Verhandlung in Bremen

Falsche Polizisten vor Gericht

Vier Bremern wird bandenmäßiger Betrug vorgeworfen. Der Prozess begann am Donnerstag vor dem Landgericht unter erheblichem öffentlichem Interesse.
20.03.2019, 13:07
Lesedauer: 4 Min
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Falsche Polizisten vor Gericht
Von Ralf Michel
Falsche Polizisten vor Gericht

Justizbeamte führen einen der Angeklagten in Handschellen in den Gerichtssaal. Vor dem Landgericht begann der Betrugsprozess gegen vier Männer. Sie sollen sich als Polizisten ausgegeben und so ältere Menschen betrogen haben. Ihnen werden 14 vollendete und drei versuchte Betrugstaten zur Last gelegt.

Carmen Jaspersen/dpa

Die vier Männer sind wegen Betruges angeklagt. Doch in diesem Prozess vor dem Landgericht geht es um weit mehr als um falsche Polizisten, die ältere Menschen am Telefon so sehr unter Druck gesetzt haben, dass sie den Tätern Bargeld und Wertsachen in Millionenhöhe aushändigten.

Das Besondere an diesem Verfahren beginnt schon bei der Ankunft der Angeklagten. Drei von ihnen werden aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Schwerbewaffnete, vermummte Polizisten führen sie zum Gerichtssaal. Für die Staatsanwaltschaft geht es nicht einfach nur um Betrug, sondern um Organisierte Kriminalität. Inklusive Verbindungen zu verbrecherischen Familienclans.

Setzt sich fort mit dem Verlesen der Anklageschrift: Gleich zwei Staatsanwälte sind dafür notwendig. Eineinhalb Stunden lang tragen sie abwechselnd vor, was man den Männern im Alter zwischen 25 und 47 Jahren vorwirft. Und könnte mit einem wegweisenden Urteil enden. Nicht nur, was die Höhe der Strafe betrifft, wenn das Quartett denn für schuldig befunden und verurteilt wird. Sondern auch, was die sogenannte Vermögensabschöpfung betrifft. Bei der Razzia im vergangenen September, bei der das Quartett festgenommen wurde, beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft auch Immobilien und Luxus-Fahrzeuge. Es besteht der Verdacht, dass diese aus der Beute der Straftaten finanziert wurden. Auch hierüber muss das Gericht am Ende entscheiden.

„Bandenmäßiger Betrug“ lautet die Hauptanklage gegen die vier Männer. Gemeinsam sollen sie in unterschiedlicher Rollenverteilung mit der Masche „falscher Polizist“ ältere Menschen um insgesamt fast zwei Millionen Euro betrogen haben. Dabei meldeten sich die Täter telefonisch, gaben sich als Polizisten oder Staatsanwälte aus und versetzten ihre Opfer stets mit ähnlich gestrickten Geschichten in Angst und Schrecken. Zumeist hieß es, dass ihr Name im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen eine rumänische Verbrecherbande gefallen war. Ihr Hab und Gut sei in Gefahr und auch auf der Bank nicht mehr sicher, weil ein Mitarbeiter des Geldinstituts mit den Verbrechern unter einer Decke stecke.

Einer der Angeklagten verdeckt sein Gesicht mit einem Aktenordner.

Einer der Angeklagten verdeckt sein Gesicht mit einem Aktenordner.

Foto: Ralf Michel

Mit einer Vielzahl solcher Telefonate brachten die Täter die eingeschüchterten Senioren dazu, ihnen zur Sicherheit oder um die Täter zu überführen das Geld und andere Wertsachen auszuhändigen. Anführer der türkisch-deutschen Bande war dabei aus Sicht der Staatsanwaltschaft ein 29-jähriger Türke aus Bremen. Er soll den größten Teil der Beute eingesackt und seinen Komplizen ihre Rollen zugewiesen haben. Sein 25-jähriger Landsmann war demnach in erster Linie als sogenannter Logistiker tätig, er koordinierte das Abholen der Beute. Die beiden anderen Angeklagten, 39 und 47 Jahre alt und Deutsche, fungierten als Abholer und wurden dafür zumeist mit 500 oder 1000 Euro pro Coup entlohnt.

Schon vor den Anrufen als falsche Polizisten sollen die vier Männer in unterschiedlicher Besetzung betrügerisch tätig gewesen sein. 2014 und 2015 haben sie laut Staatsanwaltschaft gebrauchte Autos mit manipulierten Tachos über Wert verkauft, 2015 und 2016 via Internet geleaste oder gestohlene Fahrzeuge mit gefälschten Papieren verkauft. 2015 sollen zwei der Männer von anderen falschen Polizisten erbeutete Goldbarren bei einem Goldankauf- und Pfandleihhaus in Bückeburg verkauft haben und einer von ihnen schließlich 2017 mehrfach Smartphones und Elektrogeräte im Internet verkauft haben ohne die bezahlte Ware an die Käufer auszuliefern. Die entsprechenden Anklagen wurden allesamt in dem am Donnerstag begonnenen Verfahren zusammengezogen.

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Dem Verteidiger des Hauptangeklagten stieß das Vorgehen der Staatsanwaltschaft sauer auf. „Unmöglich, wie die Anklagebehörde in diesem Verfahren agiert“, wetterte er in seiner Eingangserklärung. „Sie kommen am laufenden Band mit immer neuen Sachen durch die Hintertür.“ Wobei entscheidende Dinge erst unmittelbar vor Prozessbeginn nachgeliefert worden seien. „Wie soll eine Verteidigung sich da anständig vorbereiten?“

Die Staatsanwaltschaft wies diesen Vorwurf zurück. Es gebe in diesem Verfahren nun einmal Datenträger, deren Auswertung sehr aufwenig und langwierig sei. Manche Ergebnisse hätten deshalb erst kurz vor Prozessbeginn vorgelegen. Aber nichts davon habe die Täter plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Noch eine zweite Sache störte den Anwalt. Er argwöhnt, dass es zwischen den anderen Angeklagten und der Staatsanwaltschaft im Vorfeld des Prozesses Absprachen zu Lasten seines Mandanten gegeben hat. Allein die Vernehmung des 25-jährigen Mitangeklagten habe vier Tage gedauert. Darin habe er sich selbst, aber auch den 29-Jährigen belastet. Und dies doch wohl kaum, ohne dafür entsprechende Gegenleistungen zu fordern, mutmaßte der Verteidiger. Auch dies wies die Staatsanwaltschaft zurück. „Dem Angeklagten wurde im Zusammenhang mit seinen Aussagen nichts versprochen.“

Der mutmaßliche Haupttäter wies am Donnerstag alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück. Ansonsten schwieg er. Eng werden könnte es trotzdem für den 29-Jährigen, denn zumindest zwei seiner Komplizen werden aller Voraussicht nach im Gericht aussagen. Der 47-jährige Mitangeklagte habe bereits bei der Vernehmung durch Polizei und Staatsanwaltschaft umfassend gestanden und werde dabei bleiben, kündigte dessen Anwalt an. Und auch der 25-Jährige will sich am nächsten Verhandlungstag zu den Vorwürfen äußern. Lediglich der 39-Jährige hat bislang geschwiegen. „Aber vielleicht überlegen Sie sich das ja auch nochmal“, gab ihm der Vorsitzende Richter mit auf den Weg.

Die Verhandlung wird am Mittwoch, 27. März, um 9.30 Uhr fortgesetzt.

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+++Dieser Text wurde um 19.38 Uhr aktualisiert+++

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