Sehnsucht nach der Sechs Werder will Lösung für Dauerbaustelle präsentieren

In der neuen Saison wollen die Bremer für die Sechserposition eine möglichst dauerhaft-verlässliche Lösung präsentieren, damit die Zeit des Improvisierens endlich vorbei ist.
22.03.2021, 16:39
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Von Daniel Cottäus

Länderspielpause in der Bundesliga – früher, also vor der Corona-Pandemie, war das stets eine Zeit, in der sich etliche Mitarbeiter des SV Werder Bremen ins Flugzeug gesetzt haben. Ihr Ziel: die unterschiedlichsten Ecken der Welt. Großkampftage für die Scouting-Abteilung, deren Mitglieder live und vor Ort nach potenziellen Neuzugängen Ausschau hielten, nach den größten Talenten und verheißungsvollsten Versprechen. Lange vorbei.

Inzwischen wird nur noch auf Bildschirme geschaut. „Reisen dürfen wir in der Pandemie weiterhin nicht“, berichtet Clemens Fritz, der Werders Scouting-Abteilung leitet. „Auch haben wir keine Möglichkeit, in die Stadien zu kommen.“ Die anstehenden Länderspiele haben sich der Ex-Profi und sein Team natürlich trotzdem aufgeteilt. Jeder Scout hat eine Liste mit Spielen bekommen, die er per Video sichtet, abarbeitet. Im Zentrum der Aufmerksamkeit dabei, nicht nur, aber doch sehr: die Sechserposition. In der neuen Saison wollen die Bremer dort eine möglichst dauerhaft-verlässliche Lösung präsentieren, damit die Zeit des Improvisierens endlich vorbei ist.

„Wir fahnden grundsätzlich nach allen Positionen“, sagt Fritz, räumt dann aber ein: „Die Sechs ist natürlich ein Thema, das wir ganz genau im Blick haben.“ Schon seit Jahren sucht Werder für die zentrale und strategisch so wichtige Rolle vor der Abwehr nach einer Königslösung, nach einem Spieler, der die Dauerbaustelle schließt – und Florian Kohfeldt damit auf anderen Positionen wiederum neue Möglichkeiten gibt. In dieser Saison, nur zur Erinnerung, hat der Trainer auf der Sechs (oder der Doppel-Sechs) schon etliche Varianten ausprobiert. In Davy Klaassen (ehe er nach dem dritten Spieltag zu Ajax Amsterdam wechselte), Maximilian Eggestein, Christian Groß, Manuel Mbom, Kevin Möhwald und auch Leonardo Bittencourt kamen in der Bundesliga bereits sechs Profis des SV Werder Bremen von Beginn an in dieser Rolle zum Einsatz. Das Problem: Mit Ausnahme von Groß, der bei allem Respekt vor seinen Leistungen mit 32-Jahren kaum eine Zukunftslösung darstellt, ist keiner von ihnen ein waschechter defensiver Mittelfeldspieler.

Das sieht auch Fritz so. „Maxi Eggestein und Kevin Möhwald sind eher die spielerischen Typen“, sagt der 40-Jährige, der das Duo genauso wie Manuel Mbom „mit seinen tiefen Läufen und seiner Dynamik“ grundsätzlich auf der Achterposition verortet. Auch Bittencourt, der zuletzt während des 2:0 in Bielefeld auf der Doppel-Sechs begann, hat seine Stärken eindeutig weiter vorne. Heißt: Der fehlende Sechser lässt sich mit den vorhandenen Bordmitteln zwar durchaus kompensieren, kostet eine Reihe davor aber immer wieder Kreativität und Torgefahr. Über Möhwald, Werders Sechser am vergangenen Spieltag gegen Wolfsburg, sagt Fritz beispielsweise: „Er ist einer, der gerne mit in den Strafraum geht, weil er da Stärken hat. Als Sechser ist er aber mehr darauf bedacht, die Position zu halten und dem Defensivverbund Stabilität zu geben.“ Zwar hat Möhwald während der 1:2-Niederlage gegen Wölfe mit seinem Tor gezeigt, dass er auch aus dem defensiven Mittelfeld heraus für Gefahr sorgen kann. Als Achter hätte er solche Szenen aber deutlich häufiger.

Rückblickend wäre es nun leicht, Werders Entscheidung, Philipp Bargfrede vor der Saison keinen neuen Vertrag mehr anzubieten, als Fehler zu beschreiben. Angesichts der Verletzungshistorie des Bremer Urgesteins dürfte den Verantwortlichen die Planungsunsicherheit aber schlichtweg zu groß gewesen sein, was nachvollziehbar ist. Da auch Nuri Sahin (spielt inzwischen in der Türkei für Antalyaspor) und Kevin Vogt (zurück nach Hoffenheim) den Verein verließen, war die Lücke auf der Sechs plötzlich größer denn je. „Wir haben im letzten Jahr einen Umstrukturierungsprozess in der Mannschaft gestartet, haben erfahrene Spieler verloren und dafür jüngere, sehr talentierte Spieler dazugewonnen“, blickt Fritz zurück. Nur der strategische Sechser, der sofort helfen kann, kam nicht. Werders ambitionierter Plan, Marko Grujic per Kraftakt vom FC Liverpool auszuleihen, soll letztlich an den Gehaltsvorstellungen des 24-Jährigen gescheitert sein. Grujic wurde dann Anfang Oktober zum FC Porto verliehen.

Die Bremer Hoffnungen, dass Patrick Erras (kam aus Nürnberg) womöglich auf Anhieb die vakante Planstelle ausfüllen könnte, erfüllten sich nicht. Der 1,96-Meter-Mann benötigte Zeit, um sich an die Bremer Spielidee zu gewöhnen, dann verletzte er sich Anfang Januar und stand seitdem gar nicht mehr im Kader. „Er ist bei mir keinesfalls abgeschrieben“, sagt Trainer Kohfeldt zwar über Erras. Als Sechser-Lösung für die laufende Saison kommt der 26-Jährige aber nicht mehr in Frage. Möglich, dass er in der neuen Spielzeit den Konkurrenzkampf auf dieser Position anheizen kann. Dann sehr wahrscheinlich aber als Herausforderer eines neuen Mister X.

„Man darf nicht vergessen, dass es bei unserer finanziellen Situation, mitten in einer Pandemie nicht so einfach ist, den Spieler mit dem richtigen Profil zu finden“, bremst Fritz die Erwartungen jedoch etwas aus. Allerdings wird dem Scouting-Chef klar sein, dass ein Sechser auf der Wunschliste seines Trainers ganz weit oben steht. „Wir haben ja selbst schon mehrfach gesagt, dass uns ein strategischer Sechser guttun würde“, erinnert Fritz, dem für den Moment nichts weiter bleibt, als Kohfeldt für dessen Improvisationstalent zu loben: „Wie er diesen Weg mitgeht, ist beeindruckend.“ Es ist ein Weg, der im Sommer endlich zu einem Ziel führen soll.

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