Rudolf Hickel zur Werder-Anleihe

„Ein Ritt auf der Rasierklinge“

Ab Montag können auch Privatanleger die Werder-Anleihe zeichnen. Ob sie das machen sollten, darüber hat unsere Deichstube mit dem Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel gesprochen.
14.05.2021, 21:02
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Von Björn Knips
„Ein Ritt auf der Rasierklinge“

Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Rudolf Hickel glaubt nicht, dass Bremen Werder retten wird.

Frank Thomas Koch

Der 79-Jährige ist glühender Werder-Fan, macht sich aber große Sorgen um seinen Lieblingsclub und glaubt: „Dieses sichere Ticket, dass die Politik Werder hilft, um aus der Patsche zu kommen, dieses Ticket gibt es nicht mehr.“

Herr Hickel, würden Sie sich nach der Lektüre des Wertpapierprospekts die Werder-Anleihe kaufen?

Rudolf Hickel: Wenn ich ein eiskalt kalkulierender Vermögensmanager wäre, würde ich das Papier nicht empfehlen. Der Zinssatz ist mit 6 bis 7,5 Prozent überraschend hoch, aber das Risiko auch sehr groß. Als Werder-Fan würde ich es durchaus empfehlen, weil dahinter sehr viel Herzblut steckt. Nachdem es zu Sicherung der Zahlungsfähigkeit kurzfristig keine Alternativen gibt, unterzieht Werder sein Geschäftsmodell dem Härtetest der Finanzmärkte. Diesen Befreiungsschlag finde ich mutig. Ich habe noch nie so eine totale Transparenz des SV Werder durch die Vorlage des Prospektes zu dieser Anleihe mit dem Titel „Kontrollierte Offensive“ geboten bekommen.

Aber diese Transparenz offenbart auch große Probleme.

Hickel: Das stimmt, die Zahlen sind alarmierend. Ein zum 30. Juni prognostiziertes negatives Eigenkapital von 26 Millionen Euro und Verbindlichkeiten von fast 75 Millionen Euro sind schon heftig. Die Finanzierung ist ein Ritt auf der Rasierklinge.

Werder betont stets, dass die Einnahmeverluste durch die Corona-Pandemie die finanzielle Schieflage verursacht haben. Sehen Sie das auch so?

Hickel : Ja. Der Verein steckte 2015 schon mal in der Krise, hat sich dann bis 2019 aber ganz gut erholt. Da haben Klaus Filbry (Werder-Boss, Anm. d. Red.) und seine Leute einen guten Job gemacht und sind leicht über der schwarze Null hinausgelangt. Aber die Sicherung der Zahlungsfähigkeit war auch in dieser Phase immer eine stressige Aufgabe des Managements. Da trifft dich so eine Pandemie natürlich besonders hart, vor allem wenn du keine Investoren hast, die Geld zuschießen können. Der SVW ist wie viele andere Unternehmen ohne eigenes Verschulden mit Einnahmeausfällen von über 35 Millionen Euro konfrontiert worden. Deswegen habe ich auch die Landesbürgschaft für den 20-Millionen-Euro-Kredit ordnungspolitisch unterstützt. Doch klar war von Anfang an, dass dieses Kreditvolumen nicht ausreichen wird. Die Deckungslücke muss aber gestopft werden, um die Lizenz, die bisher nur vorbehaltlich gegeben wurde, nicht zu gefährden und eine Insolvenz zu vermeiden. Da ist die Anleihe alternativlos.

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Warum gibt es keinen weiteren Kredit?

Hickel: Weil das Land keine weitere Bürgschaft geben kann. Aber ohne Bürgschaft hätte Werder horrende Zinsen für einen Bankkredit zahlen müssen. In diesem Vergleich vermessen, sind die mindestens sechs Prozent, die Werder bei der Anleihe künftig jährlich finanzieren muss, noch vergleichsweise niedrig. Positiv ist auch, dass in der ersten Runde, als ausgesuchte Investoren und Werder-Freunde angesprochen worden sind, schon über zehn Millionen Euro zusammengekommen sind. Ich bin aber skeptisch, was nun die institutionellen Investoren betrifft. Ein Pensionsfonds oder ein US-Investmentfonds, der auf harte Kriterien der Bonität setzt, wird so ein Papier nicht in sein Portfolio übernehmen. Man braucht hier eben auch immer eine Sympathie für den Club.

Also Fans?

