Letzter Platz bei Pisa-Studie seit 17 Jahren

Bildungsniveau in Bremen: Bildungslücken und Musterschüler

Seit mittlerweile 17 Jahren ist Bremen bei der Pisa-Studie nicht über den letzten Platz hinausgekommen.
03.03.2018, 09:47
Lesedauer: 5 Min
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Bildungsniveau in Bremen: Bildungslücken und Musterschüler
Von Silke Hellwig
Bildungsniveau in Bremen: Bildungslücken und Musterschüler

Unter Juristen würde man womöglich formulieren, die Beweislast sei erdrückend: Bei der Beurteilung von Bremens Bildungsniveau sind die Ergebnisse diverser nationaler Vergleichsstudien unwillkürlich präsent.

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Unter Juristen würde man womöglich formulieren, die Beweislast sei erdrückend: Bei der Beurteilung von Bremens Bildungsniveau sind die Ergebnisse diverser nationaler Vergleichsstudien unwillkürlich präsent. Seit mittlerweile 17 Jahren ist Bremen bei der Pisa-Studie nicht über den letzten Platz hinausgekommen. Das Niveau insgesamt stieg im Laufe der Jahre zwar an, aber das Magazin „Spiegel“ formulierte 2008 süffisant: „Bremen hat lediglich ein paar Punkte gutgemacht und sich von ganz, ganz schlecht auf ganz schlecht verbessert.“ Mit den jüngsten Ergebnissen der Tests des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hat sich Bremen ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckert. Ein großer Teil der jungen Teilnehmer erreiche bei der IQB-Studie nicht das Klassenziel. Die „Zeit“ bilanziert schonungslos: „Nun bildet die Hansestadt eine eigene Kategorie: Bildungsgeografisch dürfte das Land nun irgendwo zwischen der Türkei und Brasilien liegen.“

Das ist nur die halbe Wahrheit: Zum einen werden dem Bildungsressort, den Schulen, Lehrern und Eltern vorenthalten, welche bremischen Schulen bei Pisa-Tests gut oder sehr gut abgeschnitten haben. Zudem gibt es eine Reihe Leistungsvergleiche anderer Art, bei denen Schulen und/oder Schüler positiv herausragen. Die Robert-Bosch-­Stiftung beispielsweise zeichnet Jahr für Jahr die „besten Schulen Deutschlands“ aus. 2017 wurde die Grundschule Borchshöhe mit dem Deutschen Schulpreis bedacht, 2015 die Grundschule am Buntentorsteinweg, 2012 die Schule am Pfälzer Weg, im Jahr zuvor die Marktschule Bremerhaven, 2008 die Werkstattschule Bremerhaven.

Herausragende Leistungen würdigen

Damit habe Bremen über die Jahre fünf von 65 Auszeichnungen der Stiftung eingeheimst, so Hermann Veith von der Deutschen Schulakademie, deren Programme auf dem Wissen der Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises basieren. „Dahinter stehen weitere Schulen – auch aus dem Sekundarbereich –, die den Sprung zur Auszeichnung in den nächsten Jahren durchaus schaffen können. Was allen diesen Schulen gemeinsam ist, ist ihre pädagogische Grundhaltung. Es geht ihnen darum, die unterschiedlichen Voraussetzungen, die die Kinder mitbringen, als Tatsache und Grundlage der pädagogischen Arbeit anzuerkennen“, so der Professor für Pädagogik und Sozialisationsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen weiter.

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Die bremische Karl-Nix-Stiftung hat sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht, herausragende Leistungen zu würdigen und zu belohnen. „Ich möchte die Leistungsbereitschaft junger Menschen fördern“, wird der Namensgeber, der Kaufmann Karl Nix, auf der Homepage der Stiftung zitiert. Sie existiert seit 30 Jahren. „Karl Nix war nicht mit der bremischen Bildungspolitik zufrieden“, sagt der Stiftungsvorstandsvorsitzende Jens-Uwe Nölle. Nix habe gestört, dass der Leistungsgedanke im Bildungssystem weitgehend negiert worden sei. Deshalb habe er mit der Stiftung dafür gesorgt, dass Bremens beste Abiturienten und Auszubildende mit Auszeichnungen bedacht werden. „Es ist wichtig, auch Positives herauszustellen“, sagt Nölle, Vater von vier Kindern, der selbst in Bremen zur Schule gegangen ist. „Ich bin der Überzeugung, dass in Bremens Bildungssystem nicht alles so läuft, wie es laufen sollte, aber die Lage wird nach außen auch schlechter dargestellt, als sie wirklich ist. Es braucht sich kein Schüler aus Bremen vor einem aus Bayern verstecken, und ich kenne viele Lehrer, die tolle Arbeit leisten.“

Unter den Abiturienten führen die Absolventen des Alten Gymnasiums derzeit die Statistik der Karl-Nix-Stiftung an. Die Schule genießt einen guten Ruf, die Nachfrage nach einem Schulplatz übersteigt laut ­Stefanie Drieling, stellvertretende Schulleiterin, in der Mittelstufe das Angebot, vor allem in Klasse 5. Es gebe auch regelmäßig Anfragen von Neubremern oder solchen, die es werden wollten: Sie hätten sich über die Homepage der Schule informiert, wie sie an einen Schulplatz kommen könnten.

