Interview mit Klaus Lange „Es gibt zu wenig Zusammenarbeit zwischen Schulen und Vereinen“

Klaus Lange ist Funktionär und Nachwuchstrainer beim FTSV Jahn Brinkum und TuS Varrel. Er meint, dass im Schulsport auf Fachleute zurückgegriffen werden sollte.
06.07.2019, 19:52
Lesedauer: 7 Min
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„Es gibt zu wenig Zusammenarbeit zwischen Schulen und Vereinen“
Von Mathias Sonnenberg

Herr Lange, beenden Sie für uns doch mal bitte folgenden Satz: Ein Tag ohne Leichtathletik ist …

Klaus Lange: (nach einigem Zögern) Bescheuert!

Was meinen Sie damit? Die Frage oder die Vorstellung?

(lacht) Die Vorstellung. Denn das kann ich mir wirklich nicht vorstellen: einen Tag ohne Leichtathletik. Ich muss mich bewegen. Entweder alleine, aber lieber noch mit der Gruppe. Aber ganz ohne? Das geht überhaupt nicht.

Gut, versuchen wir es doch mal anders: Wann haben Sie Ihr letztes komplett freies Wochenende gehabt? So ganz ohne Leichtathletik?

Gerade neulich im Juni, da gab es tatsächlich einen Sonnabend ohne Training und Wettkampf. Aber nee, Moment: Da bin ich von wegen Jugendarbeit durch den Kreissportbund geehrt worden – von daher ging es also doch wieder irgendwie um Leichtathletik. Im Normalfall aber gibt es im Sommer für mich keine freien Wochenenden.

Weil Sie auch nicht nur einen, sondern gleich zwei Vereine trainieren.

Richtig. Montags habe ich am Nachmittag zwei Gruppen bei Jahn Brinkum, dienstags den Tus Varrel und Brinkum, mittwochs nur die Brinkumer Läufergruppe, donnerstags wieder beide Vereine, freitags nur Brinkum. An den Vormittagen arbeite ich teilweise noch als Personal-Trainer…

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Bringt so ein multifunktionales Traineramt nicht auch Probleme zwischen den Vereinen mit sich?

Überhaupt nicht. Ein Brinkumer Athlet würde von mir aus nie nach Varrel gehen – und umgekehrt. Ein Hin- und Hergeschubse von Talenten käme für mich nie in Frage. Das wissen die Vereine, und das funktioniert.

Zwei Vereine, sechs Trainingsgruppen unter der Woche, dazu die Wettkämpfe am Wochenende: Das erfordert auch eine sehr duldsame Partnerin, oder?

Absolut. So viel Toleranz wie ich erfahre, die zeigt mit Sicherheit nicht jede Frau. Aber es gibt eine Situation, die haben wir uns ausbedungen: Freitagabend, wenn ich vom Training komme, dann ist unser Tag, da kann passieren, was will. Früher hatte ich da noch Athletiktraining mit den Fußballern vom Brinkumer SV. Und jetzt – kniffeln wir da. Man könnte sagen: Kniffel ist am Freitagabend für mich eine Lebensaufgabe geworden. Da kann man alles andere vergessen (lacht).

Viele Jahre gab es noch eine ganz andere Lebensaufgabe für Sie …

Handball. Damit habe ich nach der Bundeswehrzeit angefangen, bin über Jahrzehnte dabei geblieben – und ich glaube, meine letzten Jahre als Spieler in Bremen-Ost waren auch verhältnismäßig erfolgreich. Als ich damit aufgehört habe, bin ich in die Trainerlaufbahn reingerutscht. Das habe ich dann acht oder zehn Jahre gemacht, das ging bis in die Regionalliga hoch. Und auch wenn ich immer sage, dass ein guter Trainer in seiner Laufbahn auch mal gefeuert worden sein muss: Als ich dann irgendwann beim TV Oyten rausgeworfen worden bin, war für mich mit Handball Schluss. Von einem Tag auf den anderen – nach 35 Jahren.

Und dann ist aus dem Handballer Klaus Lange nahtlos der Leichtathlet geworden?

