Werder-Außenangreifer: Alles bestens Benjamin Goller: Wiederholt verliehen, aber zufrieden

Benjamin Goller ist aktuell vom SV Werder Bremen an den kommenden Gegner Darmstadt 98 ausgeliehen. Im Gespräch erzählt er, wie sich das Leben als Leihspieler im Profifußball anfühlt.
16.10.2021, 14:42
Lesedauer: 5 Min
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Von Hans-Günter Klemm

Leihspieler zu sein, das hat etwas Heimatloses. Hier unter Vertrag zu stehen, aber dort zu spielen, ist zwar gängige Praxis im Profi-Fußball, aber ein echtes Zugehörigkeitsgefühl kann so nur schwer entstehen. Denkt man. Benjamin Goller widerspricht jedoch.

Er ist aktuell vom SV Werder Bremen an den kommenden Gegner Darmstadt 98 ausgeliehen. In der Saison zuvor spielte er – ebenfalls auf Leihbasis – für den Karlsruher SC. Mit diesem Fußballer-Vagabundenleben ist der 22 Jahre alte Außenangreifer allerdings sehr zufrieden, wie er im Gespräch mit unserer Deichstube betont. Er freut sich über die Spielpraxis, die er in der Ferne bekommt. Erstaunlich bleibt allerdings, dass Werder ihn im Sommer trotz Bedarfs auf den Außenpositionen abgab – eine Maßnahme, die ohne vorheriges Gespräch zwischen Trainer und Spieler vollzogen wurde. Goller sagt: „Ich musste das akzeptieren.“

Benjamin Goller, erklären Sie uns bitte, wie sich das Leben als Leihspieler im Profifußball anfühlt.
Goller: Ganz normal, ich kann mich in keiner Weise beklagen. Und es ist im Profifußball auch nichts Ungewöhnliches. Ich habe mich in der letzten Saison beim Karlsruher SC wohlgefühlt und tue es momentan auch hier in Darmstadt.

Erst Werder Bremen, dann die Station KSC und nun die Lilien – drei unterschiedliche Clubs binnen drei Jahren. Nervt diese ständige Wechselei nicht?                                                                             Überhaupt nicht. Es wäre nur der Fall, wenn es mit der neuen Mannschaft nicht passen würde. Doch wie schon betont: Das Gegenteil ist der Fall. Die neuen Teams haben mich gut aufgenommen. Also alles bestens.

In Karlsruhe waren Sie mit 27 Einsätzen Stammspieler, auch in Darmstadt standen Sie bislang in jeder Partie auf dem Platz – in dieser Hinsicht zahlen sich die Leihen für Sie aus, oder?
Ja, das war auch Sinn und Zweck der Leihgeschäfte. Ich bin froh, dass ich so oft zum Einsatz komme.

Wie sehen Sie Ihre Perspektiven? Rechnen Sie damit, auf Dauer im Kader bei Werder eine feste Größe zu werden? 
Ehrlich gesagt, mache ich mir momentan darüber keine Gedanken. Obwohl ich noch jung bin, habe ich erfahren, wie schnelllebig das Geschäft ist. Ich denke nicht über die nächste Spielzeit nach, sondern konzentriere mich auf das Hier und Jetzt.

Hat Markus Anfang, der neue Coach in Bremen, im Sommer mit Ihnen gesprochen?
Nein, doch es gab Gespräche mit Frank Baumann und Clemens Fritz.

Was haben Ihnen die beiden Macher und Kaderplaner gesagt?
Sie haben mir mitgeteilt, dass sie davon ausgehen, dass ich woanders mehr Spielzeit erhalte als bei Werder. Damit liegen sie richtig, wie meine Bilanz zeigt. Von daher haben sie eine weitere Leihe empfohlen.

Es ist bekannt, dass Anfang mit zwei Flügelspielern operieren lässt. Gerade zu Saisonbeginn hatte er kaum Personal für dieses System. Sie sind ein Außenbahnspieler. Hat es Sie nicht erstaunt, dass Sie bei dieser Konstellation nicht zur Debatte standen?
Trainer haben nun mal ganz bestimmte Vorstellungen. In den Überlegungen habe ich anscheinend keine Rolle gespielt, das musste ich akzeptieren. Es ist gut kommuniziert worden, so dass der Plan mit einer erneuten Ausleihe ins Auge gefasst werden konnte. Schlechter aus meiner Sicht wäre gewesen, wenn ich hätte bleiben müssen, aber kaum eine Rolle gespielt und wenig Spielpraxis bekommen hätte.

