Heimsieg gegen Hertha

Der Werder-Express nach Europa

Starker Heimauftritt vom SV Werder! Die Grün-Weißen haben Hertha BSC völlig verdient besiegt. Bremen klettert auf Platz sechs – und kann nun mehr denn je vom internationalen Geschäft träumen.
29.04.2017, 17:09
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Der Werder-Express nach Europa
Von Oliver Matiszick

Starker Heimauftritt vom SV Werder! Die Grün-Weißen haben Hertha BSC völlig verdient besiegt. Bremen klettert auf Platz sechs – und kann nun mehr denn je vom internationalen Geschäft träumen.

Zuerst war es nur ein aberwitziges Gedankenspiel, dann ein Traum, seit diesem Wochenende ist es ein mehr als greifbares Ziel: dass Werder in dieser unglaublichen Bundesliga-Rückrunde noch den Weg nach Europa schafft. Der 2:0 (2:0)-Sieg gegen Hertha BSC im ersten von vier Endspielen um den Einzug in den internationalen Wettbewerb hat es möglich gemacht. Weil der SC Freiburg zugleich überraschend in Darmstadt verlor, rückte Werder auf den sechsten Tabellenplatz vor – den Platz für den Traum von Europa. Und es war ein Sieg im Express-Tempo. „Absolut verdient“, nannte Sportchef Frank Baumann den Erfolg, auch wenn seine Mannschaft nach einer starken Anfangsphase schon bald einen Gang zurückgeschaltet hatte.

Lesen Sie auch

Gerade einmal eine Viertelstunde war im ausverkauften Weserstadion gespielt, als die Fieberkurve der Werder-Fans, die schon zehn Spieltage lang kontinuierlich gestiegen war, einen neuen Höhepunkt erreicht hatte. Hauptverantwortlich dafür waren wieder einmal zwei Spieler, die die Bremer Offensive schon seit Wochen beflügeln: Fin Bartels und der, das darf inzwischen festgestellt werden, unersetzliche Max Kruse, das Gesicht schlechthin des Werder-Aufschwungs im Frühjahr 2017. Ihre blitzartigen Tore – Bartels in der 9. Minute, Kruse dann in der 15. – zur schnellen Führung waren nicht nur feine Koproduktionen, sondern brachten auch die Statistiker ins Schwitzen.

Ergebnis der eiligen Archivarbeit: Seit Herbst 2010 hatte Werder es nicht mehr hinbekommen, nach nur einer Viertelstunde bereits mit 2:0 vorne zu liegen. Und: In diesem Augenblick hatten sich die Bremer erstmals in dieser Saison ein positives Torverhältnis erarbeitet. Dass Darmstadt 98 wenig später in seinem Heimspiel zur 1:0-Führung gegen Freiburg, Werders Tabellennachbarn und direkten Konkurrenten im Kampf um Platz sechs, traf – es war eine weitere hübsche Randnotiz an diesem Nachmittag.

Junuzovic nach Gelbsperre zurück

Dessen klarer Verlauf – die Bremer waren die klar überlegene, spielbestimmende Mannschaft – war so nicht vorherzusehen gewesen. Dazu war die Ausgangslage dieses Duells um den europäischen Wettbewerb zwischen den Berlinern (46 Punkte) und Verfolger Werder (42) zu eng. Und es war ja nicht nur so, dass die Bremer bis auf einen Punkt an den Tabellenfünften heranrücken konnten. Hertha hatte außerdem noch eine Rechnung mit den Bremern offen. Denn seinen überraschend guten Saisonverlauf verdankt das Team von Trainer Pal Dardai vor allem der überragenden Heimbilanz. Nur zwei Niederlagen mussten die Berliner im Olympiastadion hinnehmen – eine davon war das 0:1 gegen Werder (Torschütze: Max Kruse), man erinnert sich. Kleines Problem beim Berliner Unternehmen Wiedergutmachung: Auswärts gelingt ihnen nun schon seit acht Spieltagen rein gar nichts. In Tateinheit mit zahlreichen Ausfällen von verletzten Stammspieler räumte Hertha-Manager Michael Preetz vor Spielbeginn ein: „Die Favoritenrolle ist klar verteilt, die liegt eindeutig bei Bremen."

Lesen Sie auch

Zumal Werder-Trainer Alexander Nouri der Elf vertrauen konnte, die am vergangenen Wochenende mit dem 4:2 von Ingolstadt für den bisher letzten Akt des Werder-Rausches dieses Frühlings gesorgt hatte. Das bedeutete auch: Nouri kann es sich im Augenblick sogar leisten, einen Rohdiamanten wie Serge Gnabry nicht von Anfang an aufzubieten. Einzige Änderung im Vergleich zur Vorwoche: Mittelfeldmann Zlatko Junuzovic rückte nach verbüßter Gelbsperre wieder in die Startformation – für ihn musste sein österreichischer Landsmann Florian Kainz auf die Bank. Dort saß auch der genesene Thomas Delaney – für den vor seiner mehrwöchigen Verletzungspause (Muskelfaserriss) so bärenstarken Dänen organisierte wieder Maximilian Eggestein das defensive Mittelfeld vor der Abwehr. „Thomas ist erst diese Woche wieder ins Mannschaftstraining zurückgekehrt, wir wollen ihn progressiv wieder heranführen. Und Max hat das in den vergangenen Wochen gut gemacht“, begründete Nouri seine Entscheidung.

