Werder gegen Monaco Schaaf und Wolter erleben Europapokal-Finale 30 Jahre danach erneut

Werder gegen Monaco: Auf Einladung unserer Deichstube haben Thomas Schaaf und Thomas Wolter das Europapokal-Finale in Lissabon vor 30 Jahren noch einmal erlebt - am Fernsehschirm.
02.05.2022, 18:54
Lesedauer: 5 Min
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Von Daniel Cottäus

Als alles vorbei ist und sich der DVD-Player leise surrend in den Feierabend verabschiedet, wird es auch vor dem Fernseher still, ja beinahe andächtig für einen kurzen Moment. Denn Thomas Schaaf und Thomas Wolter sagen kein Wort. 90 Minuten lang hatten sie sich zuvor selbst über den Bildschirm rennen, passen und grätschen sehen, ehe Schiedsrichter Pietro D’Elia ein Spiel abpfiff, das er schon vor 30 Jahren abgepfiffen hatte. SV Werder Bremen gegen AS Monaco, das Finale des Europapokals der Pokalsieger. Ausgetragen am 6. Mai 1992 im Estádio da Luz von Lissabon – und nun, passend zum runden Geburtstag der Partie, erstmals mit zwei der Bremer Helden von einst zur Wiederaufführung gebracht.

Gemeinsam mit unserer Deichstube haben sich Schaaf und Wolter die TV-Übertragung des Klassikers in voller Länge angesehen – bei Kaffee und Mettbrötchen, hin und wieder staunend, durchgehend nostalgisch. „Zwischendurch hatte ich richtig Gänsehaut bei Szenen, von denen ich noch genau weiß, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe“, sagt Schaaf mitten in die Stille vor dem Fernseher. Wolter ergänzt: „Das erinnert einen wieder daran, dass man zu einem der größten Triumphe von Werder Bremen beigetragen hat.“
Mit 2:0 haben die Bremer das favorisierte Monaco damals besiegt, auch 2022 fühlt sich das noch ziemlich gut an. Und es sorgt für ein breites Lächeln bei Schaaf und Wolter, die im Nachgang des großen Erfolgs zu zweit einen ganz besonderen Moment erlebt haben, der sie bis heute eng verbindet. Das Protokoll einer Zeitreise.

Der Vorbericht

Schaaf und Wolter haben gerade erst ihre Plätze eingenommen, da spricht ZDF-Reporter Günter-Peter Ploog nüchtern an, was auf den TV-Bildern ohnehin längst zu sehen ist: Nichts los in Lissabon. Gerade einmal 15 000 Fans haben sich ins Estádio da Luz verirrt, das normalerweise unglaubliche 120 000 Zuschauer fasst. „Bremen und Monaco interessieren die Portugiesen halt herzlich wenig“, sendet Ploog aus der Vergangenheit ins Jahr 2022.

Thomas Wolter begeistern die mitgereisten Bremer Anhänger – viele von ihnen haben die gut 3 000 Kilometer lange Distanz mit dem Auto zurückgelegt – dafür umso mehr. „Schon herrlich, die Mode damals“, sagt er und freut sich über Kutten und Ballonmützen, während Schaaf wenig später bei den eingeblendeten Mannschaftsaufstellungen ehrfurchtsvoll Namen in seinen Bart raunt: „Rui Barros, George Weah, Petit, Mendy. Schon ne gute Mannschaft haben die gehabt.“ Werder allerdings auch. In den Runden zuvor hatten das bereits der FC Bacáu, Ferencváros Budapest, Galatasaray Istanbul und auch der FC Brügge zu spüren bekommen.
„Boah, wir waren nervös ohne Ende“, sagt Wolter, als er sich und seine Kollegen auf den Platz kommen sieht. Und irgendwie entsteht jetzt auch vor dem Fernseher eine Art Retro-Anspannung. Gleich geht’s hier los, Finale! „Und der Anstoß, der SV Werder Bremen von links nach rechts“, kommentiert Ploog.

Die 1. Halbzeit 

Thomas Wolter, das muss man wissen, ist in Werder-Kreisen bekannt dafür, so etwas wie ein fotografisches Fußballgedächtnis zu haben. Deshalb kann er seinen Fehler gleich zu Beginn des Spiels 30 Jahre später auch ansprechen, bevor er auf dem Bildschirm überhaupt passiert ist. „Man wird gleich sehen, dass mir bei der ersten Aktion der Ball unter der Sohle durchrutscht“, sagt er – und schon rutscht der Ball. Unter der Sohle durch. Schaaf hingegen sitzt zu diesem Zeitpunkt noch doppelt, vor der TV-Übertragung und auch in ihr – nämlich auf der Bank. Trainer Otto Rehhagel hatte Wolter auf der rechten Abwehrseite den Vorzug gegeben. „Erstmal war ich natürlich enttäuscht“, sagt Schaaf, der aber schon bald ins Spiel kommen sollte – für den verletzten Wolter, was die beiden Männer am Ende einer langen Partynacht noch in Lissabon als „glückliche Fügung“ einordnen werden.

