Arzt fordert Hygieneunterricht Weniger Grippefälle und andere Infekte in Bremen

Corona-Schutzmaßnahmen wie Händehygiene, Abstand und Masken sorgen für einen Rückgang bei Grippe und Co. Krankenhaushygieniker Martin Eikenberg fordert, Alltagshygiene in den Schulunterricht zu integrieren.
21.01.2021, 20:43
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Weniger Grippefälle und andere Infekte in Bremen
Von Sabine Doll

Händewaschen und -desinfektion, Abstand sowie das Tragen von Masken schützen offenbar nicht nur vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Andere Infektionskrankheiten wie Grippe, Atemwegsinfekte oder Durchfallerkrankungen sind seit Einführung der Pandemie-Maßnahmen im Frühjahr auf dem Rückzug. Das zeigen Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI), die die Krankenkasse DAK für Bremen und Bremerhaven ausgewertet hat: Danach sind dem Institut im Corona-Jahr 2020 insgesamt 36,5 Prozent weniger Nachweise von Infektionskrankheiten gemeldet worden. In Niedersachsen waren es der Auswertung zufolge 34,6 Prozent. Im gesamten Bundesgebiet wurden 29,7 Prozent weniger meldepflichtige Erkrankungen registriert.

Der Krankenhaushygieniker Martin Eikenberg fordert, diese „positiven Effekte auch nach der Corona-Krise nicht verpuffen“ zu lassen – sondern daraus zu lernen. „Alltagshygiene und die dadurch vermeidbare Übertragung von Krankheitserregern sollte zwingend Bestandteil des Schulunterrichts werden. Es geht um Grundkenntnisse, wie die allgemeine Gesundheit in der Bevölkerung gefördert werden kann“, sagt der Leiter des Instituts für Allgemeine Hygiene, Krankenhaus- und Umwelthygiene am Klinikum Bremen-Mitte. Gemeinsam mit Fachkolleginnen und -kollegen werbe er seit vielen Jahren in der Politik dafür, dieses Basiswissen in Lehrpläne aufzunehmen. In Grundschulen etwa sei das Thema gut im Sachkunde-Unterricht angesiedelt, in höheren Jahrgängen noch einmal in Biologie.

Lesen Sie auch

Die Kontakteinschränkungen und der Lockdown gehörten sicher auch zu den Ursachen, so der Arzt. Der Rückgang im vergangenen Jahr zeige aber auch deutlich, dass Händehygiene, Maske und Abstand hilfreich seien, Infektionskrankheiten zu verhindern. „Es geht auch in Zeiten jenseits der Pandemie um den Schutz vulnerabler Gruppen vor schweren Verläufen und lebensgefährlichen Komplikationen“, betont Eikenberg. Empfehlenswert sei, dass Menschen diese Schutzmaßnahmen besonders auch in Grippe- und Erkältungszeiten beibehielten.

Neben den gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen habe dies auch Auswirkungen auf den Krankenstand. Eine zentrale Rolle spielt laut ­Eikenberg die Händehygiene, mehr Möglichkeiten dafür müsse es auch künftig im öffentlichen Raum geben – in Ämtern, Bibliotheken, Kitas, Schulen, öffentlichen Verkehrsmitteln und am Arbeitsplatz. „Man kann nur hoffen, dass aus den jetzigen Erfahrungen gelernt wird – und Desinfektionsspender etwa nicht gleich wieder abgeschraubt werden, wenn die Pandemie vorbei ist.“ Vorbild sind für den Krankenhaushygieniker asiatische Länder, in denen bereits seit vielen Jahren Masken zum Alltag gehörten – in Bussen und Bahnen etwa, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenkämen.

„Um diese Zeit wäre die Praxis eigentlich voll mit Patienten, die an Atemwegsinfekten oder Durchfallerkrankungen leiden. Und auch die Influenzasaison hätte sich längst bemerkbar gemacht – das fällt seit Corona weitgehend aus“, sagt Hans-Michael Mühlenfeld. Auch der Vorsitzende des Bremer Hausärzteverbands ist überzeugt, dass Händehygiene, Abstand und Masken neben den Kontakteinschränkungen und Lockdown einen erheblichen Teil dazu beitragen. „Die Alltagshygiene ist in der Breite der Bevölkerung angekommen. Man muss nur daran denken, dass Seife und Desinfektionsmittel zeitweise so ziemlich ausverkauft waren.“ Bereits im Frühjahr habe sich gezeigt, dass der erste Lockdown der Grippewelle ein vorzeitiges Ende bereitet habe.

„Man kann jedem nur empfehlen, bestimmte Maßnahmen beizubehalten“, sagt der Hausarzt. „Auch banale Erkältungen könnten Komplikationen nach sich ziehen, schmerzhafte und langwierige Mittelohr- oder Nasennebenhöhlenentzündungen etwa. Auch dies kommt seit dem Frühjahr deutlich seltener vor.

Info

Zur Sache

Infektionskrankheiten in Zahlen

Laut der DAK-Auswertung sind Norovirus-Infektionen im Land Bremen um 66 Prozent zurückgegangen. Die Durchfallerkrankung, die sich gerade in Gemeinschaftseinrichtungen rasch verbreite, ist danach im vergangenen Jahr 210 Mal gemeldet worden – 2019 waren es 618 Fälle. Windpocken gingen um fast die Hälfte zurück, Erkrankungen durch Rotaviren um 71 Prozent. Die Erreger lösen heftigen Durchfall aus, der vor allem für Kinder gefährlich werden kann. In Niedersachsen gingen Norovirus-Infektionen um 62,8 Prozent zurück, sie wurden demnach im vergangenen Jahr 3049 Mal gemeldet, 2019 waren es 8206 Fälle. Windpocken gingen um rund die Hälfte zurück, Erkrankungen durch Rotaviren um 83 Prozent.

Für die Influenza-Wintersaison erfasst das RKI gemeldete Fälle jeweils von der 40. bis zur 20. Kalenderwoche: In der Saison 2019/20 wurden im Land Bremen 282 Fälle registriert, in der laufenden Saison 2020/2021 bislang acht. In Niedersachsen waren es 10.704 Fälle in der vergangenen und 26 Meldungen in der laufenden Influenzasaison.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+