Konkurrenzkampf entpuppt sich als Kämpfchen

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In dieser Saison will Werder mit einem gesunden Konkurrenzkampf die vorhandenen Defizite kompensieren, die Herausforderer im Kader sorgen jedoch einmal mehr kaum für Druck aus der zweiten Reihe.
14.11.2020, 17:22
Lesedauer: 4 Min
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Von Malte Bürger
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Auch Romano Schmid verpasste die Chance, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen.

nordphoto

Satte 105 Minuten Fußball hatte es zu sehen gegeben. Reichlich Zeit also, um zu zeigen, was man so drauf hat. Gerade dann, wenn man nicht zu der ersten Elf gehört, die wöchentlich für Werder Punkte holen soll. Es wirkte deshalb fast schon verstörend, wie leichtfertig viele Spieler im Test gegen den FC St. Pauli ihre Chance ungenutzt ließen. Florian Kohfeldt war nach der 2:4-Niederlage auf Platz 11 darum bemüht, die aufziehenden dunklen Wolken zu vertreiben, indem er sagte: „Hier hat keiner eine Nicht-Leistung gebracht. Es war mit Sicherheit verbesserungswürdig, aber wir sollten es jetzt nicht dramatisieren.“ Reichlich blamabel war das Gezeigte dennoch.

In diesen Tagen gibt es einige Worte, die am Osterdeich die Runde machen. Von einem Prozess ist häufig zu hören. Vom Mut. Oder von einem Konkurrenzkampf. Bedenklich wird es allerdings, wenn sich die Herausforderer als Scheinriesen entpuppen. „Es war von dem einen oder anderen einfach zu wenig, und das ist etwas, was natürlich auch Auswirkungen auf die nächsten Wochen hat“, monierte Sportchef Frank Baumann. „Durch Trainingsleistungen und Testspiele kann man seine Position verbessern – oder auch ins Hintertreffen geraten.“

Namen wollte Baumann nicht nennen, doch die Kritik war auch so deutlich genug. Zumal offenkundig war, wen der 45-Jährige gemeint haben dürfte. Romano Schmid oder Tahith Chong etwa. Beide waren zwar einigermaßen positionsfremd zu Testzwecken als äußere Mittelfeldspieler aufgeboten worden. Wie groß die Defizite waren, die sie dort gegen den Tabellen-17. der 2. Bundesliga offenbarten, überraschte dann aber doch. „Sie sollten beide recht unbekümmert spielen, ein paar taktische Dinge haben wir ihnen natürlich trotzdem mitgegeben. Da hat man gut gesehen, was umgesetzt wurde, aber auch einiges, was nicht umgesetzt wurde“, sagte Kohfeldt, der süffisant hinterherschob: „Ich denke, dass wir es noch einmal testen werden, bevor wir es im Ligaalltag machen.“

Sinkende Einsatzchancen

Doch nicht nur dieses Duo enttäuschte. Milot Rashica bereitete zwar das zwischenzeitliche 1:2 vor, ansonsten gab es aber wenig Erbauliches. Patrick Erras schaffte es erneut nicht, sich nachhaltig für einen Einsatz im defensiven Mittelfeld zu bewerben. Yuya Osako tauchte abgesehen von einem schönen Torschuss fast komplett ab. Kevin Möhwald mühte sich zwar redlich, die passenden Mittel hatte aber auch er nicht parat. In der Abwehr wirkte Niklas Moisander nicht immer sicher, Marco Friedl verursachte einen Strafstoß.

Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, viel Schönes hatte es nicht gegeben. „Es war eine schlechte Leistung, weil wir zu viele Fehler gemacht haben. Wir sind nicht immer mit der Körpersprache aufgetreten, wie wir uns das gewünscht hätten“, sagte Frank Baumann. „Das war sehr fahrig, teilweise behäbig, fehlerhaft und dann phasenweise auch kopflos. Es ist wenigstens positiv, dass es im Test passiert ist, dann kann man der Mannschaft und einzelnen Spielern die Fehler aufzeigen.“

Reichlich Analysematerial gibt es jedenfalls. Auch ohne zu dramatisieren. „Anfangs war mir das zu sehr laissez faire, das war ein bisschen schlampig, das dürfen wir uns nicht erlauben. Eine wirkliche Erklärung habe ich nicht. Das ist jetzt seit dem Hertha-Spiel das erste Mal, dass uns so etwas passiert“, sagte Kohfeldt. „Jeder wusste, was wir sehen wollten – aber sie haben es nicht hingekriegt.“ Den Kopf wolle er nach eigener Aussage aber niemandem abreißen. „Ich betrachte dieses Spiel in keinem Fall als wertlos, es gibt eine Menge guter Erkenntnisse für mich.“ Es waren Worte, die häufig nach Testspielen fallen. Dieses Mal wirkte der Zungenschlag aber ziemlich bedrohlich. Besonders für die Spieler aus der zweiten Reihe, deren Einsatzchancen weiter gesunken sein dürften.

Pluspunkt für Christian Groß

Zumal es auf der Gegenseite dann doch den einen oder anderen Lichtblick gab. „Bei Christian Groß warten alle irgendwie auf den Einbruch. Aber er hört einfach nicht auf. Christian hat in diesem Spiel einen riesigen Pluspunkt bei mir gesammelt, weil er einfach stabil sein Ding gespielt hat“, lobte Kohfeldt. Ähnliches gelte für Nick Woltemade. „Er hat natürlich auch Fehler gemacht und Ballverluste in der Vorwärtsbewegung gehabt, aber er arbeitet sich so langsam aus seinem Tief heraus, das er hatte.“ Auch mit den Leistungen von Leonardo Bittencourt oder Josh Sargent zeigte er sich zufrieden.

Und dann gab es da noch einen Profiteur, der stiller Beobachter auf der Tribüne war: Maximilian Eggestein. „Er wird ja häufig kritisch gesehen“, sagte Kohfeldt über seinen Sechser, der sich aktuell von den Nachwehen des Köln-Spiels erholt. „Man sieht, wenn er mal fehlt, wie viel Balance er unserem Spiel eigentlich gibt. Meine Kollegen im Trainerteam erzählen mir auch immer, dass man bei Frank Baumann erst gemerkt hat, wie wichtig er war, als er weg war. Soweit würde ich bei Maxi noch nicht gehen, aber solch ein Spiel ist ein kleiner Hinweis, den ich nicht ungenutzt verstreichen lassen will.“

Letztlich war dieses Spiel aber vor allem eines: eine Warnung vor dem schwierigen Programm, das Werder jetzt bevorsteht. „In den letzten Wochen, als die spielerische Leistung nicht immer gut war, sind wir über die Aggressivität, die Kompaktheit und das Miteinander gekommen“, sagte Frank Baumann. „Das ist definitiv in den nächsten Wochen ein ganz wichtiges Element – gerade wenn wir über das kommende Spiel gegen den FC Bayern München sprechen. Vor allem der Mut im Spiel mit und gegen den Ball wird da sehr, sehr wichtig sein.“ Nur müssen die Bremer diesen Mut erst einmal wiederfinden. Auf Platz 11 liegt er jedenfalls nicht.

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