Bundesliga Werder, Schalke, Frankfurt: Die neue Wucht der Traditionsvereine

Die Erfolge von Schalke oder Frankfurt machen die Bundesliga attraktiver. Die Sternstunde der Traditionsvereine ist kein Zufallsprodukt und lässt eine ganze Branche hoffen. Und der SV Werder ist mittendrin.
24.05.2022, 18:34
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Werder, Schalke, Frankfurt: Die neue Wucht der Traditionsvereine
Von Malte Bürger

Die Bilder beeindrucken auch Tage später noch. Ganz egal, ob sie in Bremen, Gelsenkirchen oder Frankfurt aufgenommen wurden. Dort, wo ein Meer von Fans frenetisch die jeweiligen Erfolge ihrer Vereine gefeiert und dem deutschen Fußball neues Leben eingehaucht hat. Magische Momente, die zeigen, was möglich ist, wenn Leidenschaft und Identifikation aufeinandertreffen. Diese Sternstunde der Traditionsvereine ist kein Zufallsprodukt und lässt eine ganze Branche hoffen, dass es aufwärts geht. Und der SV Werder ist mittendrin.

Filbry: "Traditionsvereine eine Bereicherung"

Klaus Filbry hat zuletzt in einige glückliche Gesichter geblickt. Der Werder-Boss war kürzlich in Berlin unterwegs, wo rund um das DFB-Pokalfinale traditionell etliche Termine der Club- und Verbandsvertreter anstehen. Und dabei hat Filbry allerlei Schulterklopfer geerntet. „Gerade in der ersten Liga gibt es viel Freude, dass Schalke und wir jetzt zurückkommen“, sagt der 55-Jährige im Gespräch mit unserer Deichstube. „Die Übertragungswerte in der 2. Bundesliga waren in dieser Saison gerade durch diese Vereine sehr hoch. Daher bin ich mir sicher, dass diese Traditionsvereine auch eine Bereicherung der Bundesliga sein werden.“

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Deutschlands Beletage hatte zuletzt nämlich ordentlich zu leiden. Und mir ihr die Fernsehanstalten. Spannung kam kaum auf, ein zerstückelter Spielplan und als unattraktiv angesehene Paarungen ließen die Zuschauerzahlen im Pay- und Free-TV sinken. Und auch in einigen Stadien herrschte selbst nach dem Ende der Geisterspiele eine alles andere als begeisternde Atmosphäre - weil entweder das Publikum trotzdem nicht in Massen zurückkehrte oder die dortige Fanszene schlichtweg nicht vergleichbar mit der von historisch gewachsenen Vereinen ist. Eine Entwicklung, die der Deutschen Fußball-Liga (DFL) verständlicherweise nicht wirklich schmeckt. Die vom Ligaverband jedoch auch – und so ehrlich muss man sein – durch seine Sonderregeln für Clubs wie RB Leipzig, die TSG Hoffenheim oder den VfL Wolfsburg überhaupt erst begünstigt wurde.

Da passte es ins Bild, dass am vergangenen Wochenende erstmals RB Leipzig den Pokalsieg feierte, es im Anschluss jedoch reichlich Kritik regnete. Beinahe trotzig hatte Vorstandschef Oliver Mintzlaff darauf reagiert und betont, dass es nicht so sei, „dass es ein Konstrukt ist, wo es keine Emotionen gibt, keine Menschen gibt. Hier sind so viel lachende, fröhliche und freundliche Menschen, die genauso wie der FC-Fan, wie der Dortmund- oder Schalke-Fan einfach RB Leipzig lieben und leben.“ Auch beim Rathaus-Empfang des Teams rief er kernig in die Menge: „Wer es immer noch nicht kapiert hat, dass RB Leipzig ein fester Bestandteil des deutschen Fußballs ist, dem ist nicht mehr zu helfen – und denen wollen wir auch nicht mehr helfen.“

Eintracht Frankfurt gewinnt Europa League

Nun gerieten die übrigen Fußball-Fans in Deutschland ohnehin nicht in Verdacht, plötzlich mit dem Club aus Sachsen zu sympathisieren. Nach den jüngsten Äußerungen dürfte sich die Außenseiterrolle der Leipziger aber noch weiter manifestiert haben. Dass es auch anders geht, hat Eintracht Frankfurt gerade bewiesen. Den Hessen wurden in der Europa League landauf, landab die Daumen gedrückt, weil das Gesamtkunstwerk passte. Ohne die ganz großen Investitionen, dafür aber mit Cleverness und einer engen Bindung zu den Fans glückte ein mitreißender Europapokalsieg. Axel Hellmann, Vorstandssprecher der Eintracht, meinte später: „Wir haben dem deutschen und europäischen Fußball die Romantik zurückgegeben, dass man Grenzen versetzen kann. Was es braucht, ist Spirit.“

