Radtour von "Decolonize Bremen"

Düsteres Erbe im Stadtbild

Kim Annakathrin Ronacher bietet als Aktivistin des Bündnisses „Decolonize Bremen“ Stadtführungen der besonderen Art an. Dabei geht es um Spuren des Kolonialismus im Stadtbild.
18.05.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Gerald Wessel

Kim Annakathrin Ronacher bietet als Aktivistin des Bündnisses „Decolonize Bremen“ Stadtführungen der besonderen Art an. Dabei geht es um Spuren des Kolonialismus im Stadtbild.

In der Halle des Hauptbahnhofs prangt es an der Wand, doch viele schauen es nicht an: das Brinkmann-Mosaik. Es ist Sinn- und Abbild der Bremer Rolle im deutschen Kolonialismus. Die Kulturwissenschaftlerin und Aktivistin des Bündnisses „Decolonize Bremen“, Kim Annakathrin Ronacher, leitete nun eine Radtour mit mehreren Zwischenstopps in Schwachhausen sowie rund um den Bahnhof. Dabei wies sie auf vielfältige Verstrickungen und den bremischen Umgang mit der belasteten Vergangenheit hin.

Es geht um große Namen, die Klang und Einfluss hatten. So wie der Norddeutsche Lloyd an der Wende zum 20. Jahrhundert oder die Tabakfirma Brinkmann in den 1950er-Jahren. Beide Unternehmen hatten ihren Sitz in Bremen – der „Stadt der Kolonien“, wie es in der Nazi-Zeit hieß.

Das Wandmosaik, 1951 gestiftet und später für geraume Zeit hinter einer Holzverkleidung versteckt, wurde 2001 sozusagen wiederentdeckt. Es erzählt aus einer vergangenen Zeit, die bis in die heutige fortwirkt.

"Decolonize Bremen" will Debatten anstoßen

Das seit einigen Jahren bestehende Bündnis „Decolonize Bremen“ möchte kritische Debatten anstoßen, auf Verflechtungen hinweisen und dafür sorgen, dass die Geschichte aus der Sicht der Kolonien, also der Opfer, erzählt wird. Zum Beispiel, indem umstrittene Straßennamen durch Namen von Widerständlern, die sich gegen die Herrschaft der deutschen Kolonialherren erhoben, ersetzt werden, erläuterte Kim Annakathrin Ronacher.

Sie deutete zu Beginn der Radtour auf das Straßenschild der H.-H.-Meier-Allee. Die zentral durch Schwachhausen verlaufende Straße sei zwar vielen Bremern bekannt, aber nach wem genau und nach welchem Vermächtnis sie benannt worden sei, wüssten die wenigsten. Der Name erinnert an den Bremer Kaufmann und Mitbegründer des Norddeutschen Lloyds: Hermann Henrich Meier. Zusammen mit Eduard Crüsemann, dem Namensgeber einer unweit verlaufenden Straße, öffnete er für Bremen die Türen zum glanzvollen Zeitalter der Handelsschifffahrt. Dementsprechend präsent ist der Begriff Lloyd auch im Stadtraum Bremens, man denke an den Lloydhof und die Lloydpassage.

„Bremen ist durchzogen von kolonialen Spuren“

Der Norddeutsche Lloyd unterhielt vor allem profitable Verbindungen nach Nordamerika sowie die staatlich subventionierte Reichspostdampfer-Verbindung in den Südpazifik. Letztere war eine Voraussetzung für die Kolonisierung von Inseln im Südpazifik durch das Deutsche Reich.

Der Titel „Stadt der Kolonien“ wurde einst von der NSDAP ehrenhalber an Bremen verliehen, Straßennamen sowie bestimmte Kunstwerke und weitere Exponate sind das Erbe. Viel von dem sei unabänderbar, sagte Ronacher. Aber was ihr nach eigenen Worten besonders aufstößt, ist der Umgang mit der Vergangenheit. „Bremen ist durchzogen von kolonialen Spuren“, sagte sie.

