Neue Suchtmittel-Studie Bremer Jugendliche nehmen weniger Drogen – dafür steigt Medienkonsum

Für eine Studie werden Bremer Jugendliche nach potenziellen Süchten gefragt. Während die 14- bis 17-Jährigen weniger rauchen, kiffen und trinken, wird eine andere Sucht immer stärker.
13.09.2022, 05:00
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Bremer Jugendliche nehmen weniger Drogen – dafür steigt Medienkonsum
Von Kristin Hermann

Kein strukturierter Tagesablauf, kaum Kontakt zu Mitschülern und insgesamt weniger Personen, die genauer hinschauen können, ob alles in Ordnung ist: Die Corona-Pandemie, insbesondere die Lockdown-Maßnahmen, waren für viele Jugendliche belastend. Experten befürchteten deshalb lange, dass Minderjährige verstärkt zu Drogen greifen könnten, um mit den Veränderungen zurechtzukommen. Doch der große Anstieg im Umgang mit klassischen Suchtmitteln wie Alkohol, Tabak oder Cannabisprodukten blieb zumindest im vergangenen Jahr aus. Dafür hat sich die suchthafte Nutzung von digitalen Medien verschärft. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Schulbus-Untersuchung (Schüler- und Lehrkräftebefragung zum Umgang mit Suchtmitteln).

Die Studie wurde unter der Federführung des Bremer Gesundheitsressorts von der Fachstelle "Sucht Hamburg" in Hamburg, Bremen und Bremerhaven durchgeführt. Zuletzt nahm Bremen 2017 an der Befragung teil. Rund 2000 Bremer Jugendliche im Alter zwischen 14 bis 17 Jahren haben von Herbst 2021 bis zum Frühjahr Fragen über ihren Konsum von Suchtmitteln beantwortet, aber auch der Umgang mit Glücksspiel- und Internetangeboten, die eigene Körperwahrnehmung oder die Auswirkungen der Pandemie standen im Fokus.

Alkohol bleibt Suchtmittel Nummer eins

Insgesamt sind laut Befragung weniger Jugendliche als in den Vorjahren in den Gebrauch von Suchtmitteln eingestiegen. Des Weiteren haben die, die ohnehin eher wenig oder gar nicht trinken, rauchen und kiffen auch während der Corona-Pandemie ihr Verhalten nicht geändert oder den Konsum gar verringert. In der Regel waren ausgefallene Partys oder weniger Treffen mit Freunden die Gründe dafür, so die Studienautoren. Wer dagegen davor schon süchtig danach war, hat in den vergangenen drei Jahren eher noch mehr davon genommen. Als Gründe dafür werden unter anderem Langeweile, Realitätsflucht, fehlende Freizeitaktivitäten und Familienprobleme genannt.

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Alkohol ist dabei der Studie zufolge nach wie vor Suchtmittel Nummer eins: Etwa 65 Prozent der Jugendlichen in Bremen haben bereits Erfahrung mit Bier, Wein, Schnaps und Co. gemacht. "Knapp die Hälfte kommt mindestens einmal im Monat mit Alkohol in Berührung", sagt Eva Carneiro Alves, Suchtreferentin beim Bremer Gesundheitsressort. Auch, wenn der Wert insgesamt nicht ansteige, müsse man den Konsum dennoch weiter kritisch beobachten.

Ähnlich verhalte es sich mit dem Gebrauch von Neuen Psychoaktiven Substanzen (NPS), darunter fallen etwa gepanschte Badesalze oder Reinigungsmittel und Ecstasy. Hier verzeichnen die Experten einen Anstieg auf sehr niedrigem Niveau. Laut Behörde ist davon auszugehen, dass 325 bis 350 Jugendlichen in ihrem Leben schon einmal Kontakt zu NPS in seinen vielen Erscheinungsformen hatten. Das Tabak-Rauchen hat unter Jugendlichen hingegen weiter an Attraktivität verloren: Der Anteil des regelmäßigen Rauchens liegt bei Jugendlichen in Bremen bei 7,2 Prozent und in Bremerhaven bei 7,3 Prozent.