Hickel: Durchaus, allerdings welche, die sich mit diesem Geschäft auskennen. Die sechs Prozent sind eine Traumverzinsung. Wenn ich nach solchen Renditen gefragt werde, lautet meine Antwort eigentlich immer: Bei einem Angebot von fünf Prozent oder mehr können Sie Ihr Geld auch gleich in der Weser versenken, so riskant ist das meistens. Immerhin: Hier ist zumindest der Deal absolut klar. Die Geschäftsführung hat einen differenzierten Plan zum Gelingen der Finanzierung vorgelegt. Aber dazu sind viele riskante Annahmen gesetzt worden. Alles hängt vom Erfolg des SV Werder ab, und das kann man jede Woche sehen. Ein wunder Punkt für mich ist dabei ganz klar das Einnahmeziel auf dem Transfermarkt. 9,4 Millionen Euro bis Ende Juni netto, also aus den Verkäufen und Einkäufen von Spielern, ist kaum machbar. Danach soll es ja weitere Verkäufe geben, und das geht gar nicht.

Warum?

Hickel: Am Ende hat man dann vielleicht zwar das nötige Geld, aber auch die halbe Mannschaft verkauft. Und wir sind uns doch alle einig: Diese Mannschaft muss eigentlich verstärkt und darf nicht noch weiter geschwächt werden, um wettbewerbsfähig zu sein.

Was schlagen Sie vor?

Hickel: Werder muss in Richtung eines Investoren-Modells denken. Aber da ist einfach keine Lösung in Sicht. Deshalb sieht Klaus Filbry, der die Vermögensverhältnisse und die Gewinn- und Verlustrechnung vorbildlich offen gelegt hat, aktuell nur die Rettung durch den Zugriff auf die Finanzmärkte. Wie er sich da als Emittent einer Anleihe reingehängt hat, das zeigt auch, wie groß der Druck sein muss.

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Wie hoch schätzen Sie das Risiko einer Insolvenz ein?

Hickel: Das hängt maßgeblich vom sportlichen Abschneiden ab. In der Zweiten Liga wird die Rasierklinge noch schärfer. Übrigens geht der Prospekt zu dieser Schuldverschreibung vom Klassenerhalt aus. Wenn das nicht gelingt, dann muss die Rechnung komplett neu aufgemacht werden.

Wo sehen Sie Werder in fünf Jahren?

Hickel: Schwierig. Die Antwort werden viele nicht gerne hören, aber es gibt im Prinzip ja nur drei Möglichkeiten: 1. Der Verein existiert nicht mehr, weil er in die Insolvenz gegangen ist, oder er spielt zumindest im Profi-Fußball keine relevante Rolle mehr. 2. Werder wurschtelt sich irgendwie durch und bleibt in der ersten oder zumindest in der zweiten Liga. 3. Werder knüpft wieder an die erfolgreichen Zeiten an. Letzteres schließe ich allerdings derzeit aus. Das Risiko, dass Werder das nicht überlebt, darf nicht verschwiegen werden.

Aber Herr Hickel: Es heißt doch immer, dass Bremen und die Bremer ihren SV Werder niemals untergehen lassen werden.

Hickel: Es steht außer Frage, dass Werder einen immensen Wert für die Stadt und die Menschen hat – auch materiell. Der Werbewert für Bremen soll jährlich bei 50 Millionen Euro liegen, und es verdienen ganz viele Branchen bei Werder mit – vor allem bei den Heimspielen. Vorsichtig formuliert beobachte ich aber, dass das Paradigma, Werder gehört zu Bremen wie die Weser, nicht nur in der Bremer Politik bröckelt.

Warum ist das so?

Hickel: Bremen steht durch die Verluste an Steuereinnahmen infolge der Pandemie, aber auch der Schuldenbremse selbst finanziell so unter Druck, dass einfach das Geld fehlt, um Werder finanziell zu helfen. Die Landesbürgschaft war wahrscheinlich der letzte Akt der direkten Unterstützung. Dieses sichere Ticket, dass die Politik Werder hilft, um aus der Patsche zu kommen, dieses Ticket gibt es nicht mehr.

Aber es gibt ja nicht nur die Politik, sondern auch die Fans – und darunter sind durchaus wohlhabende Personen, die helfen könnten.

Hickel: Das ist richtig. Aber die Stimmung droht zu kippen. Die schlechten sportlichen Leistungen der vergangenen zwei Jahre haben aufs Fan-Gemüt geschlagen. Dann auch noch die Geisterspiele, durch die sich die Fans zwangsläufig von ihrem Club entfernt haben. Es gibt nicht mehr diese Kollektiv-Gewissheit in Bremen: „Wir müssen Werder unbedingt retten.“ Das muss der Club selbst machen – und dabei kann man positiv festhalten: Klaus Filbry versucht das mit der Anleihe auch. Wir können nur hoffen, dass es ihm gelingen wird. Ob dies ein Erfolgsmodell für die Zukunft ist, bleibt offen. Die Belastungen durch Zinsen werden enorm sein. Ich bin gespannt, wie Werder das dauerhaft meistern will. Sportlicher Erfolg würde sicherlich das Klima der fiskalischen Absicherung des SVW verbessern.

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