Datenschutz bremst Containment-Scouts

Bremen erfasst Corona-Daten noch auf Zetteln

In Bremen werden Angaben von Infizierten und deren Kontaktpersonen auf Zetteln erfasst und erst seit kurzem in eine Datenbank eingepflegt. Auf die haben aber nicht alle Pandemie-Ermittler Zugriff.
22.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremen erfasst Corona-Daten noch auf Zetteln
Von Joerg Helge Wagner
Bremen erfasst Corona-Daten noch auf Zetteln

Die Tests verlaufen reibungslos, doch der Umgang mit den erhobenen Personendaten führt zu Problemen.

Sina Schuldt / dpa

In Bremen gibt es keine durchgängige elektronische Erfassung jener Angaben, welche Infizierte und deren Kontaktpersonen machen müssen. Containment-Scouts, die Infektionsketten nachverfolgen sollen, arbeiten mit Vordrucken, die sie handschriftlich ausfüllen. Erst später werden diese Daten von anderen Mitarbeitern in das neue, selbstentwickelte Programm des Gesundheitsamtes eingepflegt. Die Scouts selbst haben keinen Zugriff auf diese Datenbank – und sie existiert noch keine zwei Wochen. Das bestätigte ein Behördensprecher dem WESER-KURIER. Er begründete dieses Verfahren mit Datenschutzvorgaben.

Gut zwei Monate nach dem offenen Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland werden Adressen, Geburtsdaten und Telefonnummern in Bremen zunächst auf DIN A4-Zetteln erfasst. Offenbar passiert das auch mehrfach pro Fall durch verschiedene Mitarbeiter. Dabei kommt es zu Doppelabfragen und -benachrichtigungen, aber auch zu widersprüchlichen Informationen für die Betroffenen.

Stephanie Müller

Stephanie Müller

Foto: Privat

Stephanie Müller, eine vierfache Mutter aus Bremen, hatte sich am 12. Mai freiwillig testen lassen, weil sie seit neun Tagen unter Erkältungssymptomen litt. Das Testergebnis bestätigte am Folgetag eine Infektion mit dem Corona-Virus. Einen weiteren Tag später rief das Gesundheitsamt an und befragte sie ausführlich zu ihren Kontaktpersonen. Stephanie Müller: „Ich habe acht Personen genannt: meinen Mann, unsere vier Kinder, meine Mutter und zwei Haushaltshilfen.“ Von jedem habe sie Adresse, Telefonnummer und Geburtsdatum angegeben.

Patientenerhebungsbogen per Brief

Mittags kam zudem ein Brief mit einem Patientenerhebungsbogen an, in dem genau diese Daten noch einmal abgefragt wurden. Per frankierten Rückumschlag hätte sie ihn ans Amt schicken sollen. „Aber wie? Ich stand doch unter Quarantäne und hätte nicht einmal zum Briefkasten gedurft“, wundert sich Müller. Gleiches galt für Mann und Kinder.

Müllers Mann, ein derzeit beschäftigungsloser Pilot, erhielt einen Tag später als Kontaktperson ebenfalls per Post den Patientenerhebungsbogen – mit dem Hinweis, dass er ihn nur zurückschicken müsse, wenn er Krankheitssymptome zeige. Inzwischen hatte er sich auch testen lassen – mit negativem Ergebnis, wie er Tage später telefonisch erfuhr. Kurz darauf rief eine andere Mitarbeiterin bei Stephanie Müller an: Ihr Mann habe Kontakt zu einer infizierten Person gehabt. Die Person war natürlich sie selbst. Dritter Anruf, dieses Mal von einem Containment-Scout. Müllers Sohn Emil habe Kontakt mit einer Infizierten gehabt. Stephanie Müller hatte ihren Sohn als Kontaktperson längst angegeben, aber davon wusste der Scout offenbar nichts.

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Auf Nachfrage bestätigte ihr der Scout, dass er mit zusammengehefteten Din A4-Formularen arbeite. Die ausgefüllten Zettel würden im Gesundheitsamt in Aktenordnern abgelegt. Auch alle vier Kinder von Stephanie Müller erhielten als Kontaktpersonen je einen Brief von der Behörde: Das neun Monate alte Baby Alma ebenso wie die Söhne Carl (5), Piet (8) und Emil (11). „Immer mit 95 Cent frankiert, plus Rückumschlag mit 80-Cent-Marke“, schildert Stephanie Müller.

Stephanie Müllers Mutter, eine Ärztin, hatte nach dem positiven Testergebnis auch umgehend zwei Abstriche nehmen lassen. Das Ergebnis sei negativ, teilte man ihr telefonisch mit. Tags darauf ein weiterer Anruf, ob sie Symptome zeige. Das war nicht der Fall. Dann könne sie die Quarantäne verlassen, wenn ihr der Hausarzt telefonisch bestätige, dass sie keine Krankheitsanzeichen habe, so die weitere Auskunft laut Stephanie Müller.

Überraschte Arzthelferinnen

Beim Hausarzt hätten die Arzthelferinnen verwundert reagiert: „Die wussten gar nicht, dass sie das dürfen“, berichtet Frau Müller junior. Dürfen sie auch nicht: Einen Tag später kam der Anruf, dass sich Frau Müller senior als Kontaktperson einer Infizierten sofort in Quarantäne begeben müsse.

„Das ist immer so“, erklärt Behördensprecher Lukas Fuhrmann. „Wegen der langen Inkubationszeit kann auch ein negatives Ergebnis trügerisch sein. Deshalb gehen wir mit 14 Tagen Quarantäne auf Nummer sicher.“ Allerdings habe niemand verlangt, dass ihre vier Kinder während oder nach der Quarantäne getestet werden, berichtet Stephanie Müller.

Eine exakte Zahl der ermittelten Kontaktpersonen von Infizierten kann Fuhrmann bislang nicht nennen: „Wir gehen derzeit von 5000 bis 5500 im Land Bremen aus.“ Auf eine infizierte Person kämen im Schnitt fünf bis sechs unmittelbare Kontaktpersonen.

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