Experten beobachten Medienkonsum mit Sorge

Auffällig ist der Studie zufolge dagegen, dass immer mehr Jugendliche nicht nur ein bisschen im Internet surfen, sondern ein problematisches Nutzungsverhalten entwickelt haben. Mit problematisch ist dabei gemeint, dass die Schüler dafür unter anderem Freunde, Familie, Pflichten und Schlaf stark vernachlässigen und ohne Internet gereizt und unruhig sind. In Bremen kam es zu einer Verdopplung des problematischen Konsums - das treffe auf gut ein Fünftel (21 Prozent) aller Jugendlichen zu. Im Durchschnitt verbringen sie in Bremen 5,3 Stunden unabhängig von Schulunterricht und Hausaufgaben im Internet, in Bremerhaven sind es 5,9 Stunden.

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Das exzessive Surfen im Netz kann laut Studie dazu beitragen, sich krankhaft mit anderen zu vergleichen und sich beispielsweise von Filtern und Bildbearbeitung einschüchtern zu lassen. "Wie sich zeigt, sind vor allem Mädchen gefährdet, durch die täglichen Bilder und Videos auf Instagram, Tiktok und Co. zu einer kritischeren Selbstwahrnehmung zu kommen", sagt Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke).

Erste Fälle im Kindergarten

Hilfe bekommen sie unter anderem bei der Fachstelle Medienabhängigkeit der Ambulanten Suchthilfe Bremen. Während bei jungen Männern, die etwa viel am Computer oder auf einer Konsole spielten, schneller sichtbar werde, wenn sie ein Suchtproblem entwickelten, sei das bei Mädchen weniger eindeutig. "Sie kommen häufig noch ihren Alltagsverpflichtungen nach, etwa dem gemeinsamen Essen mit der Familie oder den Hausaufgaben", sagt Michèle Sanner, Suchttherapeutin und Koordinatorin bei der Fachstelle. "Dennoch kreisen die Gedanken oftmals um den Konsum, was sich massiv auf die Gefühlswelt auswirken kann." Sie empfehle Eltern, genau hinzuschauen und auch ihr eigenes Konsumverhalten regelmäßig kritisch zu hinterfragen. "Regeln sollten am besten für die ganze Familie gelten", sagt Sanner.

Die Bandbreite an Fällen, die bei ihr und ihren Kollegen landen, ist groß. So seien sie bereits in einen Kindergarten gerufen worden, weil dort die ersten Kinder unter regelrechten Medien-Entzugserscheinungen litten. Außerdem beobachten die Experten seit Corona eine Zunahme des Pornografiekonsums unter Minderjährigen.

Ähnliche Ergebnisse in Bremen und Hamburg

Die Ergebnisse der Schulbus-Studie für Bremen decken sich im Großen und Ganzen mit den Erkenntnissen für Hamburg. Neben den 2000 Schülern wurden in Bremen und Bremerhaven auch Eltern und Lehrer befragt. Vergleicht man die Einschätzungen zum Suchtmittelkonsum, zeigt sich laut Studienleitern, dass die Lehrkräfte das Ausmaß des suchtgefährdenden Verhaltens eher überschätzen, während die Eltern häufig dazu neigen, die tatsächlich vorliegenden Konsumerfahrungen ihrer Kinder zu unterschätzen.

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Mit den Ergebnissen der Studie will man in Bremen nun noch mehr auf Beratung setzen, besonders in den Schulen. "Es ist absolut zentral, dass in der Schule die eigene Mediennutzung kritisch hinterfragt wird und den Schülerinnen Beratungsangebote gemacht werden", sagt Kinder- und Bildungssenatorin Sascha Karolin Aulepp (SPD). "Jetzt kommt es darauf an, die digitalen Angebote noch viel mehr zur Stärkung gesundheitsförderlichen Verhaltens zu nutzen". Neben bereits vorhandenen Informations- und Unterstützungsangeboten etwa durch die Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentren (Rebuz) oder das Landesinstitut für Schule arbeite man aktuell an weiteren Präventionsangeboten, um Schüler möglichst früh zu sensibilisieren.

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