Wirtschaft Im Modehandel rollt die Insolvenzwelle

Corona zwingt immer mehr Textilhändler in die Knie. Nach Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn und Appelrath Cüpper muss jetzt auch Adler Rettung im Insolvenzverfahren suchen. Und weitere Modegeschäfte dürften folgen.
11.01.2021, 20:31
Lesedauer: 2 Min
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Von Erich Reimann und Michael Donhauser

Düsseldorf/Bremen. Esprit, Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn, Appelrath Cüpper, Hallhuber und jetzt auch noch Adler: Reihenweise haben bekannte deutsche Modehändler seit Beginn der Corona-Krise Rettung in Insolvenzverfahren suchen müssen. Und weitere dürften schon bald folgen. Davon gehen sowohl der Kreditversicherer Euler Hermes als auch der Handelsverband Textil (BTE) aus. Jüngstes Opfer der Corona-Krise im Textilhandel ist die traditionsreiche Modekette Adler, die auch eine Filiale im Weserpark betreibt.

Wegen Überschuldung stellte die Adler Modemärkte AG beim Amtsgericht Aschaffenburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Ein Gutachter sei damit beauftragt worden, zu prüfen, ob die Abwicklung in Eigenverantwortung möglich sei, sagte der zuständige Insolvenzrichter am Montag.

Das Unternehmen hofft, sich über einen Insolvenzplan sanieren zu können, wie es zuletzt etwa den Wettbewerbern Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn oder Appelrath Cüpper gelang. Deshalb soll der Geschäftsbetrieb – soweit coronabedingt möglich – auch in vollem Umfang fortgeführt werden. Adler betreibt 171 Geschäfte, davon 142 in Deutschland, sowie einen Onlineshop.

Grund für den Insolvenzantrag sei der zweite Corona-Lockdown, betonte Adler. Die Umsatzeinbußen durch die seit Mitte Dezember andauernden Schließungen der meisten Verkaufsfilialen sei für das Unternehmen nicht mehr zu verkraften gewesen.

Ähnliche Probleme dürften allerdings auch zahlreiche andere Modehändler haben. „Viele Unternehmen haben auf das Weihnachtsgeschäft gesetzt, um sich mit einem kleinen Puffer bis zum Frühjahr zu retten“, sagte der Deutschland-Chef des Kreditversicherers Euler Hermes, Ron van het Hof. Mit dem Lockdown sei diese Hoffnung allerdings zerstoben. „Insofern erwarten wir weitere Insolvenzen in diesem Bereich.“

Auch beim Handelsverband Textil (BTE) heißt es mit Blick auf den Adler-Insolvenzantrag: „Das wird nicht der Letzte sein.“ Die Unternehmen der Branche benötigten aktuell viel Geld, um die Ware für das Frühjahr und den Sommer zu bezahlen. Doch Geld sei knapp – wegen des Lockdowns, aber auch weil bislang keine nennenswerten Hilfen des Staates in der Branche angekommen seien. Der BTE befürchtet, das Zehntausende Modegeschäfte und über 100.000 Arbeitsplätze gefährdet sind.

Auffällig ist: Bisher sind es vor allem die Großen, die trotz der Teil-Aussetzung der Insolvenzantragspflicht Schutz im Insolvenzverfahren suchen. Euler Hermes registrierte im textilen Einzelhandel allein in den ersten neun Monaten 2020 insgesamt acht sogenannte Großinsolvenzen von Unternehmen mit einem Umsatzvolumen von mehr als 50 Millionen Euro. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur drei. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Branchenriesen eher noch als kleinere Wettbewerber die Insolvenzverfahren auch als Sanierungswerkzeug nutzen, um Schulden loszuwerden, aus langlaufenden, teuren Mietverträgen herauszukommen und sich leichter von Mitarbeitern zu trennen.

Rasche Besserung für die Branche ist nicht in Sicht. Eine Rückkehr auf das Vorkrisenniveau erwartet Euler Hermes im Modehandel erst im Laufe des Jahres 2023 – und somit später als in den meisten anderen Sektoren. „Es ist also eine lange Durststrecke, die die Unternehmen meistern müssen. Es trennt sich die Spreu vom Weizen“, meinte Ron van het Hof.

Die Branche stand schon vor der Pandemie unter Druck. Die Umsätze im stationären Modehandel sind seit Jahren rückläufig.

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