Riensberger Friedhof

Ein kopfloser Engel als Grabwache

Ziemlich auffällig ist die kopflose Engelsfigur am Grab des früheren Bürgerschaftspräsidenten Christian Weber auf dem Riensberger Friedhof. Doch was hat es damit auf sich? Eine Spurensuche.
04.03.2020, 08:00
Lesedauer: 3 Min
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Ein kopfloser Engel als Grabwache
Von Frank Hethey
Ein kopfloser Engel als Grabwache

Nicht mehr ganz vollständig: die Engelsfigur am Grab des früheren Bürgerschaftspräsidenten Christian Weber.

Manch einer kommt ins Grübeln am Grab des früheren Bürgerschaftspräsidenten Christian Weber auf dem Riensberger Friedhof: Erhebt sich doch hinter dem schlichten Holzkreuz eine Art Engelsfigur mit Schwert, aber ohne Kopf. Am Sockel des betagten Grabmals ist eine Gedenkplatte zur Erinnerung an Weber befestigt. Doch was hat es damit auf sich, warum ein kopfloser Engel?

Sonderlich viel Wirbel wurde um das mysteriöse Grabmal nicht gemacht. „Seine Witwe suchte ein Grab, die Bürgerschaft ein Mahnmal“, sagt Parlamentssprecherin Dorothee Krumpipe. Das Ziel: einen gemeinsamen Platz zu finden sowohl für das Grab als auch für eine Gedenkstätte. „Es hätte keinen Sinn gemacht, an der einen Ecke das Grab und einer anderen das Mahnmal zu haben.“

Doch warum überhaupt ein Mahnmal? Weber sei als amtierender Bürgerschaftspräsident gestorben, so Krumpipe, das allein hat schon Gewicht. Hinzu kommt seine lange Amtszeit: Knapp 20 Jahre stand der Sozialdemokrat an der Spitze der Bürgerschaft, vom 7. Juli 1999 bis zum 12. Februar 2019, als er im Alter von 72 Jahren nach langer, schwerer Krankheit starb.

Ein Patengrab als Ultima Ratio

Klar war von Anfang an, dass Weber seine letzte Ruhe nicht auf dem Hastedter Friedhof direkt vor seiner Haustür, sondern auf dem Riensberger Friedhof finden sollte, wo zahlreiche prominente Bremer beerdigt sind. Das sei sein eigener Wunsch gewesen, sagt seine Ehefrau Katharina Weber-Brabant. Laut Krumpipe bot sich als Gedenkstätte ein sogenanntes Patengrab an: eine historische Ruhestätte, die nicht mehr genutzt wird.

Auf dem gesamten Areal erfüllte nur das Grab der Familie Beck die Anforderungen. Auch für eine große Gedenkplatte. „Die Stelle ist schön“, findet Katharina Weber-Brabant. „Die Figur hätte meinem Mann gefallen, er hatte ein Faible für Historisches.“ Zwei Alternativen schieden aus: das eine Grabmal war zu versteckt, das andere zu pompös.

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Über die Engelsfigur streiten sich die Experten. Nach Angabe der Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht, Autorin eines Handbuchs über den Riensberger Friedhof, handelt es sich um einen Engel in der Tracht eines Kreuzritters, ein Thanatos. In der griechischen Mythologie ist Thanatos ein Totengott, er gilt als Gott des sanften Todes.

Anders Rolf Kirsch, inzwischen pensionierter Mitarbeiter der Landesdenkmalpflege. In einer Auskunft für den Umweltbetrieb Bremen erklärt er, dargestellt sei der Erzengel Michael „in strenger Frontalansicht (...) in einer monumental wirkenden, stark stilisierten Formensprache“. Über das Entstehungsjahr spekuliert Engelbracht, Kirsch gibt es mit 1908 an. Passen muss er indessen bei der Frage, wer das Grabmal entworfen hat. Engelbracht dagegen nennt den Bildhauer Roland Engelhardt (1868-1951), einen einst gefragten Fachmann in Sachen Grabmalkunst.

Wenigstens lässt sich sagen, dass die ursprüngliche Grabeigentümer-Familie Beck nichts mit der gleichnamigen Brauerei am Hut hat. Vielmehr fand zuerst ein gewisser Eduard Beck seine letzte Ruhe an dieser Stelle, laut Adressbuch ein Ingenieur aus Walle. Weiter vermerkt waren auf dem Sockel seine Witwe sowie fünf Familienangehörige, davon drei Söhne, die im Ersten Weltkrieg ums Leben kamen. Die sieben Inschriften werden jetzt verdeckt durch die Gedenkplatte.

Rätsel um den Kopf bleibt ungelöst

Bleibt die Frage, was mit dem Kopf der Figur geschehen ist. Weder Kirsch noch Engelbracht können das Rätsel lüften. Dem Augenschein nach fehlt das Engelshaupt schon länger, es hat sich bereits reichlich Grünspan auf den Bruchstellen abgelagert. Auch die Hände und die oberen Flügelansätze sind abhanden gekommen – ursprünglich ruhten sie auf dem Schwertknauf.

Gegen eine Ergänzung der fehlenden Teile hätte die Denkmalpflege nichts einzuwenden. Doch Weber-Brabant will das gar nicht, ihr gefällt die Engelsfigur gerade in ihrer unvollkommenen Form. „Ich empfinde die Figur nicht als nicht komplett“, sagt sie. Und sie ist sich sicher, ihr Mann hätte nicht anders gedacht. Zumal der Engel der Roland-Statue auf dem Marktplatz ähnele, nur das Schwert zeige nach unten statt nach oben. „Und den Roland hat mein Mann jeden Tag vor Augen gehabt, als Symbol der Freiheit.“

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