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Und da sich dieser Geist aktuell nicht nur auf einen Standort beschränkt, könnte die Bundesliga der große Nutznießer sein. „Mit der Renaissance der Traditionsvereine kommt da jetzt eine unheimliche Wucht zurück“, ist Werder-Boss Filbry überzeugt. „Davon wird die Liga vom Image und den Zahlen her enorm profitieren.“ Natürlich sind es am Ende die Profis auf dem Rasen, die für die sportlichen Erfolge sorgen müssen. Doch die jüngsten Ereignisse in Fußball-Deutschland zeigen, dass die Fans der Motor der Entwicklung sind. Sie produzieren die spektakulären Szenen, die anschließend um die Welt gehen. „Die Energie, die durch das Zusammenspiel von Verein, Fans, Trainer, Mannschaft und Umfeld entstehen kann, kann eine unfassbare Kraft entfalten“, sagt Filbry.

Der Weg dorthin ist jedoch kein kurzer. In den vergangenen Jahren waren es schließlich eben jene Traditionsvereine, die mitunter mit falschen Entscheidungen und viel zu großen Träumen angetreten sind. Die Quittung gab es im sportlichen Alltag und von den Fans, die zwar weiter zum Club standen, ihren Unmut aber bei jeder Gelegenheit lautstark zum Ausdruck brachten. Auch aus diesem Grund hat etwa Schalke-Trainer Mike Büskens den eigenen Aufschwung gerade als „Aufstieg aus Trümmern“ bezeichnet und erklärt: „Über den Reset-Knopf, den wir gedrückt haben, haben wir wieder zu unseren Werten gefunden. Deshalb ist das Motto für die Zukunft, dass wir demütig bleiben und nicht wieder anfangen zu spinnen.“ Es dürfte spannend zu sehen sein – nicht nur in Gelsenkirchen –, inwiefern sich Zurückhaltung und eine anspornende Emotionalität langfristig vereinen lassen.

Mehr Geld für Traditionsvereine?

Der DFL käme es sehr gelegen, wenn die neu entfachte Begeisterung langfristig anhält. Doch dafür braucht es die Fans. Klaus Filbry regt deshalb abermals eine finanzielle Honorierung für eben jene Vereine an, die für ein besonders großes Fanaufkommen in den Stadien sorgen. „Das ist etwas, was wir seit Jahren propagieren“, sagt er. „Am Ende muss der Sport selbst immer die relevante Größe sein. Auf der anderen Seite richtet sich das Geschäftsmodell der Fernsehsender nach Abonnenten, und diese werden am ehesten über die Traditionsvereine rekrutiert. Eintracht Frankfurt oder Werder Bremen haben für die Liga eine ganz andere Bedeutung als vielleicht andere Vereine. Das macht sich auch im Ergebnis von Sky oder Dazn signifikant bemerkbar.“ Doch ganz so einfach ist die Umsetzung nicht. „Wir haben damit angefangen, Kriterien über die Marktforschung zu verifizieren, aber die Verteilung ist immer noch sehr gering“, erklärt Filbry und fordert: „Da müsste man sich noch einmal weiterentwickeln. Der Beitrag, den Traditionsvereine für die wirtschaftliche Stabilität der Liga leisten, müsste noch einmal anders honoriert werden.“

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Ob das gelingen kann? Fraglich. Aber zumindest stehen die Chancen in der neuen Saison etwas besser. „Am Ende ist es Politik, und da geht es bekanntlich darum, Mehrheiten zu beschaffen, um die eigenen Interessen durchzusetzen“, betont Filbry. „Nächstes Jahr haben wir diesbezüglich eine bessere Konstellation in der Bundesliga, weil wir dort wieder mehr Traditionsvereine haben. Da muss man dann schauen, ob man daraus Kapital schlagen kann.“ Denn ganz ohne Geld – das wissen sie bei den Traditionsclubs wie in den Fan-Lagern – geht es eben nicht. Wege zu mehr Liquidität existieren viele. Aber die vergangenen Wochen haben einmal mehr gezeigt, dass nur einige mit Begeisterung begleitet werden. 

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