„Mann dooo, der Wolter hat ja nur Foul gespielt“, frotzelt Schaaf, nachdem der Kollege einen Monegassen ziemlich kompromisslos von den Beinen geholt hat. Wie auf Kommando sorgt Kommentator Ploog für die Pointe: „Einige mahnende Worte an Thomas Wolter jetzt, der dem Schiedsrichter schon mehrfach unangenehm auffiel.“ Großes Gelächter, klirrende Kaffeetassen. Die beiden Werder-Legenden, sie sind im Jahr 2022 jetzt richtig angekommen im Spiel. Nach einer insgesamt wenig ansehnlichen Anfangsphase (Schaaf: „Wie unruhig das alles war“) passiert es in der 34. Minute: Wolter zieht sich bei einer Rettungstat gegen Rui Barros einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zu und muss raus – Schaaf kommt rein. „Kalt rein“, wie er sagt, denn zum Aufwärmen bleibt in der Tat keine Zeit. Wolter trägt sein frühes Aus damals mit Fassung und nimmt es heute mit Humor: „Klar habe ich mich geärgert, aber so war wenigstens der Hemmschuh raus.“ Schaaf lacht, denn er weiß, was gleich kommt. „Sechs Minuten haben wir danach noch bis zum 1:0 gebraucht“, sagt er und spult die Szene aus der 40. Minute schon mal als inneren Film ab: „Langer Ball, dann Kopfball, dann Klaus Allofs mit dem rechten Huf.“ Viel besser kann es auch Günter-Peter Ploog kurz darauf nicht zusammenfassen. Werder führt! Was 30 Jahre danach bei Schaaf und Wolter freilich nicht mehr für Jubelschreie sorgt. Für einen rundum zufriedenen Gesichtsausdruck aber sehr wohl. Darauf noch ein Mettbrötchen!

Die 2. Halbzeit 

Natürlich werden sie beim nachträglichen Endspiel-Schauen durchgehend gezogen, die Vergleiche zwischen dem Fußball von damals und heute. Dass die Torhüter Rückpässe mit der Hand aufnehmen dürfen, wovon beide Teams 1992 noch reichlich Gebrauch machen? Längst abgeschafft. „Die neue Regel hat dem Spiel richtig gutgetan“, sagt Wolter, der mit dem modernen Fußball und dessen Event-Charakter hier und da aber fremdelt. Schaaf geht es ähnlich, was er gerade erklärt, als sich vor ihm auf dem Bildschirm in der 54. Minute Entscheidendes anbahnt. „Da ist das Tor, jetzt kommt’s“, sagt der 61-Jährige, rückt auf seinem Stuhl vor und ruft Wynton Rufer in die Vergangenheit zu: „Mach das Ding, mach das Ding! Lauf doch mal hin.“ Rufer läuft hin und trifft – nachdem er Monacos Torhüter umspielt hat – zum 2:0-Endstand. Den Franzosen fällt danach nicht mehr viel ein, „die waren mausetot“, stellt Wolter zufrieden fest. Schlusspfiff! Siegerehrung! Dann ab auf die große Party!

Die Nacht von Lissabon

Im Mannschaftshotel direkt am Atlantik sind plötzlich alle da, die Partnerinnen der Spieler, Werders gesamte Chefetage, geladene Gäste. Trainer Rehhagel lässt sogar die Journalisten mitfeiern. Auf stolze 40.000 DM soll sich die Hotelrechnung am Ende belaufen haben. „Ich weiß noch, dass unser Manager Willi Lemke am nächsten Morgen sehr blass war“, erinnert sich Wolter, der sich das letzte Bier in den frühen Morgenstunden mit aufs Hotelzimmer nimmt.
„Ich habe das Bier getrunken, du hast eine geraucht“, sagt der 58-Jährige und sieht Schaaf dabei an. Auf dem Balkon, mit Blick aufs Meer, genießen die beiden Männer, von denen eigentlich nur einer hatte spielen sollen, erschöpft den Sonnenaufgang, unterhalten sich, lassen alles sacken. „Das war ein traumhafter Moment, unglaublich schön“, sagt Schaaf. Anders als das Spiel lässt er sich 30 Jahre danach nicht noch einmal per Video in allen Details zurückholen. Und dennoch: Als die Vorführung vorbei ist, wirken Schaaf und Wolter für einen kurzen Moment so, als säßen sie wieder als frisch gebackene Europapokalsieger auf dem Hotelbalkon.

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