Besorgniserregende Ergebnisse Das sind die Sorgen der Bremer Kinder

Knapp ein Viertel aller Bremer Erstklässler kann kein Deutsch oder macht beim Sprechen erhebliche Fehler. Und das ist nur einer der Befunde, die bei den Schuleingangsuntersuchungen festgestellt wurden.
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Das sind die Sorgen der Bremer Kinder
Von Kristin Hermann

Knapp ein Viertel aller Bremer Kinder, die in diesem Jahr eingeschult wurden, kann kein Deutsch oder macht beim Sprechen erhebliche Fehler. Das ist nur einer der Befunde, die in diesem Jahr bei den sogenannten Schuleingangsuntersuchungen festgestellt wurden.

Dieser Kontrollbesuch ist für alle Kinder in Bremen vor ihrer Einschulung Pflicht. Zwar gibt es noch keinen offiziellen Bericht, doch dem WESER- KURIER liegen vorläufige Auswertungen aus dem Bremer Gesundheitsamt vor.

Besorgniserregend sind nach Angaben des Amtes vor allem die zunehmenden Probleme im Bereich des Sozialverhaltens der Kinder. Etwa 25 Prozent von ihnen seien während der Untersuchung auffällig gewesen. „Kindern fällt es immer schwerer, sich an Regeln zu halten oder sich zu konzentrieren, was eine zunehmende Herausforderung für die Schulen darstellt“, sagt Martina Sappa, Referatsleiterin beim Kindergesundheitsdienst im Gesundheitsamt.

Für das laufende Schuljahr wurden insgesamt 4562 Kinder untersucht. In knapp einer Stunde werden mithilfe eines standardisierten Verfahrens körperliche und geistige Voraussetzungen des Kindes überprüft. Dadurch soll festgestellt werden, ob ein Kind besondere Förderung benötigt. Da in Bremen ein inklusives Schulsystem existiert, wurden fast alle Kinder in die ersten Klassen eingeschult (knapp 85 Prozent). Bei dem Rest wurde Unterstützungsbedarf gesehen (etwa zwölf Prozent), vier Prozent wurden empfohlen, im Kindergarten zu bleiben.

Kluft zwischen den Stadtteilen

Auffällig bei den Ergebnissen sei vor allem die Kluft zwischen besser und schlechter situierten Stadtteilen, die nahezu in allen Bereichen dramatisch auseinandergehen. Besonders wird dieser Aspekt bei der Sprache deutlich. In Gebieten wie Gröpelingen, Lindenhof oder Tenever liegt der Wert der Muttersprachler bei 29 Prozent. In Stadtteilen wie Oberneuland, Schwachhausen oder Borgfeld bei 85 Prozent. Insgesamt ist nach Angaben des Gesundheitsamtes bei 55 Prozent der Kinder die Familiensprache Deutsch. „Das muss aber nicht zwangsläufig ein Problem darstellen“, sagt Sappa.

„Viele der Kinder lernen in der Schule schnell Deutsch.“ Zunehmende Probleme gebe es eher mit übergewichtigem Nachwuchs. Untersuchungen zeigen, dass diejenigen, die bereits vor der ersten Klasse mit Gewichtsproblemen zu kämpfen haben, übergewichtig bleiben. In Bremen betrifft das etwa elf Prozent der 4562 Kinder. Auch hier zeigt sich: Zukünftige Grundschüler mit einem niedrigen Sozialstatus haben viermal so viel Gewichtsprobleme, wie solche mit einem hohen Sozialstatus.

„Die Schuleingangsuntersuchungen zeigen, dass bei Kindern ein großes Maß an emotionaler und sozialer Stabilisierung nötig ist“, sagt Bremens Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD). „Das ist ein Trend, der sich seit zehn Jahren langsam entwickelt hat – ein allgemeines gesellschaftliches Problem in ganz Deutschland, das sich in den Großstädten ballt.“

Eltern sind in der Pflicht

Das bestätigen auch Zahlen aus anderen Städten. Im Landkreis Diepholz etwa hätten 34 Prozent der Kinder bei den Untersuchungen im vergangenen Jahr Verhaltensauffälligkeiten gezeigt, 7,7 Prozent haben Gewichtsprobleme, und bei 75 Prozent sei die Familiensprache Deutsch, Tendenz fallend. Das Problem, dass übergewichtige Kinder meistens dick bleiben, kennt man beispielsweise auch aus Frankfurt am Main, wie eine Studie zeigt. „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir mit der Förderung so früh wie möglich anfangen“, sagt Quante-Brandt.

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Das Gesundheitsamt habe aufgrund der Ergebnisse in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Frühförderungen etabliert. Sappa sieht aber auch die Eltern in der Pflicht: „Gute Kitas und Schulen können nicht das Elternhaus ersetzen, sondern nur ergänzen“, sagt sie. Spielangebote und Freizeitbeschäftigungen für Kinder würden ihrer Ansicht nach immer „idiotischer“ werden. „Ein Kind lernt vor dem Fernseher nichts. Es muss selber Spielen und Ausprobieren.“

Die Gewerkschaft für Wissenschaft und Erziehung (GEW) wertet die Ergebnisse der Untersuchung als besorgniserregend. „Sie sind Ausdruck einer zunehmenden und familiär verfestigenden Armut“, sagt GEW-Sprecher Christian Gloede. Ähnlich sieht das Thomas vom Bruch, bildungspolitischer Sprecher der Bremer CDU-Fraktion: „Die Erkenntnisse sind katastrophal und bilden einen Trend in Bremens Bildungspolitik ab“, sagt er. Er fordert unter anderem ein drittes beitragsfreies Kindergartenjahr zum verpflichtenden Vorschuljahr auszubauen, um den Problemen entgegenzuwirken.

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