Nein, da lagen schon sechs Jahre dazwischen. Langläufe bis zehn Kilometer hatte ich schon mal gemacht, aber begnadet war ich nie. Vor allem war ich ein Spargeltarzan – und trotzdem nicht der Schnellste. Dann bin ich also exzessiv in die Muckibude und habe erst einmal zehn Kilogramm Muskelmasse aufgebaut. Ich habe gearbeitet wie ein Tier. Ich glaube, ich kann das auch gar nicht anders: Wenn ich etwas mache, dann richtig. So halbgare Sachen, das kann ich überhaupt nicht leiden, und genau das versuche ich auch den Kindern beizubringen. Alles wollen, aber nichts dafür tun – das funktioniert nicht.

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So ist aus dem Leichtathletiktrainer gleich auch noch der Spartenleiter und Funktionär geworden. Wo sehen Sie sich eigentlich mehr?

Gar keine Diskussion: als Trainer. Meinen Job habe ich immer draußen gesehen. Zum Funktionärswesen bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ich habe zum Glück tolle Mitstreiter, die mir dabei ganz viel abnehmen – aber wenn es jemanden gäbe, der an meine Stelle als Funktionär treten würde, wäre ich sofort dabei.

Nun ist das Funktionärswesen aber genau das, was Ihnen in den vergangenen beiden Jahren eine Menge Auszeichnungen gebracht hat: silberne Ehrennadeln des Niedersächsischen Leichtathletikverbandes und des Kreissportbundes Diepholz, dann noch die Ehrenamtsauszeichnung „Stuhrer Wolf“.

Verrückt, oder? Das hätte ich sicher nicht bekommen, wenn ich nur Trainer wäre. Aber ich muss mal ganz klar sagen: Mein Ehrenamt ist überhaupt nicht mit dem von Menschen zu vergleichen, die in Seniorenheimen helfen, sich in der freiwilligen Feuerwehr oder im Tierheim engagieren. Ich nehme das gerne an – aber für das, was ich mache, muss ich eigentlich nicht geehrt werden. Denn das, was ich mache, mache ich gerne. Und ich will es gut machen.

Aber Sie sind in einem Bereich unterwegs, der sehr wichtig ist: der Kinder- und Jugendarbeit. Sie bewegen 60 bis 70 Kinder jede Woche dazu, dass sie Sport machen und an sich arbeiten.

Ja natürlich, aber das liebe ich ja auch: Dass ich sehen kann, wie sich etwas entwickelt, dass die Kinder auch Fortschritte machen, besser werden. Das ist für mich jeden Tag wieder eine Motivation: Lange, mach weiter, du bist noch nicht fertig.

Hat sich in der Nachwuchsarbeit über die Jahre denn was verändert?

Und wie. Aber das liegt nicht nur an den Kindern, auch an den Eltern. Das ganze Umfeld hat sich geändert. Wenn früher Fahrten nach Hamburg, Schleswig-Holstein oder nach Dortmund zu Wettkämpfen anstanden, dann haben wir das als Gruppe gemacht. Ganz selbstverständlich, ohne Diskussionen. Wenn es jetzt nur zu den Kreismeisterschaften nach Sulingen gehen soll, bekomme ich zu hören: „Sulingen? Da bin ich ja fast eine Stunde unterwegs.“ Dabei geht es immerhin um eine Kreismeisterschaft! Das muss man sich mal vorstellen.

Und die Kinder selbst? Der Bewegungsmangel der Generation Handy ist ja immer wieder Thema.

Wenn ich mir ansehe, was die Schulkinder im Sportunterricht produzieren, wird mir tatsächlich angst und bange. Ganz grob gesagt: Früher hatten wir in einer Schulklasse bestimmt zwölf von 25 Kindern, bei denen man als Trainer sagen konnte: Daraus lässt sich was machen. Heute sind es vielleicht noch zwei, drei.

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Woran liegt das?

Ich glaube, der Bewegungsdrang ist nicht mehr so da. Wenn ich nur versuche, eine Trainingsgruppe zu animieren, mal mit dem Fahrrad zu kommen, damit wir vielleicht mal eine Radtour machen: Die halten mich doch für blöd!

Wie vermittelt man denn Kindern und Jugendlichen, dass es sich doch lohnt, Aufwand zu betreiben und etwas für ein Ziel zu tun?

Vorbild sein. Ich sage nicht nur, was sie machen sollen, sondern mache es auch selbst vor. In der Hoffnung, dass sie sehen: Wenn der alte Opa Lange das mit seinen 74 Jahren schafft, dann sollten sie das doch ums Verrecken auch hinbekommen.

