Fachkräftemangel Worauf Firmen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern achten müssen

Unternehmen aus der Region fällt es immer schwerer, neue Mitarbeiter zu finden. Die Personalchefs von zwei Firmen erzählen, worauf es ankommt.
27.05.2019, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Worauf Firmen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern achten müssen
Von Stefan Lakeband

Wenn Yvonne Höft wissen möchte, wie sehr sich ihr Beruf gewandelt hat, muss sie nur auf alte Stellenanzeigen schauen. Das ist der Job, das müssen Bewerber mitbringen – so hätte es früher ausgesehen, wenn Unternehmen neue Mitarbeiter suchten. Doch diese Zeiten sind vorbei. „Eine gute Stellenausschreibung hat heute auch viel mit Marketing zu tun“, sagt Höft. Sie ist beim Deutsche Milchkontor (DMK) für das Recruiting und das sogenannte Employer Branding verantwortlich, also dafür, wie das Unternehmen als attraktiver Arbeitgeber auftreten kann.

Denn darauf kommt es mittlerweile an: attraktiv sein für Bewerber. Nicht nur Fachkräfte fehlen in vielen Unternehmen. Es wird auch immer schwieriger, weniger qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Darauf reagieren die Unternehmen in der Region, etwa mit anderen Stellenanzeigen. Laut Höft steht heute viel mehr im Zentrum, was das Unternehmen den Mitarbeitern bietet, welches Extraleistungen es gibt, wie sich Mitarbeiter weiterentwickeln können. Auch die Länge, die Gestaltung und der Ort, wo eine Annonce veröffentlicht wird, sind wichtig.

Verhältnis zwischen Bewerber und Unternehmen hat sich geändert

„Was bringt mir die beste Stellenanzeige, wenn sie keiner sieht?“, sagt Marc Grube. Er ist Personalleiter und Prokurist bei Faun in Osterholz-Scharmbeck. „Wir müssen schauen, wie wir uns vom Wettbewerb abheben“, sagt Grube. Gerade für Mittelständler sei das aber nicht immer einfach. Anders als Konzerne müsse man sich als kleineres Unternehmen fokussieren, könne nicht jedes Extra für die Mitarbeiter anbieten. Manchmal helfe beim Selbstmarketing das eigene Produkt, sagt Grube. Faun stellt unter anderem Müllwagen her, bald sollen auch welche mit Brennstoffzelle und Wasserstoffantrieb in der Fertigung entstehen. Das könne auch auf das eigene Image abfärben – ganz nach dem Motto: Wer sich mit Zukunftstechnologien beschäftigt, ist sicher auch ein moderner Arbeitgeber.

Was auch festzustellen sei: Das Verhältnis zwischen Bewerber und Unternehmen hat sich geändert. Waren potenzielle neue Mitarbeiter früher eher Bittsteller, sind sie heute Gesprächspartner auf Augenhöhe, bestätigt René Alexander Wessels von der Personalberatung Dr. Schwerdtfeger aus Emstek. Er hilft Unternehmen in der Region bei der Mitarbeitergewinnung, sucht etwa Kandidaten für offene Stellen. „Früher haben wir einem Bewerber gratuliert, wenn sich ein Unternehmen für ihn entschieden hat“, sagt Wessels. „Heute ist es anders herum.“

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Auch der Bewerbungsprozess hat sich stark gewandelt. „Bewerber fordern häufig Feedback ein“, sagt Höft. Das fange schon bei der Eingangsbestätigung für die Bewerbungsunterlagen an. Es sei aber auch wichtig, Interessenten mitzuteilen, wenn und warum sich etwa eine Entscheidung verzögere. Und auch nach einem erfolglosen Gespräch wüssten viele Bewerber gerne, woran es gelegen habe, sagt die DMK-Personalerin. Ihr Ziel: Selbst nach eine Absage sollen die Bewerber ein gutes Bild vom Unternehmen haben. Gerade bei Qualifikationen, die überall benötigt würden, wie etwa in der IT, komme es häufig darauf an, schnell und transparent vorzugehen: Wer sich zu lange Zeit lasse, der kassiere mitunter eine Absage. Auch Grube kennt das: „Wer sich bei uns bewirbt, bewirbt sich wahrscheinlich auch bei anderen Firmen.“

Auch Vorgesetzte sind vermehrt in der Pflicht

Dabei hört der Job für viele Personaler nicht bei der Unterschrift unter dem Arbeitsvertrag auf. „Selbst danach muss ich Ansprechpartner bleiben“, sagt Höft. Für sie ist die Mitarbeitergewinnung erst abgeschlossen, nachdem der neue Angestellte die Probezeit erfolgreich überstanden hat. Darum werde es immer wichtiger, die Neuen im Unternehmen willkommen zu heißen – etwa in dem man „Mitarbeiter noch vor dem ersten Arbeitstag einmal anruft und mit Infos versorgt“.

Ein ähnliches Bild zeigt auch die Studie Recruiting Trends 2019, die vom Jobportal Monster.de in Auftrag gegeben wurde. Eine der wichtigsten Aussagen: Wertschätzung spielt eine große Rolle beim Jobeinstieg. Mitarbeiter schätzten es, wenn sie von den neuen Kollegen offen empfangen werden und das Gefühl haben, willkommen zu sein. Dieser Faktor ist der Studie zufolge sogar wichtiger als die eigentliche Einarbeitung.

Dass sich mit dem zunehmenden Fachkräftemangel ihr Job noch mehr wandelt, davon sind Höft und Gruber überzeugt. Auch Vorgesetzte seien vermehrt in der Pflicht. „Führungskräfte müssen überlegen, wie sie ihre Mitarbeiter weiterentwickeln können“, sagt der Faun-Personalchef. Daher würden Vorgesetzte heute nicht mehr nur nach ihrem fachlichen Know-how ausgesucht werden, sondern auch danach, wie gut sie die Potenziale ihrer Mitarbeiter erkennen können.

Laut Wessels müssen Personaler noch mehr ins tägliche Geschäft involviert werden. „Der Arbeitsmarkt hat immer häufiger einen starken Einfluss auf die Unternehmensstrategie“, sagt er. „Wer ein neues Produkt entwickeln will, muss auch überlegen, ob er die Mitarbeiter dafür findet.“ Es sei lange her, dass die Personalabteilung nur Bewerbungsgespräche geführt und Lohnabrechnung gemacht habe.

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