Eine kulinarische Sehenswürdigkeit Fischhändler verschwinden aus dem Bremer Stadtbild

Die Zahl der Fischfachgeschäfte nimmt seit Jahren ab. Dafür gibt es eine Reihe von Ursachen: das Sortiment der Supermärkte, der schwierige Umgang mit leicht verderblicher Ware, der Aufwand.
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Fischhändler verschwinden aus dem Bremer Stadtbild
Von Silke Hellwig

Rundum vom Boden bis zur Decke gefliest, in der Auslage ganze Fische und Filets auf Eis, Meeresfrüchte, manchmal lebende Karpfen in einem Bassin – so sieht das traditionelle Fischgeschäft in etwa aus. Es ist als solches mittlerweile eine Art Sehenswürdigkeit – das Fischgeschäft Bodes an der Bischofsnadel eines der Ziele kulinarischer Stadtführungen.

„Wenn mein Vater aus seiner Kindheit erzählt, zählt er allein vom Ostertor bis zur Hamburger Straße hoch 30 bis 40 Läden auf“, sagt Petra Koch-Bodes, Mitinhaberin von F. L. Bodes, Bremer Fischhandlung mit 160 Jahren Tradition. Heute fallen der Fisch-Sommelière auf Anhieb eine Handvoll Fisch-Einzelhandel-Adressen ein, im Viertel, in Schwachhausen, in der Neustadt, in Lesum. Womöglich ein Grund: „Der Arbeitsaufwand ist relativ hoch, wie bei allen frischen Produkten, die man nicht einfach ins Regal räumen kann. Der Beruf ist interessant, aber ohne Leidenschaft geht es nicht“, so Petra Koch-Bodes.

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„Es gibt für den stationären Fachhandel nur eine Richtung, und die ist rückläufig“, sagt André Nikolaus, Chefredakteur der Branchenzeitschrift „Fischmagazin“. In vielen Städte gebe es noch „das eine oder andere Leuchtturm-Geschäft“, aber die Zeiten, in denen es in jedem Stadtteil Fachhändler gab, seien lange vorbei – selbst im Norden.

Als er vor rund 30 Jahren seine Tätigkeit beim "Fischmagazin" aufgenommen habe, habe eine dreistellige Zahl an Geschäften die Hamburger mit Fisch versorgt. Nicht alle seien verschwunden, aber viele. Manche betrieben parallel zu ihrem stationären Laden Fisch-Wagen, um zu überleben. "Wer neu ins Geschäft einsteigt, macht sich meist mobil auf den Weg", so Nikolaus. "Vor allem jetzt in der Corona-Zeit profitiert der mobile Fischhandel".

Auch im Supermarkt im Standard-Sortiment

So wie Fleisch- und Wurstwaren mehr und mehr aus dem Fachhandel in die Supermärkte gewandert sind, gehören auch Fischwaren dort zum Standard-Sortiment. Manchmal in Form des hochwertigen Angebots einer Fischtheke mit sachkundiger Bedienung, manchmal im Kühl- und Tiefkühl-Regal.

An der Beliebtheit des Lebensmittels liegt es jedenfalls nicht, dass der Fachhandel leidet. Deutsche essen gerne Fisch: Laut dem Online-Portal Statista betrug der durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum im Jahr 2019 rund 13,2 Kilogramm. Dabei handelt es sich nicht allein um Frischfisch, sondern auch um Konserven und Tiefkühlware. 1999, als das letzte klassische Fischgeschäft in Vegesack aufgab, berichtete diese Zeitung von „einer Tendenz zum Fischstäbchen“.

Mit einer Übersicht über die Anzahl der Fischgeschäfte einst und heute kann auch die Handelskammer Bremen nicht dienen. Die Struktur Einzelhandels werde nicht so differenziert erfasst, sagt Karsten Nowak, Geschäftsführer für diesen Bereich. Festzustellen sei, dass Discounter über die Jahre ihr Fischsortiment deutlich erweitert hätten.

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Familie Fiedler setzt sich davon in Bremerhaven bewusst ab: „Fiedlers Fischmarkt anno 1906“ umspannt samt Online-Shop und Telefon-Warteschleife ein gestalterisches Konzept und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden. „Bis 2007 waren wir ein typischer Fisch-Einzelhandel mit blauem Boden, Edelstahl, weißen Fliesen Glas“, sagt Patrick Fiedler, der mit seinen beiden Brüdern die Geschäfte führt. Als ein aufwendiger Umbau anstand, entschloss sich die Familie, „einen anderen Weg einzuschlagen“.

Aus dem traditionellen Fischgeschäft wurde mit Exponaten aus der Fischfang- und Schifffahrtsgeschichte sowie akustischen Effekten eine Adresse für Erlebniseinkauf. „Wir wollen unseren Kunden etwas Besonderes bieten und uns so von anderen abheben.“ Dabei wende man sich keinesfalls nur an Touristen, die durchs Schaufenster Fischereihafen bummelten, sondern nicht minder an Bremerhavener.

Nicht schmutzig, aber anspruchsvoll

Auch in Bremerhaven habe sich die Zahl der Fischhandlungen deutlich minimiert, sagt Fiedler. „Oft fehlt es an Nachfolgern in den Betrieben“, sagt er. „Viele trauen sich nicht ran oder pflegen Vorurteile. Manche denken, sie studieren nicht, um hinterher einen stinkigen, schleimigen Fischladen zu führen.“ Die Arbeit sei nicht schmutzig, aber anspruchsvoll. Der Preiskampf sei unerbittlich, der bürokratische Aufwand hoch.

Ein Fischgeschäft wie Bodes, in fünfter Generation geführt und etabliert, in einer gute Lage, wo es anspruchsvolles Publikum erreiche, trotze der allgemeinen Entwicklung, sagt Einzelhandels-Fachmann Karsten Nowak. Indes bietet Bodes mehr als Frischfisch und das entsprechende Know-how – Catering, Mittagstisch, Feinkost. Doch viele Kunden schätzten Rohware. „Wir haben festgestellt, dass unsere Kunden kochen können“, sagt Petra Koch-Bodes. „Viele sind Hobbyköche, die gerne Zeit in der Küche verbringen, und das zum Ausgleich brauchen. Es geht nicht nur ums Essen, sondern um viel mehr.“

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Zur Sache

Fisch in Zahlen

4,1 Milliarden Euro gaben Bundesbürger 2019 laut Fischinformationszentrum (FIZ) für Fisch und Meeresfrüchte im Lebensmittel-Einzelhandel aus - ein neuer Umsatzrekord. Er scheint in diesem Jahr gebrochen zu werden: Im ersten Halbjahr, so das FiZ, stiegen die Einkaufsmengen um 14,8 Prozent auf 236.665 Tonnen. Besonders oft auf deutschen Tellern landeten 2019 laut dem FIZ Alaska-Seelachs, Lachs, Thunfisch, Hering und Garnelen.

Die meisten Fischprodukte kauften die Verbraucher in Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und im Saarland. Dabei macht der Anteil an Frischfisch, der selbst gebraten oder gekocht wird, 2019 fast 71.000 Tonnen aus, 18.200 Tonnen „Fischerei- und Aquakulturerzeugnisse“ stammten aus Fischfachhandel. Die Anzahl der Beschäftigten im Fischeinzelhandel (einschließlich Fachabteilungen und mobiler Fischfeinkosthändler) gibt das FIZ für das vergangene Jahr mit mehr als 21.100 angegeben.

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