Bremer Virologe zur Corona-Impfung Andreas Dotzauer: „Das übertrifft alle Erwartungen“

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer spricht im Interview über die Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe, die Impfbereitschaft der Bevölkerung und die Lage in einem halben Jahr.
29.11.2020, 05:00
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Andreas Dotzauer: „Das übertrifft alle Erwartungen“
Von Sabine Doll

Herr Dotzauer, in Bremen laufen wie in anderen Ländern die Vorbereitungen für die Corona-Impfung. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat einen Start womöglich noch im Dezember in Aussicht gestellt. Zuerst sollen Risikogruppen, medizinisches und pflegerisches Personal geimpft werden. Danach soll je nach Verfügbarkeit die restliche Bevölkerung die Möglichkeit zur Impfung bekommen. Werden Sie sich impfen lassen?

Andreas Dotzauer: Ja, wenn die Gelegenheit da ist, werde ich mich impfen lassen. Man muss ganz klar von einem großen Erfolg sprechen, dass es jetzt schon Impfstoffe gibt, für die eine Zulassung ansteht. Wobei noch einige Fragen offen sind, was die Austestung betrifft. Da geht es zum Beispiel um die Zeitabstände für Wiederholungs-Impfungen und die dabei anzuwendende genaue Dosierung, was man beim Austesten mit dem Oxford-Impfstoff von Astra-Zeneca sehen kann. Hierbei wurden mit unterschiedlichen Dosierungen unterschiedliche Wirksamkeit erzielt. Die Zeit für detaillierte Testungen war zu kurz bemessen.

Am Anfang wird der Impfstoff für eine begrenzte Anzahl an Menschen zur Verfügung stehen. Wie lange wird es wohl dauern, vorausgesetzt die Impfungen beginnen demnächst, bis genug Impfstoff für alle verfügbar ist?

Die Produktion ist der Knackpunkt, aber auch das wird auf Hochtouren in Gang gesetzt. Wenn alles flott geht, wird sich das bis gut in die Mitte des nächsten Jahres hinziehen. Aber auch das wäre ein großer Erfolg, wenn sich bis dahin große Teile der Bevölkerung gegen Covid-19 impfen lassen können.

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Was weiß man über die Wirksamkeit der Impfung, ab wann wirkt sie?

Sie wird aus zwei Teilen bestehen, nach etwa drei Wochen muss ein zweites Mal geimpft werden. Das kennen wir auch von anderen Impfungen, etwa dem Schutz vor Masern. Das ist notwendig, um eine gewisse Reifung der Immunantwort zu erreichen. Dieser zweite, notwendige Teil der Corona-Impfung wird als Booster-Dosis – als Antreiber – bezeichnet. Sie erhöht die Spezifität und damit die Wirksamkeit des Immunschutzes.

Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna sollen nach Angaben der Hersteller einen Schutz von etwa 95 Prozent haben. Wie ist das im Vergleich zur Grippe-Impfung einzuordnen?

Zunächst einmal: 95 Prozent sind verdammt hoch, damit hat niemand gerechnet. Und das übertrifft alle Erwartungen. Bei der Grippe-Impfung ist das unterschiedlich in den einzelnen Jahren, die Influenza wird von mehreren Virustypen bestimmt. Der Impfstoff enthält Bestandteile der Virus-Varianten, die jeweils für die kommende Saison erwartet werden. Bei der Grippe-Impfung liegt der Schutz im Durchschnitt mit etwa 40 Prozent viel niedriger. Es kann mal weniger oder auch deutlich mehr sein.

Was sagen diese Prozentzahlen aus?

Beim Grippeschutz bedeutet das: Dieser Prozentsatz der Geimpften entwickelt die Krankheit nicht. Aber: Auch die anderen sind geschützt, weil die Symptomatik und der Krankheitsverlauf schwächer ausfallen. Dazu gibt es sehr beeindruckende Zahlen: Von Geimpften müssen 37 Prozent weniger ins Krankenhaus und mehr als 80 Prozent intensivmedizinische Fälle werden verhindert. Daran sieht man, auch bei einem Impfschutz von 40 Prozent ist ein deutlicher Effekt da. Und wenn man die 95 Prozent Schutz der beiden Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna oder 70 Prozent bei dem Oxford-Impfstoff zugrunde legt, ist das noch einmal deutlich effektiver.

Sind die Impfstoffe sicher, trotz des beschleunigten Zulassungsverfahrens? Biontech etwa nennt als mögliche kurzfristige Nebenwirkungen Erschöpfung, Müdigkeit und Kopfschmerzen, die bei etwa zwei bis knapp vier Prozent der Probanden nach der zweiten Impfung aufgetreten seien.

