Neuer Werder-Chefcoach Ole Werner – Fußball-Tüftler mit Sinn für Humor

Ole Werner ist neuer Cheftrainer des SV Werder Bremen. Der Kieler gilt als uneitel, akribisch, verbindlich und nie um einen lockeren Spruch verlegen. Ein Portrait.
28.11.2021, 16:10
Lesedauer: 4 Min
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Von Daniel Cottäus

Es gibt da diese kleine Anekdote, gut zwei Jahre ist sie inzwischen alt, und irgendwie steht sie stellvertretend für das, was Ole Werner gemeinhin nachgesagt wird. Nahbar sei er, der neue Cheftrainer des SV Werder Bremen. Dazu uneitel, akribisch, stets verbindlich – und nie um einen lockeren Spruch verlegen. Hört man sich bei ehemaligen Weggefährten Werners um, sind es diese Beschreibungen seiner Person, die sich in unterschiedlichen Variationen wiederholen. Und von denen gleich mehrere am Nachmittag des 20. Oktober 2019 zum Ausdruck kamen.

In seinem erst vierten Spiel als Interimstrainer von Holstein Kiel hatte Werner beim VfB Stuttgart für die Sensation gesorgt und mit dem Underdog vor über 54.000 Zuschauern in der Mercedes-Benz-Arena einen 1:0-Erfolg eingefahren. Nie zuvor hatte der heute 33-Jährige vor solch einer großen Kulisse gecoacht – und wohl nur selten zuvor eine Pressekonferenz nach einem Spiel derart locker eröffnet.

Gemeinsam mit VfB-Trainer Tim Walter hatte Werner den Medienraum etwas vor der Zeit betreten und damit einige Journalisten überrascht, die sich direkt vor dem Podium noch eine Frikadelle schmecken ließen. „Erstmal guten Appetit in die erste Reihe“, begann Werner mit einem Schmunzeln, ehe er eine akribisch-sachliche Analyse des überraschenden Kieler Sieges folgen ließ. Kein schlechter Auftritt auf der großen medialen Bühne für einen Trainer, der gerade mitten in der Fußballlehrer-Ausbildung steckte und bis vor einigen Wochen noch die zweite Kieler Mannschaft in der Regionalliga betreut hatte. Nur vier Tage nach dem Spiel wurde Werner zum Cheftrainer ernannt. Es war ein großer Karrieresprung für das Kieler Urgestein. Werner stammt aus der Region und ist bereits seit Jugendtagen im Verein. Nach seiner Laufbahn als Spieler arbeitete er sich als Nachwuchscoach Stück für Stück näher an den Profibereich heran.

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Werner der Fußball-Tüftler: Parallele zu Florian Kohfeldt?

Die vom Abstieg bedrohte Zweitliga-Mannschaft führte er in seinem ersten Jahr auf Rang elf, im zweiten dann fast bis in die Bundesliga. Erst in der Relegation gegen den 1. FC Köln zerplatzte in der Saison 2020/2021 der große Kieler Traum vom Oberhaus. Den Ruf eines modernen, empathischen und sportlich vielversprechenden Trainers hatte sich Werner da längst erarbeitet.

In Kiel sagen sie ihm nach, ein Fußball-Tüftler zu sein. Einer, der Tag und Nacht an Details arbeitet, dabei immer wieder alles hinterfragt, ohne zu verbissen zu sein – und das Ganze nach außen hin auch noch nachvollziehbar erklären kann. Das dürfte in Bremen durchaus bekannt klingen, hört es sich doch stark nach Eigenschaften an, die auch Ex-Werder-Trainer Florian Kohfeldt in sich vereint und mit denen er gerade in seiner Anfangszeit als beförderter U23-Trainer enorm punkten konnte. Und dennoch: Ein „Kohfeldt 2.0“ ist Ole Werner keineswegs, weil er trotz aller Parallelen ein eigener Typ ist und fußballerisch einige Schwerpunkte anders setzt als der Coach des VfL Wolfsburg.

Werner setzt auf Positionsspiel und Verlagerungen

So stand Werner während seiner Kieler Zeit für ein sehr klares Positionsspiel und legte in einem 4-3-3-System großen Wert auf Ruhe und Struktur im Aufbau. Überfallartig ging es bei den „Störchen“ eher selten zu, vielmehr war die Mannschaft kontrolliert auf der Suche nach Räumen, was übrigens ein Lieblingswort von Ole Werner ist: Räume. Ebenfalls typisch für den Werner-Fußball: viele Verlagerungen und Positionswechsel in der Offensive.

Zu Beginn der laufenden Saison geriet all das allerdings ins Stocken. Werner soll bereits während des Sommers nicht mehr restlos überzeugt von der Qualität des Kaders gewesen sein. Trotzdem machte er weiter, ging mit dem Team in die Spielzeit, anstatt schon früher die Reißleine zu ziehen. „Loyalität und Verantwortungsbewusstsein spielten bei meiner Entscheidung eine größere Rolle als die vollständige Überzeugung von einer erfolgreichen Zukunftsvision“, erklärte er später in einem Interview mit dem „Kicker“. Nach der 0:3-Niederlage am siebten Spieltag bei Hannover 96 war dann Schluss: Werner trat mit sofortiger Wirkung als Cheftrainer zurück. Sein Vertrag in Kiel lief zwar weiter, dennoch verzichtete er auf Gehaltszahlungen. Werner zog sich weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurück und wartete auf neue Anfragen. Die aus Bremen nahm er schließlich an. 

Wie genau der neue Werder-Trainer seine Ideen und Vorstellungen am Osterdeich umsetzen wird, muss freilich abgewartet werden. Klar ist bereits: Sein damaliger Kieler Co-Trainer Patrick Kohlmann (38) wechselt mit nach Bremen. Ansonsten gibt es keine Veränderungen im Trainerteam. Gegenüber dem Magazin „11 Freunde“ sagte Werner im Frühjahr 2021: „Wenn ein neuer Cheftrainer kommt, gibt es ja immer zwei Möglichkeiten. Entweder man haut alles über den Haufen und macht eine Art Re-Start. Oder man versucht mit den Leuten, die da sind, gut zusammenzuarbeiten. Wenn es menschlich passt, ist das meine bevorzugte Herangehensweise.“ 
 

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