Diskriminierung im Alltag

Wie queere Menschen um Gleichbehandlung kämpfen

„Über ihre Sexualität entscheiden alle Menschen selbst“, sagt Robert Martin Dadanski. Der Vorstand des Bremer Vereins Christopher Street Day fordert: Queere Menschen dürfen nicht benachteiligt werden.
06.09.2020, 05:00
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Wie queere Menschen um Gleichbehandlung kämpfen
Von Justus Randt

Klar gibt es Bienchen und Blümchen. Und heterosexuelle Männer und Frauen, aber sie sind eben nicht alles. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Interpersonen (LSBTI) und queere Menschen stellten schätzungsweise drei bis zehn Prozent der Bevölkerung, sagt Martin Robert Dadanski. Es gibt diverse Untersuchungen, aber keine eindeutigen Zahlen. „Das ist auch gut so. Über ihre Sexualität entscheiden alle Menschen selbst“, sagt der 42-jährige selbstständige Bremer Spediteur. Früher war er im Bundesvorstand des Völklinger Kreises, des Berufsverbandes schwuler Führungskräfte. „Inzwischen ist der Verein Christopher Street Day mein neues Zuhause. Abgesehen davon – ich habe mich schon immer engagiert: Mit zwölf war ich im Jugendrotkreuz.“

Der jüngste Bremer Christopher Street Day (CSD) sei mit 4000 Teilnehmenden der bundesweit größte in diesem Jahr gewesen. „In Berlin waren diesmal nur 3500, in Hamburg 2500.“ Ein wichtiges Symbol, nicht nur für die Community. „Tatsache ist: Menschen werden aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert“, sagt Vereinsvorstand Dadanski, der sich selbst als Aktivisten bezeichnet. „Und wir müssen dahin kommen, dass es keine Benachteiligung von queeren Menschen gibt. Das sind irgendwelche Ängste, die Menschen dazu treiben, Hass zu streuen, statt sich einfach mal um ihre Sachen zu kümmern.“

Toleranz erbeten

Akzeptanz, die wäre zu wünschen, ein Zusammenleben. Oder zumindest ein friedliches Nebeneinander. „Wem Akzeptanz nicht möglich ist, der möge sich doch bitte an Toleranz halten“, meint Dadanski. „Es hat doch keinen Einfluss auf die Ehe anderer Leute, wen ich zu Hause küsse“, sagt er unter anderem mit Blick auf die Proteste von Evangelikalen. „Die müssen ein langweiliges Leben haben, wenn sie sich damit beschäftigen.“

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat vergangenes Jahr 148 Beratungsanfragen erhalten, die einen Bezug zur sexuellen Identität hatten. Sehr viel häufiger sind Reaktionen im Internet. Vor dem CSD hatte der Verein Filmchen gedreht und veröffentlicht, in einem davon trägt Bremens Polizei-Vizepräsident Dirk Fasse eine Regenbogenmaske und appelliert an alle Beteiligten, „sauber" zu bleiben. Der Clip ist mehr als 9000 Mal angesehen worden und hat bei CSD-Gegnern einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Dirk Fasse habe „ordentlich etwas abbekommen“, sagt Robert Martin Dadanski. Die „über 1000 Dislike-Klicks“ treffen aber vor allem den Verein. „Wir mussten die Kommentarfunktion ausschalten – und werden als Verein noch prüfen, gegen wen wir Anzeige erstatten.“

Wer beim 75 Mitglieder zählenden CSD anruft, bekommt erst mal die Ansage zu hören: „Dieser Anruf kann zu Zwecken der Qualitätssicherung aufgezeichnet werden.“ Eine Sicherheitsmaßnahme, die sich bislang „zum Glück“ noch nicht als notwendig erwiesen habe. „Ziel des Vereins ist nicht nur, eine Demonstration auf die Straße zu bringen, sondern Forderungen umzusetzen, mit denen man auch anderen ins Gehege kommt, den Rechten oder auch fundamental Gläubigen. Wir fangen ja erst an, weitergehend aktiv zu werden“, sagt Dadanski. „Zum Beispiel über den queerpolitischen Beirat.“

