Mitarbeiter arbeiten Fälle ab Entspannung im Standesamt

Die Lage im Standesamt scheint sich zu entspannen. Ein Großteil der liegen gebliebenen Geburtsurkunden konnte abgearbeitet werden. Ganz zufrieden ist der neue Sonderbeauftragte trotzdem noch nicht.
02.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Entspannung im Standesamt
Von Kristin Hermann

Die Lage im Standesamt scheint sich zu entspannen. Ein Großteil der liegen gebliebenen Geburtsurkunden konnte abgearbeitet werden. Ganz zufrieden ist der neue Sonderbeauftragte trotzdem noch nicht.

Es ist Donnerstag, acht Uhr morgens. Vor dem Bremer Standesamt in der Hollerallee melden sich die ersten Kunden am Empfang. Es herrscht Betrieb – von langen Schlangen, die bis nach draußen reichen, ist jedoch keine Spur. Die Zustände im Standesamt scheinen sich nach und nach zu beruhigen.

Vor etwa vier Wochen war die Situation zwischen wütenden Bürgern, die auf Geburts-oder Sterbeurkunden warteten, hier so eskaliert, dass Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) das Amt vom Stadtamt trennte und der Innenbehörde unterstellte (wir berichteten). Mäurer präsentierte kurz darauf den ehemaligen Geschäftsleiter des Amtsgerichts Heinz-Jürgen Nagel als seinen Sonderbeauftragten für die angeschlagene Behörde.

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Es waren vor allem unbearbeitete Geburtsurkunden, die die Mitarbeiter damals belasteten. Bis Ende Juli hatte sich allein in diesem Bereich ein Rückstau von etwa 550 Fällen gebildet, die auf eine Beurkundung durch Standesbeamte warteten. Bis auf 30 Exemplare seien diese Fälle abgearbeitet, sagt Nagel auf Anfrage des WESER-KURIER.

Mitarbeiter arbeiten Großteil alter Fälle ab

Die betroffenen Eltern hätten die Urkunden per Post zugeschickt bekommen. Für die Abarbeitung seien 400 Überstunden nötig gewesen, die das Personal in einer auf Freiwilligkeit basierenden Aktion zum Teil nach Feierabend, zum Teil am Wochenende gemacht habe. Diese Stunden bekämen sie nun extra vergütet. Nach Angaben von Nagel seien 80 Prozent der Belegschaft seinem Wunsch nach Mehrarbeit nachgekommen.

Was bleibt, sind noch einmal 400 offene Geburtsurkunden, bei denen die Bearbeitung schwieriger gelagert ist, weil dafür zum Teil Dokumente aus dem Ausland benötigt werden oder Eltern mittlerweile nicht mehr auffindbar sind, sagt Nagel. „Ich habe aber die Hoffnung, dass wir die meisten dieser Fälle bis Ende September erledigt haben.“ Den Erfolg, den er und seine Kollegen bisher erzielt haben, misst er in Zahlen: „Im August 2015 wurden etwa 400 Geburtsurkunden ausgestellt, dieses Jahr waren es 1300“, sagt er.

Der Besucherandrang sei in den vergangenen Wochen zurückgegangen. Dennoch könne man aktuell noch nicht gewährleisten, dass alle Besucher ohne Termin bedient werden. Wer im Moment nach einem Termin fragt, bekomme in der dritten Septemberwoche einen angeboten. „Eltern, die mit vollständigen Unterlagen hier vorsprechen, oder in Fällen, wo die Unterlagen vollständig hier eingehen, werden jetzt sofort beurkundet“, sagt Nagel.

Standesamt und Kliniken sollen mehr kommunizieren

Der Sonderbeauftragte plant, die Kooperation zwischen dem Standesamt und den Geburtskliniken zu verbessern. Nach seiner Vorstellung sollen Eltern die für die Beurkundung erforderlichen Dokumente in den Kliniken abgeben und sich so den Weg zum Standesamt ersparen. Auch die Frauenärzte will er in den Prozess einbinden und Flyer auslegen, die über die nötigen Unterlagen für die Geburtsurkunde informieren. „Diese Ideen müssen aber erst noch mit den Beteiligten abgesprochen werden“, sagt Nagel.

Auch die Personalsituation habe sich gegenüber Juli deutlich entspannt. Einige Mitarbeiter seien aus dem Urlaub oder Krankheiten zurückgekehrt, andere wurden eingestellt. Ein Standesbeamter sei aus der Sozialbehörde ins Standesamt zurückgekehrt, 1,5 weitere Stellen stünden seit August zur Verfügung. Neun Arbeitsplätze sollen nach Angaben von Nagel in den kommenden Wochen geschaffen werden.

Dadurch sei die Stimmung unter den Kollegen wieder deutlich besser geworden. Das bestätigt auch der Personalrat der Innenbehörde, Markus Cäsar. „Die Mitarbeiter fühlen sich seit Kurzem wieder wahrgenommen und sind dadurch motivierter“, sagt er. Das sei in den Wochen davor nicht der Fall gewesen. Zusätzlich zu der Arbeit mit Nagel gebe es zudem wöchentlich einen Termin mit Innensenator Mäurer über die Entwicklungen in der Behörde.

Polizeigewerkschaft fordert auch für andere Behörden Hilfe

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) beobachtet die Entwicklungen im Standesamt indes zum Teil kritisch. Es sei zwar gut, dass sich die Situation für die Mitarbeiter verbessert habe, so GdP-Landesvorsitzender Jochen Kopelke, doch er fordere diese Maßnahmen auch für das Stadtamt oder die Bremer Polizei, die nach wie vor unterbesetzt seien.

„Es geht ja scheinbar, dann sollte Herr Mäurer diese Optionen auch für andere Behörden nutzen“, sagt Kopelke. Ansonsten entstehe unter der Belegschaft der verschiedenen Behörden böses Blut, weil sich die anderen zurückgesetzt fühlen. Einen Plan, auch das angeschlagene Stadtamt oder eine der anderen Behörden ebenfalls zum Innenressort zu holen, gibt es laut einer Sprecherin der Innenbehörde nicht. Die einzelnen Behörden wolle man aber nach und nach prüfen, sagt sie.

Bis im Standesamt alles so läuft, wie Nagel es sich vorstellt, werden noch einige Wochen vergehen, sagt Nagel. Im Bereich der Sterbeurkunden gebe es noch rund 300 alte Fälle, in denen für die vollständige Beurkundung noch Unterlagen fehlen. Besonders unzufrieden sei Nagel mit der Situation für künftige Ehepaare. Momentan bekämen diejenigen, die einen Antrag zur Anmeldung zur Eheschließung stellen wollen, erst im November einen Termin. „Das ist deutlich zu spät, aber wir haben uns zunächst um die Abarbeitung der Geburtsurkunden gekümmert. Jetzt kommt die nächste Baustelle.“

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