Made in Bremen: Der IT-Dienstleister Encoway erlebt ein rasantes Wachstum / Große Nachfrage nach Vertriebssoftware

Von der Technologiebude zum Marktführer

Bremen. Wer verstehen will, womit das Bremer Unternehmen Encoway sein Geschäft macht, der muss einfach nur ein bisschen im Internet surfen: Dort können Hemden gestaltet, der eigene Turnschuh entworfen oder Müsli zusammengemischt werden. Kurz: Die Produkte werden immer individueller.
22.03.2015, 00:00
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Von Maren Beneke
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Christoph Ranze und Klaas Nebuhr leiten die Geschicke bei Encoway. Die vergangene Klausurtagung des Unternehmens wurde in der Gesamtschule Bremen-Ost veranstaltet. „Einen Teil des Encoway-Styles“ nennt Christoph Ranze das.

Christina Kuhaupt

Wer verstehen will, womit das Bremer Unternehmen Encoway sein Geschäft macht,

der muss einfach nur ein bisschen im Internet surfen: Dort können Hemden gestaltet, der eigene Turnschuh entworfen oder Müsli zusammengemischt werden. Kurz: Die Produkte werden immer individueller. Ein Ende dieses Trends? Nicht absehbar. Und davon profitiert eben auch Encoway. Zwar ist der Dienstleister mit seinen Lösungen vor allem bei Kunden aus den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau unterwegs – doch auch hier spielt der „Megatrend Individualisierung“, wie Encoway-Geschäftsführer Christoph Ranze sagt, eine immer größere Rolle. „Je mehr Individualisierung, desto mehr Encoway“, so die Faustformel des 47-Jährigen.

Das Kerngeschäft des Bremer IT-Dienstleisters ist, seine Kunden beim Verkauf ihrer „Baukästen“ zu unterstützen. Einer dieser Kunden ist die KHS GmbH, ein Unternehmen, das auf Abfüll- und Verpackungsanlagen spezialisiert ist. Diese Anlagen bestehen aus einer Vielzahl von Teilen, die sich auf alle erdenkliche Art und Weise zusammensetzen lassen. Mit der Vertriebssoftware von Encoway kann KHS seinen Kunden, den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend, eine Anlage zusammenstellen. Diese sieht bei einem großen Brauereiunternehmen wie Wernersgrüner natürlich anders aus als bei einer kleineren Privatbrauerei wie Moritz Fiege in Bochum. Und die Encoway-Software hilft, die benötigten Teile innerhalb kürzester Zeit zu einer Anlage zusammenzustellen.

Die Anfänge von Encoway liegen in der Zusammenarbeit mit der Lenze-Gruppe. Damals, vor 19 Jahren, trat das Unternehmen an die Universität Bremen mit dem Auftrag heran, für seine Antriebstechnik aus möglichst vielen Einzelteilen möglichst viel Varianz herzustellen. Ähnlich wie eine Abfüllanlage, kann solch ein Maschinenantrieb aus vielen unterschiedlichen Basisgetrieben bestehen. Hinzu kommen antriebsseitige und abtriebsseitige Komponenten, sodass sich am Ende 10 hoch 23 unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten ergeben. Die Projektgruppe der Uni, der Christoph Ranze damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter angehörte, entwickelte innerhalb von drei Jahren eine Software, die die bestmögliche Zusammensetzung der Teile innerhalb von vier Minuten errechnen konnte. Zum Vergleich: Ein Lenze-Ingenieur hatte für dieselbe Berechnung zuvor im Schnitt sieben Stunden gebraucht.

Aus diesem Projekt heraus ist im Jahr 2000 schließlich Encoway entstanden, zunächst mit einem kleinen Büro mit gebrauchten Möbeln im TZI in direkter Nähe zur Universität. „Lenze hat uns damals ermutigt, aus unserer Idee ein Geschäftsmodell zu machen“, erinnert sich Christoph Ranze. Bis heute ist die Gruppe mit Stammsitz im niedersächsischen Aerzen als strategischer Investor an dem Bremer Unternehmen beteiligt. 80 Prozent sind laut dem Encoway-Chef im Besitz der Gruppe, Sorgen macht er sich deswegen aber nicht. „Die Entscheidung, das Unternehmen damals mit Lenze aufzuziehen, war und ist goldrichtig. Wir leben in einer perfekten Symbiose“, sagt er.

Nach Angaben von Christoph Ranze lässt man die Köpfe von Encoway, dazu gehört auch Klaas Nebuhr, machen. Offenbar mit Erfolg: Derzeit wächst der Bremer IT-Dienstleister nach eigenen Angaben bei Umsatz und Mitarbeiterzahl jährlich zwischen 20 und 30 Prozent. Dass sich die Firma einmal so rasant entwickeln würde, hätte zu Zeiten der Wirtschaftskrise allerdings wohl kaum jemand gedacht: Einst als – O-Ton Christoph Ranze – Technologiebude mit drei Mitarbeitern gestartet und in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends permanent wachsend, kam Encoway 2008 und 2009 heftig ins Straucheln. Die Umsätze gingen von heute auf morgen um knapp 30 Prozent zurück. Dennoch konnte die Firma diese Krise meistern, ohne einen einzigen Mitarbeiter entlassen zu müssen – auch dank der Rückendeckung der Lenze-Gruppe. „Man hat uns damals gesagt, dass wir ruhig bleiben sollen“, sagt Christoph Ranze. Die Strategie: „Wir haben volle Pulle in unser Produkt investiert.“

Dabei hat dem Unternehmen auch geholfen, dass die Geschäftsleitung nach Angaben von Encoway-Chef Ranze bis heute permanent das eigene Geschäftsmodell hinterfragt und gegebenenfalls nachbessert. Dieser Prozess ist für jeden Besucher der heutigen Encoway-Büros im Gewerbegebiet Haferwende überall sichtbar: An den Wänden hängen Tafeln oder bunte Zettel, auf denen die Mitarbeiter ihre Ideen festhalten. Und zwei Mal im Jahr geht das gesamte Unternehmen mit seinen mittlerweile mehr als 150 Angestellten auf Klausurtagung, um über die Weiterentwicklung der Firma zu sprechen. „Encoway-Style“ nennt Christoph Ranze das.

Auch wenn ein Großteil der Kunden heute im süddeutschen Raum sitzt, an Bremen als Firmensitz will der Geschäftsführer auch auf lange Sicht festhalten. Aus gutem Grund: Jedes Jahr schlössen laut Christoph Ranze exzellente Fachkräfte aus dem Bereich Informatik an der Universität Bremen ihr Studium ab – alles potenzielle Mitarbeiter von Encoway. Denn das Bremer Unternehmen hat sich für die nächsten Jahre noch einiges vorgenommen: In zehn Jahren, so glaubt Christoph Ranze, wird seine Firma auf 500 Mitarbeiter angewachsen sein – dem Trend der Individualisierung von Produkten sei Dank.

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