Werders Blitzstart

Und seine Mannschaft ließ vom Start weg keine Zweifel daran, dass der Trainer gut entschieden hatte. Sie übernahm sofort die Kontrolle, störte früh und ließ der neuformierten Berliner Elf keine Gelegenheit, die Verunsicherung abzulegen. So wurde für Dardais Team aus einem eigenen Vorteil dann auch der schnelle Rückstand. Einen Freistoß von Vladimir Darida am Bremer Strafraum blockte Junuzovic ab und brachte den Ball gedankenschnell zu Bartels. Der startete den Konter, legte nach rechts auf Kruse raus – und der lieferte den nächsten Nachweis seiner bestechenden Form ab. Der Doppelpass, den er mit Bartels spielte, hatte etwas von chirurgischer Präzision. Kruses Sturmpartner konnte durch die Berliner Hälfte auf das Tor von Rune Jarstein zulaufen – und Bartels behielt die Nerven, um den Berliner Keeper auch noch zu tunneln. 1:0 nach nicht einmal zehn Minuten. Die Fans lagen sich in den Armen. So konnte es weitergehen.

Und: Es ging so weiter. Ein Aussetzer von Jarstein, der einen Rückpass aus dem eigenen Strafraum unkoordiniert nach vorne schlug, ließ das Bremer Angriffsduo die Rollen tauschen. Bartels fing den Ball ab und legte für Kruse auf. Der musste nur noch einschieben – dieses 2:0, es war bereits Kruses 14. Saisontor. . „Das war viel zu naiv“, beklagte Trainer Dardai das Spiel seiner Mannschaft in dieser Phase.

Grillitsch verletzt sich

Der Werder-Express der ersten Viertelstunde, er hatte die Berliner komplett verunsichert. Zwar kamen sie vor der Pause nicht mehr in allzu große Verlegenheit, ein drittes Gegentor hinnehmen zu müssen – doch ihnen selbst gelang auch nichts, um irgendwas am Spielstand zu ändern. Dass eine 2:0-Halbzeitführung indes nicht automatisch zu einem dreifachen Punktgewinn führt: Werder hatte es beim 2:2 in Frankfurt am eigenen Leib erfahren müssen. So mochte es Sportchef Frank Baumann auch nicht wirklich gefallen, dass sich sein Team mehr und mehr auf das Verwalten des Vorsprungs verlegte. „Wir sind schon ab der 30. Minute einen Schritt weniger gegangen“, monierte er. Doch dieser Umstand ließ sich ja auch anders deuten. „Es spricht für uns, dass wir solche Spiele jetzt auch clever runterspielen können“, freute sich Keeper Wiedwald.

Denn tatsächlich kamen die Berliner deutlich verbessert aus der Kabine. Sie gestalteten ihr Spiel nun klarer, kamen zu mehr Ballbesitz. „Die Mannschaft hat Willen gezeigt“, stellte Hertha-Trainer Dardai fest, kritisierte aber: „Eine richtige Torchance hatten wir trotzdem nicht.“ Was ein zu hartes Urteil war. Denn Salomon Kalou schob den Ball bald nach Pause knapp links am Tor von Werder-Keeper Felix Wiedwald vorbei – wäre der linke Fuß der stärkere des Hertha-Angreifers, hätte der Bremer Vorsprung schon in dieser 52. Minute durchaus auch auf ein Tor schmelzen können.

Werders Mittelfeldmann Florian Grillitsch stand da schon nicht auf dem Platz. Er hatte sich bei einer Grätsche kurz vor der Halbzeit verletzt – und wurde zur Pause durch Rückkehrer Delaney ersetzt. Der war es dann auch, der alles richtig machte, um die endgültige Entscheidung zu erzwingen: Nach einem Steilpass hatte sich der Däne im genau richtigen Moment gelöst, war in den Berliner Strafraum gespurtet – doch seinen Querpass setzte der mitgelaufene Theodor Gebre Selassie aus kurzer Distanz über das Tor (71.).

Sané im Glück

Dieses vergebene 3:0, es schien sich in der Schlussphase zu rächen. Denn Hertha drückte – und hätte einen Elfmeter zugesprochen bekommen müssen. Werders Innenverteidiger Lamine Sané hatte im Strafraum den Fuß von Vedad Ibisevic erwischt und den Berliner Angreifer so zu Fall gebracht. Doch Schiedsrichter Patrick Ittrich (Hamburg) ließ die Partie weiterlaufen (82.).

So war am Ende auch ein klein wenig Glück dabei. Doch wirklich nötig hatte es der Werder-Express mit Ziel Europa nicht gehabt. „Wir können nur noch positiv überraschen“, sagte Fin Bartels mit Blick auf die drei noch ausstehenden Partien, „das ist einfach eine Top-Situation.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+