Weibliche Schaffer dürfen nicht teilnehmen Frauenfrage bestimmt 475. Bremer Schaffermahlzeit

Die Schaffermahlzeit ist eine jahrhundertealte Tradition in Bremen, bei der weibliche Schaffer nicht teilnehmen dürfen. Wie denken weibliche Gäste über diese Tradition?
08.02.2019, 15:39
Lesedauer: 3 Min
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Von Sigrid Schuer

Helen Zille, Premierministerin der südafrikanischen Provinz Westkap, fühlt sich sichtlich wohl in Bremen und im Rathaus. Sie ist eine der wenigen Frauen unter den 300 Gästen bei der 475. Schaffermahlzeit, die alljährlich in der Oberen Rathaushalle veranstaltet wird. Gerade hat sie sich in das Goldene Buch eingetragen. Angesprochen auf die im Vorfeld heiß diskutierte Frage, wann es denn nun die erste Schafferin geben wird, sagt sie: „Ich bin überzeugt davon, dass in den nächsten Jahren bei der Schaffermahlzeit viele Frauen dabei sein werden. Man muss das doch im Kontext der Tradition sehen. Und Traditionen, die ein Stück weit zu unserer Kultur gehören, wandeln sich eben nur langsam“.

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Die Frage, weshalb Frauen nicht an Traditionsveranstaltungen wie dem Eiswettfest teilnehmen dürfen, hatte im Januar bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, als Bürgermeisterin Karoline Linnert als Vertretung von Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) nicht eingeladen worden war. Sieling hatte daraufhin angekündigt, die Veranstaltung zu boykottieren.

Beim Empfang der Handelskammer, kurz vor der Schaffermahlzeit, hatte sich Sieling auch für mehr weibliche Gäste bei der Schaffermahlzeit ausgesprochen. Er gehe davon aus, dass im nächsten Jahr die erste weibliche Schafferin gewählt wird.

Keine Rolle rückwärts

Unter anderem Vertreter der Linken hatten zuvor gefordert, das Rathaus nicht mehr für Veranstaltungen wie die Schaffermahlzeit zur Verfügung zu stellen, sollte sich diese nicht mehr für Frauen öffnen. "Ich bin sehr sicher, dass sich Haus Seefahrt dort weiterbewegen wird und dann bleiben die Türen des Rathauses auch geöffnet", so Sieling.

Sieling selbst bestellte allerdings keinen weiblichen Gast zur Schaffermahlzeit. Stattdessen begleitet ihn Airbus-Chef Guillaume Faury zu der prestigereichen Veranstaltung in die festlich geschmückte Obere Rathaushalle. „Mich beeindruckt die 475 Jahre alte Tradition, das ist für Bremen etwas ganz Besonderes. Für mich gehören Gesellschaft, Tradition und Wirtschaft zusammen“, so Faury. Und der diesjährige Ehrengast, der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer ergänzt: „Diese bedeutende Tradition gehört zu unserem Kulturgut!“

Auch Helen Zille betont, dass für sie im Zentrum der Schaffermahlzeit vor allem der karitative Gedanke stehe. Sie finde es wunderbar, dass sich Haus Seefahrt der Sorge um andere verschrieben habe.

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Die Frauen der Schaffer, die lediglich über einen Fernseher im Kaminsaal die Veranstaltung verfolgen können, geben sich zur Frauenfrage selbstbewusst. Grundlegender Tenor: „Wir können hier durchaus bestehen“, wie Kapitänsfrau Regina Augustin betont. Und Iris Krimmel, Ehefrau des dritten Schaffers Hermann Schünemann, sagt: „Ob nun Frauen an der Schaffermahlzeit teilnehmen dürfen, ist doch gar nicht so wichtig. Viel wichtiger wäre es doch, dass Frauen für die gleiche Arbeit gleich bezahlt werden und nicht einen Karriereknick erleben, wenn sie Kinder bekommen“.

Hermann Schünemann hatte zuvor in seiner Rede auf Bremen und den Senat seine Zukunftsvision eines prosperierenden Bremens entwickelt: „Wir können das Singapur Europas werden!“ Er lässt keinen Zweifel an dem dafür notwendigen Allemann-Manöver: „Bremen das sind wir!“ Für Regina Augustin steht indes fest: „Steter Tropfen höhlt den Stein. Und Haus Seefahrt trägt ja die erforderliche Entwicklung, die sich sowieso nicht aufhalten lässt, durchaus mit. Dass die Frauen-Quote nicht funktioniert, ist doch schon in der Wirtschaft zu sehen“.

Von Protest kaum eine Spur

Der in Venezuela geborene, zweite Schaffer Thilo Schmitz preist dann in seiner autobiografisch gefärbten Rede auf Bundespräsident und Vaterland „die deutschen Tugenden Weltoffenheit, Freiheit und Toleranz“, die er besonders vor dem Hintergrund zu schätzen wisse, dass in Venezuela seit 2009 alle Freiheiten verloren gegangen seien.

Als die Schaffer im Frack vom Vorempfang im Schütting zum Rathaus flanieren, ist im Gegensatz zu den Vorjahren von Protest kaum eine Spur. Im Gegenteil: Auf Guillaume Faury warten sogar Autogrammjäger. Lediglich die Schüler, die im Zuge der „Friday for Future“-Bewegung vor der Bürgerschaft protestieren, machen ihrer Kapitalismuskritik lautstark Luft.

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Und dennoch: Etwas scheint von der aktuellen Kritik hängen geblieben zu sein. In seiner Damenrede beginnt Kapitän Andreas Mai mit einer Erinnerung an das hundertjährige Jubiläum des Frauenwahlrechts und thematisiert den langen Weg, den Frauen von dort noch zu gehen hatten. Auch heute gebe es noch immer Diskussionen, die die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Frage stellten. "Es darf nicht zu einer Rolle rückwärts kommen", sagt der Kapitän. Er schlage vor, fortan nicht mehr in den Kategorien männlich oder weiblich zu denken, sondern sich nur noch am Menschlichen zu orientieren.

++ Der Artikel wurde um 21.12 Uhr aktualisiert. ++

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