Gespräch mit Werder-Stürmer Marvin Ducksch: Ich habe alles auf eine Karte gesetzt

Neun Saisontore und vier Vorlagen – Marvin Ducksch konnte sich schnell ins Herz der Werder-Fans spielen. Im Interview spricht er über Ascheplätze, einen Bruder im Gefängnis und das Fußballspielen mit dem Sohn.
12.01.2022, 19:11
Lesedauer: 6 Min
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Von Daniel Cottäus

Herr Ducksch, folgende Situation: Sie kommen aus guter Position zum Abschluss, das Stadion macht sich schon für den Torjubel bereit – doch Sie vergeben die Chance. Was geht in so einem Moment in Ihnen vor?

Puh, erstmal bin ich natürlich etwas down und frustriert, denke mir kurz: „Scheiße, was habe ich hier gerade gemacht?“ Aber dann geht es auch schon weiter. Es bringt einfach nichts, sich zu viele Gedanken über vergebene Chancen zu machen. Im nächsten Moment kann sich ja schon die nächste ergeben, und die mache ich dann rein.

Nun gibt es aber auch Stürmer, die verzweifeln regelrecht nach vergebenen Großchancen. Warum können Sie das so gut wegstecken?

Ganz ehrlich: Ich habe das Problem ja schon etwas länger, dass ich viele Chancen brauche, um ein Tor zu machen. Ich bin leider keiner, der von drei Möglichkeiten vier nutzt. Oft lasse ich zwei, drei liegen, bevor ich treffe. Ich arbeite täglich daran, dass es besser wird. Aber mittlerweile kenne ich das wenigstens und weiß: Wenn der erste nicht drin war, dann bestimmt der nächste.

Kurios ist es schon: Sie treffen seit Jahren zweistellig in der 2. Liga, gelten einigen Beobachtern aber trotzdem als Chancentod. Ist das gerecht?

Ach, ich habe mir abgewöhnt, darauf zu hören, was die Leute von außen sagen. Ich weiß, was ich kann, wo meine Stärken, aber auch meine Schwächen liegen. Ich freue mich einfach, dass ich regelmäßig in gute Abschlusspositionen komme. Keine Ahnung, was dann am Ende alles zur Chancentod-Statistik zählt und was nicht.

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Werder-Legende Diego hat mal gesagt: „Ein Tor zu schießen und zu bejubeln, ist wie ein Orgasmus“. Wie würden Sie den Moment beschreiben?

(lacht) Das ist wirklich schwer zu sagen! Diego hat ja auf einer anderen Position gespielt als ich und hat vielleicht nicht so viele Tore gemacht. Deshalb war es für ihn dann umso schöner. Ich kann jedenfalls nicht sagen, dass es wie ein Orgasmus ist. Der Moment ist aber atemberaubend, natürlich noch mehr, wenn Fans im Stadion sind. Das ist einfach nur geil! Ein großes Glücksgefühl, von dem man immer mehr haben möchte.

Beim Blick auf Ihren Lebenslauf fällt auf, dass der Fußball von Beginn an eine zentrale Rolle gespielt hat. Was ist Ihre früheste Erinnerung an diesen Sport?

Mein Vater, sofort. Er war damals auch ein sehr guter Kicker und hätte auch höher spielen können, aber er hat sich für Freunde und Familie entschieden. Seit ich drei Jahre alt war, bin ich immer mit ihm zum Platz gegangen und habe ihn spielen sehen. Für BSV Fortuna Dortmund, den kleinen Verein bei uns im Viertel. Irgendwann war er dann auch mein Trainer in der Jugend. Es war wirklich eine sehr schöne Zeit. Er hat mir vieles beigebracht.

Jetzt ist Fußball Ihr Beruf. Was bedeutet Ihnen der Sport darüber hinaus heute noch?

Sehr viel. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und wollte schon sehr früh nichts anderes. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt, wollte unbedingt Profi werden, auch, um meiner Familie dadurch etwas zurückzugeben. Papa hat wie gesagt einen anderen Weg genommen. Es war auch sein Wunsch, dass ich seinen Traum erfülle. Das habe ich getan. Ich spiele für meine Familie.

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Gab es irgendwann mal eine Zeit, in der Sie Fußball gehasst haben?

Gehasst nicht, ich habe Fußball nie gehasst. Es gab aber mal einen Zeitpunkt, an dem ich gesagt habe: „Jetzt höre ich auf“. Da war ich in einer ganz ekligen Situation. Mir ging es richtig schlecht. Als ich nach der Ausleihe an Paderborn zu Borussia Dortmund zurückgekehrt bin, musste ich quasi darum betteln, dass ich mich in der zweiten Mannschaft fit halten darf. Zum Glück gab es in David Wagner einen Trainer, der mich schon kannte und mir die Chance gegeben hat. Danach kam Daniel Farke, auch er hat auf mich gesetzt. Das hat mir gezeigt, dass der Weg doch der richtige und Aufhören keine Option für mich ist.

Sie sind 1994 in Dortmund geboren und mitten im Ruhrgebiet aufgewachsen. Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an Ihre Kindheit denken?