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Im Alltag versucht er, Konfrontationen zu vermeiden. „Wir sind einiges gewohnt, das ist das Problem, und wir versuchen uns natürlich zu schützen“, sagt er, denn er kennt die Reaktionen. „Das fängt an, wenn man als schwul, lesbisch, inter erkannt wird irgendwo, weil man zum Beispiel händchenhaltend durch die Stadt gehen möchte. Eigentlich nichts Besonderes.“ Es gebe freundliche Reaktionen („wie süß“), aber auch „doofe Kommentare“ und üble Pöbeleien. „Ich hab selten gehört, dass Heterosexuelle von irgendjemandem als ,heterosexuelle Sau‘ beschimpft werden auf der Straße. Wenn man das Ganze umdreht, merkt man, wie lächerlich und dumm das eigentlich ist. Wir wohnen ja in einer sehr vielfältigen Stadt, aber man rechnet immer damit, stumpf angerempelt zu werden, nach dem Motto: ,Ich zeig dir, dass ich ein richtiger Mann bin, du nicht.‘ Es kann aber auch durchaus mal gefährlich werden, je nachdem, wo man ist. Man kann nicht sagen, wo es gefährlich ist, nur, wohin man sich traut oder nicht. Dabei sollten sich alle Menschen wohlfühlen.“ Eine Gruppe ist zum CSD nach Danzig gefahren, auch wenn mit 50 Gegendemonstrationen gerechnet worden ist und der Vereinsvorstand gewarnt hat: „Wenn du mitfährst, kann es passieren, dass du eine blutige Nase kriegst.“ Robert Martin Dadanski, in Polen geboren, in Deutschland aufgewachsen, weiß: In seinem Geburtsland „glauben viele wirklich an die Propaganda, dass Queersein eine Ideologie sei“.

Viele Forderungen an Bund, Land, Gesellschaft, Stadt und Community

Dass seit 2019 neben männlich und weiblich als drittes Geschlecht divers anerkannt wurde, sei ein „notwendiger Fortschritt“, findet der CSD-Vorstand. „In der Regel kommt das Gesetz zuerst, dann erst wird etwas Normalität in den Köpfen. Mit dem Outing gibt es nun das Recht auf richtige Benennung des Geschlechts, unabhängig davon, was im Personalausweis steht.“ Das Kürzel LSBTI sorge weniger für Verwirrung, sondern mache neugierig: „Nur durch diesen Buchstabensalat kann den Menschen tatsächlich bewusst werden, es gibt nicht nur Schwule, es gibt auch noch Lesben, es gibt auch noch Transmenschen. Eigentlich müsste die Bezeichnung noch länger werden. Je länger der Buchstabenstrang ist, desto bewusster wird einem doch, dass diese Gesellschaft komplexer ist.“ Also gibt es viele Forderungen an Bund, Land, Stadt, Gesellschaft, Community, etwa die Finanzierung des Rat- und Tat-Zentrums als Beratungsstelle für queere Menschen zu sichern. „Und in Bremerhaven gibt es gar keine Infrastruktur“, sagt Dadanski. Er hat einen wichtigen Rat gerade auch an die Jugendlichen, die Beratung suchen: „Habt keine Scheu und kommt auf uns zu, traut euch, was zu ändern, und nehmt das Telefon in die Hand: Ruft das Rat- und Tat-Zentrum oder CSD an.“

Ein Adressat dieses Tipps ist der 17-jährige Leo (dessen richtiger Name der Redaktion bekannt ist). Heteronormalität stelle noch immer die in der Schule vermittelte Norm dar, kritisiert der gesellschaftspolitisch engagierte Zehntklässler. „Schwul ist ein gängiges Schimpfwort. Und dass es ein drittes Geschlecht gibt, ist noch gar nicht in der Schule angekommen.“ Soziale Bildung komme in den Lehrplänen zu kurz. Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte müssten unbedingt über Anlaufstellen gegen Diskriminierung informiert werden. „Es gibt viel Hass gegen das Anderssein, wir brauchen mehr Empathie“, fordert Leo – und einen Sexualkundeunterricht, „der divers ist“. Er geht davon aus, dass etwa ein Viertel der Zwölf- bis 25-Jährigen homosexuelle Neigungen habe oder hatte. „In der Schule wird sich aber sehr wenig geoutet.“ Dabei sei die Vielfalt des Spektrums sexueller Identitäten „gigantisch“.

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Polizeikontakt für Queere

Bei der Bremer Polizei gibt es einen „Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen“. Mit der Hälfte seiner Stelle steht Daniel Blida seinen queeren Kolleginnen und Kollegen und der Community zu Verfügung. Er unterstützt und berät Opfer homophober oder transphober Gewalt und berät beim persönlichen Outing. Die Polizei hat 2019 zehn Strafanzeigen wegen homophob oder interphob motivierter Straftaten aufgenommen, im Jahr zuvor waren es 15. „Die Vorbehalte der Community zur Anzeigenerstattung sind bundesweit groß, so dass von einem sehr hohen Dunkelfeld ausgegangen wird“, teilt die Polizeipressestelle mit. Viele wagten aus Angst vor Repressalien und aus Angst, ihre Identität preiszugeben, nicht den Weg zur Polizei. Daniel Blida ist vertraulich über diese E-Mail-Adresse zu erreichen: lsbti@polizei.bremen.de

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