggestein (Vertrag bis 2023) am Projekt „Wiedergutmachung“ beteiligen. Andererseits wird er aber ganz sicher auch seine persönliche Karriere im Blick haben und steht mit einem Marktwert, den das Branchenportal „transfermarkt.de“ auf elf Millionen Euro schätzt, für eine potenziell hohe Sommer-Einnahme. Im zweitliga-erfahrenen Kevin Möhwald (87 Einsätze für Nürnberg, zwölf Tore, 23 Vorlagen) stünde eine Achsen-Alternative bereit. Der Vertrag des 27-Jährigen läuft allerdings im kommenden Jahr aus. So richtig kompliziert wird es aber erst beim Blick auf die Abwehr.

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Klar, in Ömer Toprak steht dort ein Spieler noch bis 2023 unter Vertrag, der, so lange fit und gesund, wohl auf Anhieb zu den besten der 2. Liga gehören würde. Sportlich wäre der 31-Jährige prädestiniert für die Aufgabe als Teil von Anfangs Achse. Aber will er das auch? Sieht sich Toprak im Herbst seiner Karriere wirklich im Unterhaus? Eher nicht. Viel wird am Ende davon abhängen, ob und welche Angebote es für den Verteidiger gibt, dessen Marktwert derzeit auf 2,5 Millionen Euro geschätzt wird und was er andernorts verdienen kann. Werders Problem: Führungsspieler-Alternativen gibt es in der Abwehr aktuell nicht. Niklas Moisander und Theodor Gebre Selassie sind bereits weg, Milos Veljkovic, Marco Friedl und Ludwig Augustinsson dürften folgen.

„Natürlich spielen auch persönliche Ziele der Spieler eine Rolle und auch, dass sie nach dem Abstieg eine deutliche Gehaltsreduzierung in Kauf nehmen müssten“, sagte Baumann. Um 40 bis 60 Prozent reduzieren sich die Bezüge aller Profis, was beim einen oder anderen für eine längere Bedenkzeit sorgen dürfte. „Der Kader wird zum Trainingsauftakt ganz sicher noch nicht stehen“, weiß Anfang – und hielt fest: „Das ist erschwerend für die Vorbereitungsphase.“ Sein Plan, um dem entgegenzuwirken: „Wir werden versuchen, die Spieler, die schon da sind, so weit zu bringen, dass sie die Spieler, die neu dazu kommen, mit anlernen können.“ Das klang dann wieder nach einer klassischen Aufgabe für die Achse.

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