Parzelle liegt im Trend Langes Warten auf den eigenen Garten in Bremen

Wer zum Sommer einen Kleingarten in Bremen pachten will, braucht vor allem Glück und Geduld. Experten empfehlen Mehrfachbewerbungen und die Gebiete im Westen.
19.01.2021, 21:26
Lesedauer: 4 Min
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Langes Warten auf den eigenen Garten in Bremen
Von Nina Willborn

Nur die Harten kommen in den Garten – das ist dem Vernehmen nach ein alter Leitspruch für Pflanzenstandorte, gilt aber auch für alle Bremerinnen und Bremer, die in den vergangenen Monaten auf der Suche nach einem kleinen Stück Gärtnerglück waren oder es noch sind. Unmöglich ist es zwar nicht, eine der insgesamt rund 17.000 Parzellen, die der Landesverband der Gartenfreunde für Bremen verzeichnet, zu ergattern. Vor allem für Grundstücke auf dem Stadtwerder und in Schwachhausen brauchen Interessenten aber entweder eine große Portion Glück oder ausgeprägte Geduld. Ein Grund für den anhaltenden Boom ist, na klar, Corona, ein anderer der schon seit Jahren spürbare Trend, dass sich immer mehr Menschen für ökologische Themen begeistern.

Im vergangenen Jahr sei das Interesse an den Parzellen geradezu explodiert, sagt Axel Hausmann aus dem Vorstand des Kleingärtnervereins „Beim Kuhhirten“. Der „Kuhhirte“ gehört auch dank der Lage der Grundstücke in der Nähe des Werdersees zu den beliebtesten der insgesamt rund 100 Kleingartenvereine im Bundesland, das merken sie dort nicht zuletzt an der Länge der Warteliste. „Im Januar vor einem Jahr waren es noch knapp über 500 Interessenten. Im Moment sind es genau 1065“, sagt Hausmann, „alleine im letzten Monat sind 25 dazugekommen. Wir sagen den Leuten, dass sie im Durchschnitt mit drei bis fünf Jahren Wartezeit rechnen müssen.“

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Die Gesamtzahl der „Kuhhirten“-Gärten: 412. Die Zahl der im Jahr 2020 neu vergebenen Gärten: sechs. Hausmann: „Das ist total eingebrochen, normalerweise haben wir pro Jahr 15 bis 25 Kündigungen. Aber wegen Corona wollen alle an die frische Luft. Da haben wohl einige, die sonst gekündigt hätten, ihre Grundstücke behalten.“ Bei den wenigen Besichtigungsterminen, die der Verein anbieten konnte, gab es Bilder, wie man sie sonst eher von Wohnungsvergaben in Trendvierteln in Hamburg oder München kennt: Warteschlangen von 300 Meter Länge.

„Das war unglaublich“, sagt Hausmann. Zu denen, die im Dezember Glück hatten und sich nun „Parzellisten“ nennen dürfen, gehört Anne Emden mit ihrer Familie. „Wir haben fast vier Jahre gewartet“, erzählt die Bremerin. „Jetzt freuen wir uns, dass es endlich geklappt hat. Im Garten selbst ist noch ganz schön viel zu machen, aber gerade in diesen Zeiten ist es gut zu wissen, dass er da ist.“

„Da kommt eine neue Generation“

Katharina Rosenbaum, Geschäftsführerin des Landesverbands, rechnet für die kommenden Monate mit einem weiter steigenden Interesse. „Wir sehen, dass es auch bei denen Vereinen, bei denen jahrelang nur wenig passiert ist, immer mehr Nachfragen gibt“, sagt sie. Die Interessenten sind ihr zufolge häufig junge Familien. „Altersmäßig sind viele Mitte bis Ende 20“, sagt Rosenbaum, „da kommt eine neue Generation.“ Wichtig sei einem Großteil der neuen Pächterinnen und Pächter – aber auch vielen der „Altbesitzer“ – inzwischen nicht nur der Erholungswert eines Kleingartens, sondern auch Themen wie naturnahes Gärtnern oder die Selbstversorgung mit ökologisch angebautem Obst und Gemüse.