Die bisherigen Testungen zeigen keine außergewöhnlichen Reaktionen auf die Impfung. Ähnlich wie bei anderen Impfungen auch, sieht man Rötungen an der Injektionsstelle oder bemerkt vorübergehende Gelenkschmerzen am Impf-Arm. Bei jedem Impfstoff ist es möglich, dass sehr seltene Nebenwirkungen oder auch Spätfolgen auftreten. Die sind individuellen Reaktionen auf die Impfung geschuldet. Denkbar wäre etwa eine Autoimmunreaktion. Um hierzu jedoch etwas sagen zu können, sind wesentlich längere Beobachtungszeiten nötig. Man muss hier aber auch die hohe Sterblichkeit von circa drei Prozent bei Covid-19 bedenken.

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Wird jeder gegen Covid-19 geimpft werden können?

Wie bei anderen Impfungen wird es sicher auch hierbei Einschränkungen geben, etwa wenn es bestimmte Vorerkrankungen gibt. Aber wie gesagt: Wenn so viele Menschen geimpft sind, dass eine sogenannte Herdenimmunität erreicht werden kann, sind auch diese Menschen indirekt geschützt. Das ist das Ziel der Impfung – das gilt für Covid-19, aber auch für andere Krankheiten, gegen die es eine Impfung gibt.

Es heißt auch, dass nach einiger Zeit, vielleicht einem Jahr, eine Auffrischungsimpfung notwendig sein könnte. Was ist der Grund dafür?

Wenn der Körper über längere Zeit nicht mit dem wirklichen Erreger in Kontakt kommt, kann es sein, dass die für die Immunität wichtigen Gedächtniszellen absterben. Diese Zellen sind zwar recht langlebig, aber sie können eben abnehmen. Eine Reaktivierung durch einen späteren Booster würde sie wieder stimulieren. Ob und nach welcher Zeit dies erforderlich sein wird, kann man jetzt aber noch nicht genau sagen. Das ist ebenfalls nicht neu: Auch bei anderen Impfungen ist eine Auffrischung erforderlich.

In Deutschland ist es bisher nicht gelungen, die Masern auszurotten, weil die Quote bei der zweiten Impfung nicht hoch genug ist. Oder die Grippe: Tausende Menschen sterben jährlich an den Folgen, vor allem Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen sind gefährdet. 2018 lag die Impfquote bei den über 65-Jährigen bei etwa 35 Prozent. Muss man diesen Effekt auch bei der Corona-Impfung befürchten, wenn die Krankheit ihren Schrecken verloren hat – eben durch die Möglichkeit der Impfung?

Im Moment ist es so, dass fast alle auf die Impfung schauen und darauf warten. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich die Impfbereitschaft mit der Rückkehr zur früheren Normalität ändert. Leider ist das Gedächtnis sehr kurz, was Infektionskrankheiten betrifft.

Seit März dieses Jahres gibt es in Deutschland eine Masern-Impfpflicht für Schulen und Kitas, die auch für Erzieher und Lehrer gilt. Ist eine ähnliche Regelung auch für die Corona-Impfung denkbar, dass zum Beispiel Pflegekräfte oder medizinisches Personal eine Impfung nachweisen, um die Risikogruppen zu schützen?

Sinnvoll wäre das sicherlich, aber ich sehe an dieser Stelle große rechtliche Probleme. Daher denke ich nicht, dass dies kommen wird. Sicherlich wird aber eine Impf-Empfehlung kommen, wie für andere Infektionskrankheiten auch. Solche Empfehlungen werden in Deutschland von der Ständigen Impfkommission, der Stiko, am Robert-­Koch-Institut herausgegeben. Die Empfehlung ist zudem Grundlage dafür, dass die Impfung von den Krankenkassen bezahlt wird.

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Wenn Sie ein halbes Jahr weiter denken: Wird das Schlimmste überstanden sein?

Ja – vorausgesetzt, die Impfung ist bei vielen erfolgt und sie zeigt die entsprechende Wirksamkeit.

Kann die Impfung die Pandemie beenden?

Grundsätzlich ja. Pandemie bedeutet aber eine weltweite Ausbreitung, und wir können die Verhältnisse bei uns nicht mit anderen Ländern vergleichen. Es ist davon auszugehen, dass in den reicheren und politisch stabileren Ländern schnell ein Schutz aufgebaut werden kann. Wichtig ist, dass auch in den anderen Ländern alles unternommen wird, dafür zu sorgen. Gewisse Reservoirs, in denen sich das Virus halten kann, werden aber weltweit bleiben, das kennen wir auch von anderen pandemischen Erkrankungen.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

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Zur Person

Andreas Dotzauer ist Virologe und Leiter des Laboratoriums für Virusforschung an der Universität Bremen.

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Zur Sache

Drei Impfstoffe vor der Zulassung

Das Moderna-Präparat ist wie das von Pfizer und Biontech ein sogenannter mRNA-Impfstoff. mRNA steht für Messenger-Ribonukleinsäure, auch als Boten-RNA bezeichnet. Es enthält genetische Informationen des Erregers, aus denen der Körper ein Viruseiweiß herstellt. Ziel der Impfung ist es, den Körper zur Bildung von Antikörpern gegen dieses Protein anzuregen, um die Viren abzufangen, bevor sie in die Zellen eindringen und sich vermehren.

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