Sanierungsstau Bremen sperrt marode Schultafeln

An der Wilhelm-Olbers-Schule in Hemelingen sind aus Sicherheitsgründen zwölf von 80 Tafeln gesperrt worden. Sie seien so marode, dass sie im Ernstfall den Lehrern und Kindern entgegen fallen könnten.
08.08.2017, 22:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Sabine Doll Kristin Hermann

„Die Sperrung ist das Ergebnis eines größer angelegten Projektes der Bildungsbehörde, für das nach und nach alle Tafeln und andere Geräte an Bremer Schulen überprüft werden“, sagt Annette Kemp, Sprecherin von Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). In den vergangenen drei Monaten seien drei Schulen untersucht worden, eine weitere stehe noch aus. Anschließend will die Behörde die Befunde auswerten, um in den kommenden Monaten alle weiteren Schulen in Bremen zu überprüfen.

Die große Anzahl der kaputten Tafeln an der Ganztagsschule in Hemelingen habe die Behörde überrascht, sagt Kemp. Eigentlich sei jede Schule selbst für die Überprüfung der Schulausstattung verantwortlich, doch bei den zwölf Tafeln aus den 1970er-Jahren wären die Mängel nicht offensichtlich gewesen. Das Bildungsressort geht davon aus, dass an weiteren Schulen ähnlich alte Tafeln angebracht sind.

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In diesem Jahr sollen 64 Millionen Euro in Schulen investiert werden, darin sind aber auch Mittel für dringend benötigte Neubauten enthalten. Sollte die Überprüfung in weiteren Schulen zu einem ähnlichen Ergebnis wie in Hemelingen kommen, muss die Behörde diesen Betrag womöglich aufstocken. „Das haben wir nicht einkalkuliert“, so Kemp. Eine neue Tafel koste zwischen 400 und 500 Euro.

Auch die Schulleiterin der Wilhelm-Olbers-Schule war überrascht vom Ergebnis des Behörden-Checks: „Die Kollegen waren ziemlich verärgert darüber, dass sie die Tafeln nicht mehr für den Unterricht einsetzen konnten“, sagt Anke Braunschweiger. Zur Überbrückung haben die Lehrer mobile Tafeln bekommen, bis in sechs Wochen Ersatz da ist.

Dringende Sanierungen viel zu lange aufgeschoben

„Die maroden Tafeln sind leider ein Symptom für den Zustand an vielen Schulen und für die rot-grüne Bildungspolitik“, stellt der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Thomas vom Bruch, fest. Der Senat habe dringende Sanierungen viel zu lange aufgeschoben und dadurch einen Berg von fast einer Milliarde Euro angehäuft.

Das gelte auch für die Ausstattung mit Lernmitteln. „Tafeln von 1973 erfüllen nicht unbedingt den Anspruch, den wir heute an Unterricht haben“, betont vom Bruch. Es sei unverständlich, warum die Mängel erst zum Schuljahresbeginn festgestellt worden seien und nicht zum Start der Sommerferien.

Auch für den finanzpolitischen Sprecher der Linksfraktion, Klaus-Rainer Rupp, macht der „Zustand der Tafeln den Sanierungsbedarf nur augenfällig“. „Dahinter steckt ein viel größeres Problem. Mit dem Austausch der Tafeln ist es nicht getan.“ Über viele Jahre habe der Senat weggesehen, erst auf hartnäckige Nachfragen habe er den Sanierungsstau auf 675 Millionen Euro beziffert. „Wir fordern einen Sanierungsplan mit konkreten Zahlen“, so Rupp.

Pilotprojekt notwendig für eine Überprüfung

Die FDP mahnt ebenfalls unverzügliches Handeln an, „um zumindest die sicherheitsrelevanten Sanierungen endlich vorzunehmen“, sagt die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, Julie Kohlrausch. Den Investitionsstau bezeichnet sie als „unverantwortlich“.

Unverständlich sei, warum für eine Überprüfung der Ausstattung ein Pilotprojekt notwendig sei, „das muss eine Selbstverständlichkeit sein“. Auch der grüne Koalitionspartner will in der SPD-geführten Bildungsbehörde nachhaken: „Sicherlich wäre es schöner gewesen, wenn die Tafeln bereits zum Schuljahresbeginn ersetzt worden wären.

Dafür hätte der Schul-TÜV-Mitarbeiter aber weit vor den Ferien die Klassenräume inspizieren müssen, was womöglich den Unterricht gestört hätte. Ob sich die Organisation noch verbessern lässt, werden wir hinterfragen“, sagt Sahhanim Görgü-Philipp (Grüne). Andrea Spude vom Zentralelternbeirat begrüßt, dass die Behörde die Ausstattung überprüfe, „vor allem unter dem Aspekt der Sicherheit.“

Der Investitionsstau erschwert Bildungserfolge

Dass die Schulen sanierungsbedürftig seien, werde auch vom Zentralelternbeirat schon lange angemahnt. „Aber es gibt nicht nur alte Tafeln aus den 1970er-Jahren, teilweise ist die Ausstattung bereits modernisiert“, sagt sie. „Wenn die Behörde den Sanierungsstau jetzt endlich angeht, ist das ein positives Signal.“

Die KfW-Bankengruppe hat im vergangenen Jahr ausgerechnet, dass Städte und Gemeinden bei der Modernisierung von Schulgebäuden mit rund 34 Milliarden Euro hinterherhinken. Die Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin sind in diesen Rückstand allerdings noch nicht einmal eingerechnet. Ein leistungsfähiges Bildungssystem erfordere neben gut ausgebildeten und motivierten Lehrern auch Investitionen in eine angemessene Schulausstattung wie Gebäude und Räume sowie Lehrmaterialien.

Der Investitionsstau erschwere Bildungserfolge. Vor allem in Ländern mit hohem Anteil an „Hartz IV-Familien“ seien die Investitionen eher niedrig. „Diese Entwicklung ist besorgniserregend, da durch die niedrigen Bildungsausgaben gerade in den Ländern, die wirtschaftlich und sozial aufholen müssten, die Grundlage für eine solche Aufholjagd geschwächt wird“, heißt es in der Studie.

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