Was bisher bekannt ist Die Affäre Anfang: Erste Beweise und ein missmutiger Karnevalsverein

Die Staatsanwaltschaft Bremen hat erste Beweise dafür präsentiert, dass die Angaben im Impfpass von Ex-Werder-Trainer Anfang nicht stimmen. Ein Karnevalsverein in Köln hat sich auch zu Wort gemeldet.
22.11.2021, 19:47
Lesedauer: 4 Min
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Von Daniel Cottäus Carsten Sander Björn Knips

Bisher gab es nur Mutmaßungen, jetzt hat die Bremer Staatsanwaltschaft im Fall Markus Anfang erste Beweise präsentiert. So haben die Ermittlungen ergeben, dass die Angaben im Impfpass des ehemaligen Trainers des SV Werder Bremen nicht stimmen.

Anfang lässt sich inzwischen von einem Anwalt vertreten – und dieser hat bereits um Akteneinsicht gebeten. Gegen Anfangs Co-Trainer Florian Junge wurde am Montagnachmittag wie erwartet ebenfalls ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Aus organisatorischen Gründen war das am Freitag nicht mehr möglich gewesen. Junge hatte wie auch Anfang am Freitagabend seinen Rücktritt erklärt. Für beide ist das Kapitel Werder nach nur wenigen Monaten beendet, ihre Verträge wurden aufgelöst.

Kölner Impfzentrum hat keine Daten von Markus Anfang erfasst

Juristisch gesehen geht die Geschichte allerdings erst so richtig los. Stimmt alles, was jetzt bekannt geworden ist, dann sind die Beweise gegen Anfang erdrückend. Laut Impfpass sollen beide Impfungen des 47-Jährigen im Impfzentrum Köln durchgeführt worden sein. Doch dort hat Anfang definitiv keinen Piks bekommen.

„Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein, die für das Impfzentrum Köln zuständig ist, hat uns mitgeteilt, dass keine Daten von Herrn Anfang im EDV-System erfasst worden sind“, teilte Oberstaatsanwalt Frank Passade auf Nachfrage unserer Deichstube mit. Zudem sei die Chargennummer der ersten Impfung nie verimpft worden, und die Nummer der zweiten Impfung passe nicht zu dem in Anfangs Impfpass eingetragenen Datum. Deswegen geht die Staatsanwaltschaft von einer Fälschung des Impfausweises aus.

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Dafür sprechen auch die Datums-Einträge für die Impfungen. Der erste Piks soll nach „Spiegel“-Informationen am 20. April erfolgt sein – in Köln wohlgemerkt. Doch an dem Tag war Anfang mit seinem damaligen Club Darmstadt 98 in Würzburg und feierte einen 3:1-Sieg. Die zweite Impfung soll dann entgegen erster Hinweise nicht – wie von der unserer Deichstube berichtet – im Juli, sondern bereits am 1. Juni erfolgt sein. So oder so passt das überhaupt nicht zu Anfangs Aussagen kurz nach seinem Dienstantritt bei Werder Mitte Juni. Damals hatte der neue Coach erklärt, er sei noch nicht geimpft.

Auch im August galt der Ex-Profi immer noch als Ungeimpfter, musste sogar kurzzeitig in Quarantäne, weil ein Spieler positiv getestet worden war. Daran erinnerte sich dann ein Mitarbeiter der Bremer Gesundheitsbehörde, als er im Zuge des jüngsten Corona-Falls bei Werder (Marco Friedl) alle Impfausweise der Grün-Weißen überprüfte. So einen besaß inzwischen nämlich auch Anfang, allerdings mit falschen Angaben, wie sich nun herausstellt.

Und noch etwas Merkwürdiges ist dem Gesundheitsamt laut „Spiegel“ aufgefallen. Anfangs Impfausweis enthielt die Kategorie „Covid-19“. Doch diese Vordrucke gab es noch gar nicht zum Zeitpunkt der ersten Impfung. 

Anfang selbst wurde bislang noch nicht angehört. In der Regel entscheiden Anwälte nach der Akteneinsicht, ob sie ihren Mandaten aussagen lassen. Als Beschuldigter ist Anfang dazu nicht verpflichtet. Ob es zu einer Anklage und dann auch zu einer Hauptverhandlung kommt, ist offen. Bei einem Schuldeingeständnis besteht auch die Möglichkeit der Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage. Ein Strafbefehl mit einer Geldstrafe und einer Bewährungsstrafe ist ebenfalls möglich. Beides würde Anfang den Gang vor Gericht ersparen.

Auch DFB kündigt Ermittlungen gegen Markus Anfang an

Auch der DFB-Kontrollausschuss hat angekündigt, Ermittlungen gegen den zurückgetretenen Trainer des SV Werder Bremen aufzunehmen. Das berichtet der „kicker“. Anton Nachreiner, Vorsitzender des Kontrollausschusses, bestätigte demnach, dass geprüft wird, ob Anfang gegen die Hygienevorschriften des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) verstoßen hat.

Für Personen mit dem Status „geimpft“ gelten im Hygienekonzept der Liga andere, lockerere Vorschriften als für Personen ohne Impfung. Zum Beispiel ist das Testprogramm nicht mehr so engmaschig. Sollte Anfang also falsche Angaben gemacht haben, woran es auch ohne sein Eingeständnis kaum noch Zweifel gibt, hätte er die Regeln, die sich die Branche selbst auferlegt hat, gebrochen. Es wäre ein Foul am Solidaritätsgedanken und ein Verstoß gegen die Corona-Schutzregeln des Fußballs. Anfang muss sich darauf einstellen, dass die Branche darauf mit Härte reagieren würde.

Mögliche Sanktionen beginnen bei einer Geldstrafe, können aber auch ein zeitlich befristetes Funktionsverbot bedeuten. Dann dürfte Anfang in Ligen, für die DFB und DFL zuständig sind, nicht als Trainer arbeiten. Allerdings dürfte es für ihn in absehbarer Zeit ohnehin schwer werden, in Deutschland einen Verein zu finden, wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten sollten.

Anfang soll als Koch verkleidet Karneval in Köln gefeiert haben

Sicherlich nur ein Randaspekt der ganzen Angelegenheit, aber irgendwie ins Bild passend, ist eine Geschichte aus Köln. In seiner Heimatstadt hat Markus Anfang am 11.11. auf einer großen Party den Start in die neue Karnevalssaison gefeiert. Hunderte Jecken hatten sich im und am Maritim-Hotel getroffen, feierten und schunkelten auf der Veranstaltung des Vereins „Rote Funken“. Unter 2G+-Bedingungen – also geimpft oder genesen und zusätzlich negativ getestet – lief das Ganze ab.

Anfang, der mutmaßlich über keinen gültigen Impfnachweis verfügt, muss sich den Zugang zu der Veranstaltung also erschummelt haben.

„Herr Anfang hat bei uns gefeiert“, bestätigte Günter Ebert, Sprecher der Roten Funken, auf Nachfrage des „Express“: „Er hat bei uns Karten gekauft für diese Veranstaltung und war mit ein paar Leuten vor Ort.“ Der Impfpass habe mit dem Personalausweis und dem Test-Ergebnis übereingestimmt, sodass Anfang dann auch Zutritt bekommen hätte. „Wir wollen das nicht weiter kommentieren. Aber fair ist das sicher nicht gewesen von Herrn Anfang“, sagte der Funken-Sprecher. Anfang, als Koch verkleidet, soll auf der Party in Begleitung von einigen Mitarbeitern aus seinem Werder-Funktionsteam gewesen sein.

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