Verstoß gegen BTM-Gesetz Bewährungsstrafe für Bremer Ärztin

Eine Bremer Ärztin wird wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz bestraft. Sie selbst sagt, dass sie ihren Patienten lediglich ein einigermaßen erträgliches Leben ermöglichen wollte.
03.04.2019, 20:20
Lesedauer: 3 Min
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Bewährungsstrafe für Bremer Ärztin
Von Ralf Michel

Sie habe nur versucht, ihren drogenabhängigen Patienten zu helfen, beteuert die Angeklagte. „Um ihnen ein einigermaßen erträgliches und menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.“ Selbst um den Preis, ihnen ein Betäubungsmittel zu verschreiben, das stark abhängig macht und im Grunde nicht für Drogensüchtige geeignet ist.

Die Staatsanwaltschaft bewertet das Handeln der Ärztin anders. Sie hat die 59-Jährige wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz in 671 Fällen angeklagt. Der Prozess, der am Mittwoch vor dem Amtsgericht begonnen hat, wird allerdings schnell beendet sein.

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Keine langwierige Zeugenvernehmung über mehrere Verhandlungstage, stattdessen soll die Sache mit einem Strafbefehl aus der Welt geschafft werden. „Elf Monate auf Bewährung“ lautet der Kompromiss, auf den sich die Beteiligten am Mittwoch einigen. Es geht um insgesamt 15 Patienten der Ärztin.

Denen habe sie im Zeitraum zwischen 2010 und Januar 2013 immer wieder das Betäubungsmittel Flunitrazepam verschrieben, sagt die Staatsanwaltschaft. Das Medikament werde zur Kurzzeitbehandlung von Schlafstörungen verwendet.

Für die Behandlung von Drogenabhängigen sei es dagegen wegen seiner stark abhängig machenden Wirkung nicht geeignet. Trotzdem habe die Ärztin ihren Patienten das Mittel über Jahre hinweg verschrieben und dies zudem auch noch regelmäßig über die vorgesehene tägliche Höchstdosis hinaus.

Was die Anklagebehörde außerdem stört: In den Krankenakten der 15 Frauen und Männer sind Untersuchungen der Patienten, deren Beschwerdebilder oder auch Verlaufskontrollen nur äußerst spärlich dokumentiert. Mehrfach habe sich kein einziger Eintrag zu einem Patienten gefunden. Und dies, obwohl sie Tausende von Pillen verschrieben habe, nicht nur das Flunitrazepam, sondern auch das Antidepressivum Doxepin.

Sie schweigt nicht

Die Staatsanwaltschaft spricht in ihrer Anklage von „grober Verletzung“ der ärztlichen Pflichten. Wie vor Gericht üblich belehrt die Richterin die Angeklagte darüber, dass sie sich zu den Vorwürfen äußern könne, dies aber nicht müsse. Um sich nicht selbst zu belasten, schweigen viele Angeklagte in diesem Moment.

Nicht so die 59-Jährige. Es ist spürbar, wie sehr es sie drängt, vier Jahre nach Erhebung der Anklage nun vor Gericht ihre Sicht der Dinge zu schildern. Der Eindruck, sie habe die Medikamente einfach nur verschrieben, ohne sich mit den Patienten zu beschäftigen, sei falsch.

Sie habe regelmäßig und ausführlich mit ihnen gesprochen, darüber verhandelt, wie es weitergehen könne. Dies aber aus Gründen des Datenschutzes nicht in der Akte vermerkt. „Das hätte zu weit geführt. Ich wusste es ja, das reichte.“

Denn bei jedem dieser Patienten ging es um sehr spezielle Schicksale, allesamt geprägt von Gewalterfahrungen, sexuellem Missbrauch sowie Drogen- und Alkoholkonsum von frühester Jugend an. Zudem seien alle Patienten bereits jahrelang abhängig von dem Medikament gewesen, als sie zu ihr kamen. „Ich habe niemanden darauf eingestellt.“ Und einem schwerst abhängigen Patienten die Medikamente zu entziehen, könne schwerwiegende Folgen haben, zumal, wenn sie wie diese Frauen und Männer stark suizidgefährdet seien.

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„Ich wollte nur helfen“

Die Wirkung des Betäubungsmittels sei ihr klar gewesen, räumt die Ärztin ein. Und aus heutiger Sicht sei dessen Verschreibung vielleicht eine Dummheit gewesen. Aber damals habe sie sich nicht anders zu helfen gewusst. Das Medikament sei, abgesehen davon, dass es stark abhängig mache, sehr gut verträglich. Und es habe ihren Patienten ja auch geholfen. Einige hätten dadurch sogar arbeiten können. „Leider kann man manchmal nur mit Kompromissen arbeiten.“

Die Krankenkasse zahle nicht für diese Medikamente, sie habe private Rezepte dafür ausgestellt, beantwortet die Ärztin die entsprechende Frage des Gerichts. „Es ging mir nicht ums Geld. Bestimmt nicht. Eher im Gegenteil. Ich wollte nur helfen.“

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An diesem Punkt endete am Mittwoch der Prozesstag. Nicht, ohne allerdings zuvor alle angeklagten Fälle aus dem Zeitraum 2010 bis Oktober 2011 einzustellen. Bis dahin sei das Verschreiben des Betäubungsmittels durchaus gängige Praxis gewesen, erläutert der Anwalt der Frau.

Da nicht alle verfahrungsrechtlichen Details am Mittwoch geklärt werden konnten, wird der Prozess am Donnerstag, 4. April, um 9 Uhr fortgesetzt. Nicht mehr als eine Formsache, am Ende werden elf Monate auf Bewährung für die Ärztin stehen.

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