Werder gereift

Europa kann kommen

Natürlich sind Werders Fußballer wieder zu den Fans gegangen. Natürlich haben sie sich wieder feiern lassen. Und natürlich haben sie danach, als sie in die Katakomben kamen, wieder gute Laune gehabt.
29.04.2017, 19:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Andreas Lesch Nikolai Fritzsche

Natürlich sind Werders Fußballer wieder zu den Fans gegangen. Natürlich haben sie sich wieder feiern lassen. Und natürlich haben sie danach, als sie in die Katakomben kamen, wieder ziemlich gute Laune gehabt.

Die Rituale des Erfolgs sind selbstverständlich geworden in Bremen, sie sind keine Ausnahme mehr, sondern die Normalität. Die Mannschaft von Trainer Alexander Nouri hat ihre beeindruckende Serie auch im Heimspiel gegen Hertha BSC fortgesetzt. Sie hat 2:0 (2:0) gewonnen und in den jüngsten elf Partien nun neun Siege und zwei Unentschieden geholt. Oder, anders ausgedrückt: 29 von 33 möglichen Punkten. In der Tabelle sind die Bremer vom siebten auf den sechsten Platz geklettert, der sicher zur Teilnahme an der Qualifikation für die Europa League berechtigt. Sie haben jetzt sogar mal wieder ein positives Torverhältnis, das erste Mal seit langer, langer Zeit.

Woche für Woche haben sich die Bremer zuletzt weiterentwickelt, Woche für Woche sind sie gereift. Gegen Hertha zeigten sie, dass sie auch glanzlose Siege beherrschen. Sie bewiesen, dass sie einen Vorsprung auch verwalten können – auf eine so öde wie souveräne Art. „Gefühlt war das Spiel nach 20 Minuten entschieden“, sagte Torwart Felix Wiedwald. Damit hatte er recht: Nach den Treffern von Fin Bartels (9.) und Max Kruse (15.) hätte Schiedsrichter Patrick Ittrich die Partie auch abpfeifen können; so sehr waren die Verhältnisse auf dem Rasen geklärt.

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Je länger die Begegnung nach dem 2:0 dauerte, desto weniger taten die Bremer dafür, ihren Vorsprung auszubauen. Wiedwald fand das völlig okay. „Warum nicht?“, fragte er – und deutete diese Art der gepflegten Langeweile als Ausweis der Stärke: „Es spricht einfach für uns, dass wir jetzt auch solche Spiele so clever runterspielen können.“ Etwas schlampig wirkte der Auftritt der Bremer in der zweiten Hälfte aber schon. Sie leisteten sich Fehlpässe, sie griffen die Berliner nicht mehr so konsequent an, sie entwickelten in der Offensive kaum noch Ideen. Ein Bruch im Spiel? „Bruch würde ich es nicht unbedingt nennen“, sagte Außenverteidiger Robert Bauer. „Wir haben einfach defensiver gespielt als in der ersten Hälfte.“

Angreifer Fin Bartels sah die Leistung seiner Mannschaft nach der Pause etwas kritischer. „Wir haben uns ein bisschen aus dem Konzept bringen lassen, haben leichte Ballverluste gehabt und sind 45 Minuten ein bisschen hinterhergelaufen“, sagte er. „Wir haben uns das Leben unnötig schwer gemacht.“ Dann sagte Bartels noch einen Satz, der mindestens genauso wichtig war wie seine Kritik. Er sagte: „Aber das gehört dann auch mit dazu.“ Das waren wahre Worte. Denn die Bremer konnten sich ihre Nachlässigkeiten halt leisten. Sie hatten sich durch erstklassige Arbeit erst in die Situation gebracht, auch mal nicht perfekt zu sein. Sie waren zu Beginn der Partie so himmelhoch überlegen gewesen, dass ihnen ihre Schwächen danach nicht ernsthaft geschadet haben.

Feiner Kombinationsfußball

In den ersten 20 Minuten spielten die Bremer, als wollten sie zweistellig gewinnen. Sie zeigten ein perfektes Pressing, sie ließen den Berlinern keinen Raum und keine Zeit, sie zwangen sie zu Fehlern. Sie jagten jedem Ball hinterher – und gingen durch einen traumhaften Treffer in Führung. In manchen Momenten spielten die Bremer richtig feinen Kombinationsfußball, sie trauten sich auch mal einen Hackentrick. Sie machten da weiter, wo sie in den vergangenen Spielen aufgehört hatten. Sie waren, gegen einen atemberaubend schlechten Gegner, atemberaubend gut. „Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft“, sagte Trainer Nouri. „Es ist nicht selbstverständlich, dass sie wieder mit der Leidenschaft, mit dem Willen, mit der Überzeugung aufgetreten ist.“ Denn die Bremer hatten ja gerade erst vergangenes Wochenende ihr erstes großes Ziel, den Klassenerhalt, erreicht.

Bauer berichtete, in der Partie gegen Hertha sei auch die verhaltenere Spielweise nach der Pause Teil des Bremer Plans gewesen: „Wir sind mit der Einstellung in die zweite Halbzeit gegangen, dass wir auf jeden Fall kein Gegentor bekommen wollten.“ Dieses Vorhaben geriet nie in Gefahr, die Bremer ließen keine ernsthafte Berliner Chance zu. So hatte Bauer recht, als er sagte: „Das war heute wieder ein ganz, ganz verdienter Sieg.“ Herthas Trainer Pal Dardai lag zwar auch nicht falsch, als er anmerkte, das Spiel sei „außer in den ersten 20 Minuten ausgeglichen“ gewesen. Aber es war eben nur deshalb ausgeglichen, weil die Bremer das so wollten. Weil sie den Berlinern die Ausgeglichenheit gönnten.

Bauer blickt aufs Spiel in Köln

Und jetzt? Am Freitag treten die Bremer beim 1. FC Köln an, dann haben sie noch ein Heimspiel gegen 1899 Hoffenheim und ein Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund. Der Einzug ins internationale Geschäft ist jetzt wirklich nah. „Wenn wir die drei Punkte auch in Köln holen, dann sind wir einen ganz, ganz großen Schritt näher zur Europa League und zu unserem Ziel“, sagte Bauer. Sein Mitspieler Bartels befand: „Wir können nur noch positiv überraschen, das ist einfach eine Top-Situation.“ Er glaube, sagte Bartels noch, man könne „die Situation so ein bisschen genießen“. Zumal die Bremer von Alexander Nouri zwei Tage frei bekamen. Erst am Dienstag haben sie ihr nächstes Training.

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