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Bisher sei auch nach Aussage verschiedener namhafter Historiker „eine Kultur der Erinnerung im Gange, die dafür sorgt, sich eben nicht kritisch mit der Kolonialgeschichte Deutschlands und speziell auch Bremens auseinanderzusetzen“, so die Kulturwissenschaftlerin.

Mehrere Straßen sind nach bedeutenden Bremer Kaufleuten benannt, die viel für Bremen leisteten und die es zu dem machten, wofür die Hansestadt weithin bekannt ist: eine Stadt des Handels.

Doch sei dieser Erfolg eng mit dem Kolonialismus und seinen Gräueltaten von Ausbeutung, Unterdrückung, Betrug und Raub bis hin zu systematischer Ermordung verbunden gewesen, schilderte Kim Annakathrin Ronacher. Überall dort, wo im Laufe der Geschichte reiche Kaufleute lebten und Waren gehandelt wurden sowie Schiffe be- und entladen wurden, seien Spuren aus der Kolonialzeit zu finden – etwa in der Überseestadt, in der Altstadt und in Schwachhausen.

Straße nach Hedwig Heyl benannt

Zahlreiche Straßenschilder seien zwar mit einer erläuternden Legende versehen, aber diese spreche in der Regel nur von den positiven Verdiensten der Personen. Nie gehe es um die Verstrickungen und Taten mit Bezug zum Kolonialismus.

So auch bei Hedwig Heyl. An der nach ihr benannten Straße bleibt die Radtour-Gruppe einige Minuten stehen. Heyl sei zwar eine für ihre Zeit moderne Frau gewesen, aber auch die Vorsitzende des Frauenbundes im deutschen Kolonialverein. In dieser Rolle propagierte sie nationalistisch-rassistisches Gedankengut und war an den sogenannten Mädchenverschickungen beteiligt, um für weibliche Gefährtinnen der weißen Siedler und Kaufleute in Afrika zu sorgen.

Zweieinhalbstündige Tour endet beim Überseemuseum

Das Bauwerk Elefant, letzte Station vor dem Hauptbahnhof, ist heute das Anti-Kolonial-Denkmal Bremens. Dabei wurde es mit seiner Krypta 1932 als Denkmal und Bild des Anspruches Deutschlands auf Kolonien eingeweiht und erst viele Jahrzehnte später offiziell umgedeutet.

Gleich neben dem Elefanten befindet sich das Mahnmal zum Völkermord an den Herero und Nama. Es wirkt neben dem monumentalen Standbild geradezu verloren.

Die zweieinhalbstündige Radtour endete am Übersee-Museum, bei dem es bis heute noch viele Fragen zur Herkunft von Exponaten gebe, berichtete Ronacher. Der größte Teil der völkerkundlichen Sammlung sei zwischen 1896 und 1912 nach Bremen gelangt – auch mit Hilfe des Norddeutschen Lloyds. Die deutschen Völkerkundemuseen seien nach ihrem Eindruck generell recht träge bei der Nachverfolgung der Herkunft der Exponate aus dieser Zeit, sagt Ronacher. So müsse leider angenommen werden, dass es sich oft um zwielichtige Wege handele. Raub, Betrug und Diebstahl seien im Spiel gewesen, sei zu vermuten.

Kim Annakathrin Ronacher zitierte aus einem Buch der Bremer Historikerin Wiebke Hoffmann, die eine Symbiose des Bremer Bürgertums und des Kolonialismus im 19. und 20. Jahrhundert beschreibt. Und resümiert: „In Bremen wurde viel zu lange die eigene Beteiligung am Kolonialismus positiv als Erfolgsgeschichte von bremischen Firmen sowie Bremer Bürgern und Bürgerinnen wahrgenommen. Heute sei deshalb eine kritische Auseinandersetzung mit der bremischen Rolle im Kolonialismus, den Profiten daran sowie der Kontinuitäten bis zur Gegenwart wichtig.

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