Ist es schwieriger geworden, die Kinder bei der Stange zu halten?

Absolut. Wenn ich höre, dass der Geburtstag der Tante dritten Grades wichtiger als Training ist: Da fasse ich mir doch an den Kopf! Darauf kann ich dann als Trainer keine Energie mehr verwenden – um womöglich Kinder zu vernachlässigen, die wollen und können. Da mache ich inzwischen einen klaren Cut und sage: Nicht mit mir.

Ist Ihnen ein wenig bange um die Leichtathletiktalente?

Ja. Und alles andere wäre gelogen. Dafür muss ich ja nur auf die ganzen Startgemeinschaften sehen, die es inzwischen gibt.

Inwiefern?

Früher mussten wir nie welche bilden, weil es immer genug Kinder in einem Verein gab, die Leichtathletik gemacht haben. Das ist heute anders. Irgendwann werden wir vermutlich so weit sein, dass wir sechs oder sieben Vereine nehmen, die eine Leichtathletikgemeinschaft Kreis Diepholz bilden. Das kann aber doch nicht angehen.

Spielen wir doch mal Wunschkonzert: Wie sähe denn für Sie die optimale Förderung auf Breitensportebene aus?

Das kann man nicht alleine als Verein. Bestimmt gibt es ganz tolle Sportlehrer – aber wenn ich von den Kindern in meinen Gruppen höre, was die teilweise im Schulsport für unorthodoxe Bewegungsabläufe vermittelt bekommen, die angeblich richtig sein sollen… Da würde ich mir wünschen, dass die Schulen auf Fachleute wie uns zurückgreifen, damit wir das begleiten können. In meinen Augen gibt es viel zu wenig Zusammenarbeit zwischen Schulen und Vereinen. Eine Schul-AG zu bilden, das reicht lange nicht. Das ist läppisch.

Das Gespräch führte Oliver Matiszick.

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Info

Zur Person

Klaus Lange (74) ist ein Kind der letzten Kriegstage – durch die zeitweise Evakuierung seiner Mutter wurde er im April 1945 zwar in Ostfriesland geboren, ist aber doch ein waschechter Bremer. In St. Magnus wuchs er auf, in Schwachhausen fasste er in einem Ingenieursbüro beruflich Fuß, in Mahndorf schließlich drehte sich bei ihm viele Jahre alles um den Handballsport.

Mit dem neuen Jahrtausend wandte er sich dann seiner zweiten sportlichen Liebe zu: der Leichtathletik. Und die betreibt Lange als Funktionär und Nachwuchstrainer beim FTSV Jahn Brinkum und TuS Varrel derart engagiert, dass es entlang der südlichen Stadtgrenze kaum ein athletikbegeistertes Kind gibt, das nicht durch seine mitunter strenge Schule gegangen ist. Für sein ehrenamtliches Engagement in der Nachwuchsarbeit ist Lange inzwischen vielfach ausgezeichnet worden.

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Zur Sache

Arbeit an der Basis

Es gibt wohl kaum eine niedrigschwelligere Sportart als die Leichtathletik: Wer laufen will, der läuft; wer springen mag, der springt; wer werfen kann, der wirft. Und das schon seit der Antike – nicht umsonst bilden die verschiedenen Disziplinen der Leichtathletik auch heute noch das Herzstück der Olympischen Sommerspiele.

Mit über 850.000 Mitgliedern in 7753 Vereinen ist der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) nach eigenen Angaben der mitgliederstärkste Leichtathletik-Verband der Welt. Dass die Heim-EM 2018 für die DLV-Athleten – insbesondere des weiblichen Teils – so erfolgreich war, liegt auch an der Basisarbeit in den kleinen Vereinen. Wenn sie es denn dort schaffen, sportbegeisterte Kinder bei der Sache zu halten – denn zwischen dem 14. und dem 19. Lebensjahr gehen den Vereinen, nicht nur in der Leichtathletik, erfahrungsgemäß besonders viele Talente verloren.

Diese sogenannte „Drop-out-Rate“ junger Menschen, die trotz vielversprechender Leistungen mit dem Leistungssport aufhören, zu senken, auch das zählt zu den Aufgaben von Trainern wie Klaus Lange, die täglich an der Basis arbeiten.

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