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„Wir leiden unter dem schlechten Ruf, der Bremen in Sachen Bildung vorauseilt“, so Drieling weiter. Und: Sie könne ihn nicht bestätigen. Sie habe an niedersächsischen Gymnasien gearbeitet, „und im Vergleich fallen wir hier um nichts zurück“. Im Gegenteil: Bei der IQB-Studie für die Sekundarstufe (2015) habe es sogenannte schulscharfe Auswertungen gegeben, die das Abschneiden im Bundesdurchschnitt nach Schulform aufzeigten. Sie werden nicht öffentlich, „aber wir haben unsere Ergebnisse gefeiert“. Das Alte Gymnasium sei nicht die einzige Schule, die auf sich stolz sein könne. „Es gibt ganz viele Schulen hier in Bremen, die hervorragende Arbeit leisten.“ Das Schulangebot in Bremen sei überdies umfassend und vielfältig, „jedes Kind kann hier gemäß seinen Fähig- und Fertigkeiten gefordert und gefördert werden. Viel Energie wird dafür vonseiten der Lehrkräfte investiert“. Nur bei der Unterstützung der pädagogischen Arbeit von oben gebe es „noch Luft nach oben“.

Das Bildungsressort nennt weitere Erfolge: Die Gesamtschule Ost ziehe durch ihre Projekte mit der Deutschen Kammerphilharmonie seit Jahren große Aufmerksamkeit auf sich. Bremer Schüler gewannen beim Wettbewerb „Jugend debattiert“, schnitten beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gut ab, erhielten andere renommierte Preise. Beim Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ nehmen mehr Bremer Schüler teil als in anderen Bundesländern. In den Studien „Schule digital“ der Telekom-Stiftung schneide Bremen gut bis sehr gut ab. Beim Bildungsmonitor der deutschen Wirtschaft komme die Berufliche Bildung Bremen regelmäßig auf 4. und 5. Plätze. Und das sei nur ein Ausschnitt für nachweislich überdurchschnittlich gute Leistungen.

Notfalls Anwälte bemühen, um Wünsche durchzusetzen

Kann es sein, dass derartige Erfolge nicht genug betont werden und neben Negativschlagzeilen über nationale und internationale Vergleichstests untergehen? „Es ist keinem damit geholfen, im Bildungsbereich eine Politik des schönen Scheins zu betreiben“, sagt Professor Veith. Die Bildungspolitik müsse sich vielmehr selbstkritisch fragen, was sie zu dem Erfolg einzelner Schulen beigetragen habe. „Hat sie den Schulen die Freiräume gegeben, um eigenverantwortlich zu handeln? Welche Formen der behördlichen Unterstützung haben sich dabei bewährt?“

Vor allem bildungsnahe Eltern hätten heutzutage „eine hohe Sensibilität“ was die Unterrichtsqualität angehe, sagt Bildungsforscher Christian Palentien, Professor an der Uni Bremen. Eltern informierten sich umfassend, wählten die Schule ihres Nachwuchses sorgsam aus und bemühten notfalls Rechtsanwälte, um ihre Wünsche durchzusetzen. Auch Auswärtigen werde bekannt, dass es in Bremen gute und innovative Schule gebe. „Innerhalb der Stadt wird selektiert, aber deshalb wird noch nicht das ganze Land Bremen gemieden“, so Palentien. Das habe seine Berechtigung: Die Pisa-Studien zeigten, dass Bremer Schüler, wenn man den sozialen Status berücksichtige, in ihren Leistungen mit denen anderer Bundesländer vergleichbar seien. „Der gesamte Bildungssektor in Bremen leidet unter Lehrer- und Geldmangel, das zieht die gesamten Leistungen nach unten.“

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„Wir empfehlen jeden Tag Unternehmen aus dem In- und Ausland, nach Bremen zu kommen. Bremen punktet neben der großen wirtschaftlichen Kompetenz mit seinem starken maritimen Bezug, mit dem wunderschönen historischen Stadtkern und seinem großen kulturellen Angebot“, sagt Andreas Heyer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. „Das Thema Bildung wird von auswärtigen Unternehmen bei der Standortwahl nicht diskutiert. Das zeigt unsere Erfahrung im Ansiedlungsgeschäft und wird durch empirische Studien gestützt.“ Die Studie, erarbeitet vom Lehrstuhl für innovatives Markenmanagement der Uni Bremen, kam 2013 zu dem Schluss, dass die „Qualität der Schulen“ für Hochqualifizierte „keine Verhaltensrelevanz“ aufzeige. Im Selbstbild der Bremer spiele das Thema Bildung eine große Rolle, für das Image Bremens, also die Einschätzung Externer, praktisch keine.

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