"Extinction Rebellion" sorgt für Aufsehen

Bremer Eiswette: Der Schneider setzt über

Nasse Füße hat der Schneider bei der Bremer Eiswette am Punkendeich auch in diesem Jahr nicht bekommen. Doch bevor die Veranstaltung richtig losgehen konnte, hatten zunächst Demonstranten das Wort ergriffen.
06.01.2020, 14:16
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Bremer Eiswette: Der Schneider setzt über
Von Timo Thalmann
Bremer Eiswette: Der Schneider setzt über

Die "Onkel Willi" hat Eiswettschneider Peter Lüchinger (l.) trockenen Fußes über den Fluss gebracht.

Sina Schuldt/dpa

Bevor die traditionelle Eiswette in diesem Jahr zum 191. Mal über die Bühne des Punkendeichs direkt am Anleger der Sielwallfähre ging, mussten sich mehrere hundert Schaulustige gedulden. Protestierende Klimaschützer der Gruppe „Extinction Rebellion“ hatten die Veranstaltung des Eiswettvereins von 1829 am Montagmittag kurzzeitig gekapert.

Wie eine Parodie auf die Eiswette mit den alten Herren des Präsidiums wirkte der Auftritt, als die Aktivisten, ausstaffiert mit Zylinder und dunklem Mantel, langsam den Osterdeich hinab schritten. Ein zweiter Teil der Gruppe in roten Gewändern folgte mit einer kurzen Performance, Flugblätter wurden verteilt. Auch im Publikum machten Einzelne mit Protestplakaten und Bannern auf das Thema Klimaschutz aufmerksam.

Mit Blick auf die Frage des Tages, ob die Weser „geiht oder steiht“, also fließt oder zugefroren ist, war der Klimaschutz auch für die direkt Beteiligten des ritualisierten Ablaufs der Eiswette ein Thema. Der Brauch geht auf Bremer Kaufleute zurück, die 1828 erstmals wetteten, ob die Weser am Dreikönigstag 1829 zugefroren sein würde. Daraus entwickelte sich rund 100 Jahr später das Ritual der Eisprobe.

Zu diesem Zweck muss ein Schneider mit einem Gewicht von 99 Pfund inklusive eines heißen Bügeleisens die Weser zu Fuß überqueren. Das ist den jeweiligen Darstellern seit 1947 nicht mehr gelungen und war auch in diesem Jahr sehr offensichtlich unmöglich. Doch Zeremonienmeister Stefan Bellinger und Thomas Röwekamp als Notarius Publicus pochten auf den exakten und traditionellen Ablauf der Probe. Zu dieser Tradition gehört auch das launige Geplänkel zwischen Eiswettpräsident Patrick Wendisch, seinem Notarius und nicht zuletzt dem Schneider.

Peter Lüchinger von der Bremer Shakespeare Company gibt diesen Handwerker seit einigen Jahren als frechen Narren, begleitet von seinen Kollegen Tobias Dürr, Michael Meyer und Markus Seuß, die als heilige drei Könige seine Einlassungen musikalisch kommentieren. Doch die Ankunft des Schneiders verspätete sich wieder einmal, wie er dem Notarius per Handy mitteilte, denn er war in einer Fahrscheinkontrolle hängen geblieben: Dachte er doch, der Bremer Nahverkehr sei jetzt kostenlos, weil das vor der Bürgerschaftswahl im vorigen Jahr doch so versprochen worden sei.

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Und überhaupt: So recht wollte der Schneider nicht verstehen, warum nach der Wahl alles anders ist als vor der Wahl. Zum Beispiel dass der Bürgermeister jetzt Bovenschulte heißt, obwohl der gar nicht zur Wahl stand. „Aber immerhin bereist Bovi jetzt sein Reich und hat extra beim Vor-Vor-Vorgänger umarmen gelernt.“ Schon aus eigenem Interesse hat der Schneider etwas gegen den Klimawandel, weil mit der Erderwärmung seine Chancen natürlich stetig sinken, jemals wieder ohne Boot die Weser zu überqueren.

Allerdings forderte er mehr CO2 in der Atmosphäre, denn bei der Eiszeit vor 500 Milionen Jahren habe es doch viel mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre gegeben. Und so sammelte er schon mal die ausgeatmete Luft von den umstehenden Zuschauer ein. Schließlich kam er auf die „Seute Deern“ zu sprechen, als ihm sofort der Notarius ins Wort fiel: „Stopp, mit den Damen haben wir es ja nicht so“, bemerkte dieser selbstironisch. Aber natürlich meinte der Schneider das in Bremerhaven untergegangene Schiff, das jetzt in nur sieben Jahren für 46 Millionen Euro nachgebaut werden soll.

Aktivisten von "Extinction Rebellion" sorgten bei der 191. Auflage der Bremer Eiswette für Aufsehen.

Aktivisten von "Extinction Rebellion" sorgten bei der 191. Auflage der Bremer Eiswette für Aufsehen.

Foto: Felix Wendler

„Eine angemessene Summe und Bauzeit für eine schwimmende Gaststätte, die niemals den Hafen verlassen wird“, wie der Schneider sarkastisch kommentierte. Am 18. Januar folgt Teil zwei der Eiswette: das Eiswettfest mit hunderten Gästen im Congress-Centrum. Erstmals werden nach 190 Jahren exklusiver Herrenrunden auch Frauen dabei sein. Bei der ersten Eiswette der Bremer Kaufleute im Jahr 1829 mussten die Verlierer nur den 18 Mitgliedern des Präsidiums ein Kohlessen ausgeben.

Dabei ist der Speiseplan bis heute geblieben. Direkt oberhalb der Eiswettprobe am Osterdeich konnte das Publikum schon einmal davon kosten – gegen eine kleine Spende für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGZRS). Auch die Gäste des Eiswettfestes legen Geld in die Kasse der Seenotretter. Insgesamt erbringt die Eiswette so jedes Jahr inzwischen eine sechsstellige Spendensumme.

+++ Dieser Text wurde aktualisiert um 20:54 Uhr +++

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