Clankriminalität in Bremen Öffentliche Machtdemonstrationen sind passé

In Berlin und Nordrhein-Westfalen gab es zuletzt spektakuläre Aktionen gegen Clankriminalität. Nicht so in Bremen. Hier scheinen die Täter aus Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben.
06.02.2019, 06:30
Lesedauer: 4 Min
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Öffentliche Machtdemonstrationen sind passé
Von Ralf Michel

August 2018: Razzia gegen Clankriminalität in Berlin – fünf Festnahmen. Oktober 2018: Razzia gegen den Miri-Clan in Bochum, Essen und Herne – vier Festnahmen. Januar 2019: Großeinsatz der Polizei im Ruhrgebiet – 1300 Polizisten, 100 Strafanzeigen, 14 Festnahmen, das nordrhein-westfälische Innenministerium spricht von der „größten Razzia gegen Clankriminalität in der Geschichte der Bundesrepublik“.

Und in Bremen, neben Berlin und Essen die dritte Hochburg von Familienclans mit kurdisch-libanesischem Hintergrund in Deutschland? Scheint es ruhig geworden zu sein um dieses Thema, zumindest gemessen an den Schlagzeilen der vergangenen Jahre. Clankriminalität gibt es trotzdem in Bremen. Und nicht zu knapp, wie vonseiten der Sicherheitsbehörden zu hören ist. Haupttätigkeitsbereich der Clans ist demnach der Drogenhandel, aber auch organisierter Sozialhilfebetrug, Gebrauchtwagenhandel, Betrügereien gegen ältere Menschen sowie die – legale – Immobilienfinanzierung gehören zum Portfolio der kriminellen Großfamilien.

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Doch was Bremen von Berlin oder dem Ruhrgebiet unterscheidet, ist das öffentliche Erscheinungsbild der Clans, erklärt hierzu auf Anfrage des WESER-KURIER Bremens Kripo-Chef Daniel Heinke. „In Berlin treten die Clans derzeit sehr aggressiv auf, es geht dabei auch um Machtdemonstration.“ Deshalb reagiere die Polizei dort so entschlossen und mit permanentem Verfolgungsdruck. „Damit nicht der Eindruck entsteht, dass die Clans den öffentlichen Raum beherrschen.“

Derartige Machtdemonstrationen gebe es in Bremen nicht. Man habe zwar spontane Eskalationen und Zusammenrottungen. Aber keine systematische Zurschaustellung von Machtansprüchen. Teils, „weil sie wissen, dass wir sie sehr genau im Fokus haben“, vermutet Heinke. Teils aber wohl auch, „weil sie aus bestimmten Dingen gelernt haben und sich entsprechend anpassen“.

"Miri" wurde zum Markennamen

Womit er auf die Zeit um 2005/2006 anspielt, als es auch in Bremen öffentliches Imponiergehabe von Familienclans gab. Insbesondere der Miri-Clan stellte damals seinen Machtanspruch zur Schau. Etwa an der Discomeile mit tiefer gelegten Wagen und wummernder Musik. „Seht her, die Straße gehört uns“, lautete die Botschaft, „Miri“ wurde zum Markennamen. Vergleichbar mit Rockergruppen, die auf Angst vor ihrer Kutte bauen.

Man mochte die Polo-Hemden mit einem goldenen „M“ belächeln oder auch die Straßenschilder mit der Aufschrift „Regierungsbezirk Miri“. Doch worum es eigentlich ging, zeigte im Januar 2006 eine Schießerei an der Discomeile, als Miris von einer rivalisierenden Gruppe angegriffen wurden. Mehr als 30 Schüsse wurden abgefeuert, mehrere Menschen verletzt. Im anschließenden Prozess gab es Verurteilungen wegen versuchten Mordes, die Täter verschwanden für fünf bis acht Jahre hinter Gittern.

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Nach Lesart der Polizei gilt dieser Vorfall als eine Art Startsignal im Kampf gegen die Clankriminalität. Spätestens ab da wurde die Polizei massiv im öffentlichen Raum tätig, stand den Clanmitgliedern auf den Füßen, wo immer sie auftauchten. Dies führte zu einer Trendwende im Auftreten der kriminellen Clans, das öffentliche Imponiergehabe war Vergangenheit.

„Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die nicht alle aufgehört haben, kriminellen Aktivitäten nachzugehen“, sagt Daniel Heinke. „Wir betrachten Banden- und Organisierte Kriminalität gerade im Kontext ethnisch abgeschotteter Gruppierungen weiterhin als sehr ernsthaftes Problem.“ Hier gebe es auch nichts zu verniedlichen, betont der Kripo-Chef. Viele Angehörige der in Bremen ansässigen Clans seien stark in kriminelle Strukturen eingebunden. „Aber ich wehre mich gegen eine Stigmatisierung solcher ethnischen Gruppen, weil natürlich auch von ihnen nur eine Minderheit Straftaten begeht.“

Was den Kampf gegen Clankriminalität erschwere, sei deren eher schwach ausgeprägte Organisation, erläutert Heinke. Wer hier an Mafia-ähnliche Strukturen denke, liege falsch. Es handele sich vielmehr um Zusammenschlüsse von Personengruppen mit bestimmten Geschäftsfeldern, die dann aber schnell wieder zerfielen und sich immer wieder neu bildeten. Zwar gebe es bestimmte Personen mit Macht und Einfluss. Und auch informelle Absprachen innerhalb unterschiedlicher Gruppierungen. „Aber es gibt nicht den einen Paten von Bremen. Es gibt bei der Clankriminalität keine Managementzentrale.“

Clankriminalität in Bremen zumeist nicht öffentlich präsent

Gleichwohl sind auch in Bremen Erfolge im Kampf gegen diese Form der Kriminalität zu verzeichnen, sagt Oberstaatsanwalt Frank Passade. „Wo es sich anbietet, schlagen wir natürlich auch zu“, so der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft und nennt beispielhaft die Razzia im vergangenen Herbst, bei der es ähnlich wie in Berlin Verhaftungen und Vermögensabschöpfung durch das Beschlagnahmen von Immobilien und hochwertiger Pkw gab. In welch unterschiedlichen Facetten die Clankriminalität in Bremen nach wie vor auftrete, zeigten zudem eine Reihe von aktuellen Gerichtsverfahren, etwa die Prozesse um falsche Polizisten, um die Geiselnahme in Huchting und dem damit verbundenen Raubüberfall oder um die Auseinandersetzung bei einer Polizeikontrolle in Bremerhaven.

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Die Clankriminalität in Bremen sei zumeist nicht öffentlich präsent, sagt auch Passade. „Aber es gibt sie nach wie vor, da sollte man sich nicht täuschen lassen.“ Und auch hierin ist sich Passade mit Heinke einig: die Clans in Bremen hätten aus der Vergangenheit gelernt, würden inzwischen offenbar genau abwägen, was ihren Geschäftsinteressen am meisten nutze. „Vielleicht haben sie erkannt, dass ihr öffentliches Auftreten von damals eher suboptimal für sie war.“

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