Das Erste, was mir immer in den Kopf kommt, ist unser Bolzplatz. Ich habe nichts anderes gemacht, als auf diesem Platz zu stehen. Wir hatten damals Straßenmannschaften. Es ging immer darum, sich auf dem Platz zu behaupten. Die Gewinner durften bleiben, die Verlierer mussten runter. Diesen unbedingten Willen zu gewinnen, habe ich von da. Auf Asche kann man viel lernen.

Über die Feiertage haben viele Profifußballer Fotos von glitzernden Tannenbäumen oder Urlaubsstränden bei Instagram veröffentlicht. Sie hingegen eines von sich und Ihrer Familie, aufgenommen im elterlichen Wohnzimmer. Wie wichtig ist Ihnen Authentizität?

Das bin einfach ich. Ich verstelle mich nicht. Wenn ich etwas von mir zeige, dann ist es so, wie es wirklich ist. Ich mache keine 18 Fotos, um das beste auszusuchen. Ich nehme das, was gemacht wird. Fertig. So wird es auch immer bleiben.

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Auf dem Bild sah es nach einem harmonischen Heiligabend aus.

Definitiv. Wir kommen nicht so häufig mit der Familie zusammen, aber wenn, dann ist es immer sehr schön. An Weihnachten gab es Rotkohl mit Rouladen. Papa ist bei uns der Koch. Keine Ahnung, woher er das kann, aber er kann es wirklich gut.

Nicht mit auf dem Foto ist Ihr älterer Bruder, den Sie vor einigen Jahren angezeigt haben, weil er in Betrugsdelikte verstrickt war. Daraufhin musste er für mehrere Jahre ins Gefängnis. Wie ist Ihr Verhältnis heute?

Es ist wieder sehr gut. Ich bin ein Mensch, der nicht nachtragend ist. Er hat einen Fehler gemacht und hat sich dafür mehrmals entschuldigt. Wir haben uns ausgesprochen. Er ist immer noch ein Teil der Familie.

Die Anzeige war ein drastischer Schritt, den Sie sich vermutlich nicht leicht gemacht haben. Was hat sie dazu gebracht, so zu handeln? Und haben Sie die Entscheidung jemals bereut?

Ja, klar, bereut habe ich es auch schon mal. Er hat ja ein paar Jahre seines Lebens verpasst. Aber ich glaube, dass es ihm geholfen hat. Er steckte in einer schwierigen Lage. Wenn er nur mich betrogen hätte, hätte ich das noch hinnehmen können, aber es waren mehrere Leute im Spiel. Das war irgendwann zu viel. Jetzt ist die ganze Sache aber geklärt.

Sie waren im Sommer Werders Königstransfer und sind sofort voll eingeschlagen. Warum haben Sie praktisch überhaupt keine Anlaufzeit gebraucht?

Ich war im Flow, hatte an den ersten Spieltagen ja schon für Hannover gespielt. Dazu kannte ich das Spielsystem von Markus Anfang aus Kiel noch gut und wusste, wie ich mich bewegen muss. Deswegen war der Start für mich relativ einfach.

Stichwort Markus Anfang: Ihr Ex-Trainer hat mittlerweile gestanden, ein gefälschtes Impfzertifikat benutzt zu haben, womit er unter anderem auch Sie in Gefahr gebracht hat. Können Sie ihm das verzeihen?

Das ist ein ganz schwieriges Thema. Er hat bestimmt seine Gründe dafür, warum er sich nicht impfen lässt. Das muss man respektieren. Dass er mit dem Impfpass einen Fehler gemacht hat, weiß er, glaube ich, selbst. Wir haben bisher noch nicht wieder miteinander gesprochen. Er steckt in einer schwierigen Phase. Da möchte ich ihn einfach in Ruhe lassen. Wenn sich alles etwas beruhigt hat, denke ich schon, dass wir mal wieder miteinander telefonieren werden.

Themensprung hin zu deutlich Erfreulicherem: Sie sind seit zwei Jahren Vater. Inwiefern haben Sie sich nach der Geburt Ihres Sohnes verändert?

Boah, in ganz vielen Bereichen. Als ich ihn das erste Mal in den Armen gehalten habe, war das Gefühl einfach unbeschreiblich. Also ehrlich: Ich kann es nicht beschreiben, weil es mit nichts vergleichbar ist. Es ist schöner als alles! Er hat mich auf jeden Fall erwachsener werden lassen. Ich bin gereift durch ihn.

Ihr Sohn lebt bei Ihrer ehemaligen Partnerin in Kiel. Wie oft sehen Sie ihn?

Ich fahre so oft hoch, wie es geht und sehe ihn eigentlich jede Woche. Ich war gerade am Montag bei ihm und habe neue Kraft getankt.

Würden Sie ihm später dazu raten, Fußballprofi zu werden?

Also in die Richtung drängen werde ich ihn ganz sicher nicht. Sollte er den Plan mal haben, werde ich ihm sagen, was auf ihn zukommt. Was für ein Leben er haben könnte, worauf er aber auch verzichten muss. Dann entscheidet er, was er machen möchte. Im Moment geht es bei ihm aber mehr um Bagger als um Bälle (lacht). Aber am Montag, als ich bei ihm war, hat er zum ersten Mal gesagt: „Papa, anziehen, raus, Fußball“. Es war zwar schon dunkel, aber wir sind natürlich sofort auf den Bolzplatz gegangen.

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