Bremen-Walle Elterntaxis: Gefährlicher Bring- und Holdienst

Sie wollen, dass ihre Kinder sicher zur Schule kommen – und bringen mit ihren Autos sich und andere in Gefahr: Seit Längerem sind "Elterntaxis" Waller Ortspolitikern ein Dorn im Auge.
06.06.2018, 17:30
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Elterntaxis: Gefährlicher Bring- und Holdienst
Von Anne Gerling

„Manchmal wünschte ich mir, dass ich mich klonen könnte“, sagt Sandra Pinkawa, „weil es immer da, wo ich gerade bin, läuft.“ Im Umkehrschluss heißt das: Wo die Waller Kontaktpolizistin jeweils nicht ist, herrscht Chaos. Verkehrschaos, um genau zu sein. Regelmäßig werde zu bestimmten Zeiten an der Melanchthonstraße kreuz und quer gefahren und auch vor der Grundschule St. Marien an der Hauffstraße laufe der Verkehr alles andere als rund, hat Pinkawa nun im Fachausschuss „Bau, Umwelt und Verkehr“ des Waller Beirats berichtet.

Dessen Mitglieder beschäftigt das leidige Thema „Elterntaxis“ immer wieder – gemeint ist mit diesem Begriff ein Phänomen, das deutschlandweit und auch in anderen Ländern zunehmend um sich greift: Eltern bringen ihre Kinder morgens mit dem Auto zur Schule und holen sie nach Schulschluss wieder ab. Dabei halten sie häufig verbotswidrig vor den Schulen, wodurch sie andere Verkehrsteilnehmer behindern und im schlimmsten Fall sogar Kinder gefährden, die sich inmitten des Verkehrs bewegen und dabei schnell übersehen werden können.

Es gibt ein Halteverbot

Dabei gebe es ganz klare Regeln, unterstreicht Pinkawa. Zum Beispiel ein absolutes Halteverbot auf einer Seite der Melanchthonstraße, „sodass ich dort noch nicht mal anhalten kann.“ Auf der anderen Straßenseite ermögliche ein eingeschränktes Halteverbot das „Anliefern der Kinder“. Pinkawa: „Das klappt so lala, weil manche Eltern auch parken, die Kinder noch ein Stück begleiten und am liebsten mit in die Schule gehen.“ Vor etwa einem halben Jahr sei das Quartier dabei so massiv zugeparkt worden, dass der „Schwimmbus“, der regelmäßig die Drittklässler zum Schwimmunterricht befördert, die Schule nicht mehr anfahren konnte, schildert die Waller Kontaktpolizistin. „Seitdem stehe ich an den Schwimmtagen da, um zu gewährleisten, dass der Bus an- und abfahren kann.“

Ihre Geduld sei dabei mittlerweile am Ende, so Pinkawa weiter: „Ich bin jetzt so weit, dass ich sanktioniere: Ein Foto als Beweismittel, und dann gibt’s Post.“ Wer trotz Halteverbot parke, der werde mit zehn bis 15 Euro zur Kasse gebeten. „Das summiert sich und irgendwann wird das den Eltern zu viel“, ist Pinkawa dabei anders als die Ortspolitiker überzeugt, die dieses Bußgeld zum Teil für entschieden zu niedrig halten.

Auch die St.-Marien-Schule an der Hauffstraße in Trägerschaft der Schulstiftung im Bistum Osnabrück befindet sich in Sandra Pinkawas Zuständigkeitsbereich; auch hier ist ein absolutes Halteverbot ausgeschildert. Da die Schüler aus der ganzen Stadt kommen und zum Teil gebracht werden müssen, gibt es hier seit einiger Zeit eine Verabredung mit Peter Hons, dem Schulleiter der benachbarten Schulzentrums Grenzstraße. Demnach dürfen Eltern kurz auf dem Parkplatz des Schulzentrums stoppen, von wo aus ihre Kinder sicher zum Gehweg kommen. „Dort gibt es aber das Problem mit Schülern des Schulzentrums, die mit Autos kommen. Es wird zum Beispiel über den Gehweg gefahren und ist teilweise sehr gefährlich“, sagt Pinkawa.

Überall dasselbe Bild

Wohin man auch guckt – überall dasselbe Bild. Von ihrem Kollegen Wilhelm Mohrlüder weiß Pinkawa, was sich allmorgendlich vor der Grundschule an der Nordstraße abspielt, über deren vier Spuren auch viele Lkw rollen. „Dort haben die Eltern die Lösung gefunden, auf der rechten Fahrbahn zu halten. Manche lassen dabei ihre Kinder sogar links aussteigen“, schilderte Pinkawa nun den Ortspolitikern. Ebenso wie sie bemühe sich auch Mohrlüder darum, schon im Vorfeld auf die Eltern einzuwirken. Und ebenso wie sie sanktioniere auch er mittlerweile Falschparker.

Bei der Grundschule am Pulverberg verstopfen Autos regelmäßig die Theodorstraße, die Fahrer wohnen häufig nur wenige Hundert Meter entfernt. „Diese Eltern sind mit ihren Riesen-Autos selbst die größte Gefahr für die Kinder“, kritisierte aus dem Publikum ein Mitglied des Vereins hinter der kleinen Eckkneipe „Druide“.

An der Hauffstraße haben sich Pinkawa zufolge auch schon Autos festgefahren. „Es ist einfach nur schrecklich“, sagt die Kontaktpolizistin, zumal die Elterntaxis den Kindern extrem schadeten: „Ab Klasse fünf müssen die Kinder alleine zur Schule kommen und fit für den Verkehr sein. Das sind sie aber nicht. Die Eltern denken: Das Auto ist sicher. Aber so lernen die Kinder nichts.“

Polizistin weiß nicht mehr weiter

Auch ein temporärer Parkplatz, wie ihn sich manche Ortspolitiker vor den Schulen wünschen, würde Pinkawas Ansicht nach die Situation nicht verbessern. „Durch das eingeschränkte Halteverbot gibt es so etwas eigentlich ja schon“, sagt sie. „Ich glaube, da kann man einführen, was man will, – es wird vorgefahren.“ Auch gut regelmäßige gemeinte Appelle an die Eltern nützten nichts. Im Gegenteil – Schulleitungen und auch eine Busfahrerin seien von Eltern schon verbal angegangen worden. Auch Aktionen wie das alljährliche „Zu Fuß zur Schule“ in der Grundschule an der Melanchthonstraße haben Pinkawa zufolge keinen langfristigen Effekt: „Drei Wochen lief es richtig gut. Am Schultor hingen Plakate und die Kinder sprachen ihre Eltern darauf an. Es war wirklich eine ganz tolle Zeit, ist dann aber leider wieder verpufft.“

Die Waller Kontaktpolizistin ist mit ihrem Latein am Ende – zumal längst auch an allen Waller Grundschulen Markierungen für den „Schulexpress“ eingerichtet worden sind. Dabei bringen Eltern ihre Kinder zu markierten Treffpunkten, von denen aus die Kleinen gemeinsam zu Fuß zur Schule laufen können. „Aber das steht und fällt mit den Eltern.“

Unter den Waller Ortspolitikern herrscht Ratlosigkeit. Sie wollen aber auf jeden Fall an dem Thema dran bleiben und mit verschiedenen Experten nach Lösungen suchen.

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