Sie haben anfangs in Bremen mit Johannes Eggestein in einem Team gestanden. Er ist wie Sie zunächst ausgeliehen worden, ist dann ohne eine annehmbare Perspektive zurückgekehrt und hat Bremen inzwischen verlassen. Veranlasst Sie dieser nicht ganz glückliche Fall eines aussortierten Talentes zum Nachdenken?
Ich weiß, dass sich von einem Moment zum anderen etwas grundlegend ändern kann. Es muss nur ein neuer Trainer kommen, ein Trainer mit anderen Vorstellungen – und alle deine Pläne sind hinfällig.

Als Angestellter bei Werder, dessen Vertrag noch bis 2023 läuft, haben Sie gewiss die letzten Monate verfolgt. Wie bewerten Sie den Bremer Saisonauftakt?
Werder hatte einen nicht ganz so einfachen Start in dieser Liga, in der sich viele Teams schwertun. Alle Mannschaften, die nach der Papierform zur Spitze zu rechnen sind, haben diese Erfahrung machen müssen. Aber die Bremer haben eine große individuelle Qualität, das haben sie nicht zuletzt beim 3:0 gegen Heidenheim gezeigt.

Zählen Sie Werder zum Kreis der Favoriten?
Auf jeden Fall! Als Absteiger aus der Bundesliga muss Bremen zum Favoritenkreis gerechnet werden. 

Wer noch? 
Schalke unbedingt, aber auch der Hamburger SV. Dazu wird, auch das hat schon Tradition, sich ein Überraschungsteam melden. Im Augenblick sieht es danach aus, als könnte es Regensburg sein. Ich bin gespannt, wie sich die Regensburger halten werden und ob sie am Ende ins Rennen um den Aufstieg eingreifen können.

Darmstadt hat nach neun Spielen 13 Punkte auf dem Konto. Sind Sie mit dem bisherigen Abschneiden Ihres Teams zufrieden?
Wir haben aufgrund unserer Corona-Fälle einschließlich der Quarantäne-Maßnahmen einen nicht so guten Beginn erwischt mit den zwei Niederlagen zum Auftakt. Doch wir haben als Team zusammengehalten, haben uns da gemeinsam rausgekämpft. Und als wir dann kadermäßig so langsam wieder komplett waren, lief es besser. Nun sieht es ganz gut aus, wenngleich wir als Mannschaft noch ein wenig Zeit brauchen.

Wie kommen Sie mit Trainer Torsten Lieberknecht klar?
Sehr gut, die Arbeit mit ihm, sein abwechslungsreiches Training macht ungeheuer Spaß. Doch ich möchte betonen, dass ich mit allen meinen Trainern im Profifußball bislang gut zurechtgekommen bin.

Was zeichnet Lieberknecht aus?
Er ist ein guter Kommunikator und Motivator. Mit allen, auch mit den Reservisten, sucht er das Gespräch. So fühlt sich niemand ausgegrenzt. Es ist gut für den Mannschaftsgeist.

Wie lautet das Saisonziel in Darmstadt?
Gute Frage, die ich nicht direkt beantworten kann und möchte. Auch wenn es abgedroschen klingt, wir schauen von Spiel zu Spiel. Und wir werden sehen, was herauskommt. 

2019 sind Sie aus der berühmten Schalker Knappenschmiede zu Werder gewechselt. Dort scheint Ihre hoffnungsvolle Karriere als U 20-Nationalspieler ins Stocken geraten zu sein. Bereuen Sie Ihre Entscheidung?
Auf keinen Fall, es hat mir geholfen. Im ersten Jahr bin ich zunächst auf zehn Bundesliga-Einsätze gekommen. Als die Mannschaft dann in der Tabelle abrutschte, wurde ich als junger Spieler nicht mehr so oft berücksichtigt, was für mich nachvollziehbar gewesen ist. Dennoch hat mir der Wechsel aus Gelsenkirchen nach Bremen gutgetan. Ich konnte Erfahrungen sammeln. Diese Zeit hat mich weitergebracht.

Darmstadt ist aktuell mit 21 Toren eines der treffsichersten Teams in der 2. Liga. Muss sich deshalb – speziell nach dem jüngsten 6:1-Triumph in Sandhausen – der Blick nicht nach oben richten?
Der Blick richtet sich auf uns und den kommenden Gegner, nirgendwo sonst hin. In dieser engen Liga tun wir gut daran, uns auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren. Und die ist mit Werder anspruchsvoll genug.

Welche Gefühle haben Sie bei dem Wiedersehen mit Bremen? Eine Partie, bei der Sie vorspielen und sich interessant machen wollen?
Meine Gedanken sind nur darauf ausgerichtet, wie wir das Spiel am Wochenende erfolgreich gestalten können. 

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