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Gartensuchern empfiehlt Katharina Rosenbaum, sich nicht auf einen Wunschverein festzulegen. „Auf unserer Homepage haben wir eine Übersichtskarte mit den Kontaktadressen“, sagt sie. „Auf der Werderinsel sind die Chancen schlecht, besser dagegen sieht es im Bremer Westen aus, in Walle, Oslebshausen oder Gröpelingen.“ Das bestätigt auch Rolf Heide, Vorsitzender des Vereins der Gartenfreunde „Am Mittelwischweg“. „Auch wir haben im Moment keine Verpachtungssorgen“, sagt er, „aber es gibt noch Vereine, die freie Flächen anbieten.“ Sein eigener Verein hat rund 270 Gärten, in einigen standen früher Kaisenhäuser – und sind jetzt Wiesen. „Die wird man seltener los“, sagt der Vorstand. Um vor allem Familien durch die Coronazeit zu helfen, habe man einige der Gärten im vergangenen Sommer bei Interesse auch tageweise oder zu besonders günstigen Konditionen überlassen.

Rosenbaum, Heide und Hausmann warnen allerdings auch davor, dass die potenziellen Gartenbesitzer zum Teil mit falschen Vorstellungen auf die Suche gehen – vor allem, was den Aufwand betrifft, den es braucht, um das Grundstück nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, oder die Kosten (je nach Gartengröße zwischen 200 und 400 Euro im Jahr an Pacht und Gebühren). Auch eine große Entfernung zur eigenen Wohnung kann für einige ein Grund dafür sein, dass die Freude am Garten schnell nachlässt, andere wiederum zelebrieren schon den Weg dorthin als willkommene Flucht aus dem Alltag.

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Mietäcker werden beliebter

Es gibt auch Möglichkeiten für Hobbygärtner, die keine eigenen Kleingärten oder Parzellen besitzen. Der BUND Bremen und der Nabu bieten verschiedene Projekte an, bei denen gemeinschaftlich Obst, Gemüse oder Kräuter angebaut werden. Und in Timmersloh stellt Landwirt Ingo Stelljes-Subarew einen Teil seiner insgesamt 40 Hektar großen Anbaufläche den Hobby-Landwirten der „Ackerhelden“ zur Verfügung. Das in Essen beheimatete Start-up setzt darauf, in verschiedenen Städten landwirtschaftliche Gartenarbeit anzubieten: mit unterschiedlichen saisonalen Gemüsen vorbestellte Kleinäcker, um deren Pflege und Ernte sich die Pächter dann kümmern, unterstützt von Fachleuten.

„Vergangenes Jahr waren es 70 Kleinparzellen“, sagt Stelljes-Subarew, „für die neue Saison habe ich im Moment rund 100 Anfragen. Das Interesse der Menschen an dem Thema wird immer größer.“ Das bestätigt auch „Ackerhelden“-Mitgründer Tobias Paulert. „Wir rechnen damit, dass wir auch 2021 weiter wachsen werden. Das Bewusstsein für Ernährung steigt, die Leute interessieren sich dafür, wo ihre Nahrung herkommt und was Qualität ausmacht.“ Durch Corona komme verstärkend hinzu, dass viele andere Freizeitangebote nicht oder nur eingeschränkt möglich sind. Auch Stelljes-Subarew findet es wichtig, den Menschen nicht nur grundlegende Kenntnisse über ökologische Landwirtschaft und Ackerbau zu vermitteln, zum Beispiel, wann welches Gemüse wächst, sondern auch ein Bewusstsein dafür, was seine Arbeit und die seiner Kollegen wert ist.

Mehr Informationen über das Mietäcker-Projekt gibt es auf der Homepage www.ackerhelden.de.

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