Gartenstadt Werdersee Wie lebt es sich in den neuen Sozialwohnungen?

Wie lebt es sich in den neuen Sozialwohnungen in der Gartenstadt Werdersee? Für das Bautagebuch haben wir nachgefragt und sind auf innovative Ideen für gemeinschaftliches Wohnen gestoßen.
14.03.2021, 05:56
Lesedauer: 5 Min
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Von Karin Mörtel

Ein anonymes Hochhaus: So hat sich Sissy Wöhrstein bisher Gebäude mit Sozialwohnungen vorgestellt. „Nun wohne ich selbst in einem und weiß jetzt, dass das natürlich ein Klischee ist, das nicht stimmt“, sagt die 34-Jährige. Sie ist mit ihrem Baby kurz vor Weihnachten in das erste fertige Mehrfamilienhaus der Gewoba in die Gartenstadt Werdersee gezogen. Schlafzimmer, Kinderzimmer, eine Wohnküche, Abstellkammer und Bad bewohnen die beiden seither zusammen in dem gestaffelten Neubau an der Habenhauser Landstraße.

„Die Zimmer sind klein, aber gut geschnitten und mein absoluter Favorit ist die Loggia“, beschreibt die junge Frau ihren neuen Lebensmittelpunkt. Der erste Eindruck der Nachbarschaft im Haus? „Alle nett“, findet Wöhrstein und freut sich über den Mix aus Senioren und Familien. Sie alle zahlen 6,50 Euro pro Quadratmeter Miete, weil das Haus zum Teil mit Fördergeld finanziert wurde. Auf dem freien Wohnungsmarkt würde der Preis für Neubauwohnungen in dieser Lage deutlich höher liegen.

Das Haus mit 31 Wohnungen ist das erste von neun Mehrfamilienhäusern der Gewoba im Neubaugebiet. Im November ist es fertig geworden. „Wir bauen frei finanzierte und geförderte Wohnungen genau gleich“, sagt Daniela Muth von der Gewoba. Und so haben die Mieter auch strapazierfähigen Vinylboden in heller Trendfarbe unter den Füßen, die Bäder sind mit großformatigen Fliesen ausgelegt. Einziger Unterschied sind die Wohnungsgrößen, die bei preisgebundenen Wohnungen Höchstgrenzen haben. Für zwei Personen sind das höchstens 60 Quadratmeter, für fünf Personen maximal 95.

Muth ist Projektleiterin und zuständig für die Bauvorhaben der Gewoba in der Gartenstadt Werdersee, die verteilt über das 16 Hektar große Gebiet entstehen werden. In direkter Nachbarschaft zu der wachsenden Anzahl an Reihenhäusern, die bereits von den neuen Eigentümern bezogen wurden.

Weiter hinten Richtung Deich drehen sich unermüdlich die Kräne. Bauarbeiter ziehen weitere Reihenhäuser hoch – bis zum Jahr 2024 soll das noch so weiter gehen. Verantwortlich für den Bau und die Vermarktung der Reihenhäuser ist die Projektgesellschaft Gartenstadt Werdersee. Auch die Gewoba hat schon mit ihren beiden nächsten Häusern begonnen: Seit Jahresbeginn sind die Gebäude am künftigen Boulevard des Neubaugebietes dran. Wenn sie fertig sind, werden dort auch ein Supermarkt und ein Kindergarten untergebracht.

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„Ich wusste gar nicht, dass das geförderte Wohnungen sind, als ich mich beworben hatte“, sagt Wöhrstein. Auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle am Flughafen hatte sie über Monate zugesehen, wie das Neubaugebiet immer neue Häuser hinzubekommt. „Dort wollte ich für einen Neuanfang mit meinem Kind hinziehen: Näher an die Arbeit, aber nicht mitten in die Stadt“, sagt sie über die Gründe für ihre Entscheidung, aus Achim nach Bremen zu ziehen.

Als sie erfuhr, dass sie einen Wohnungsberechtigungsschein (B-Schein) braucht, um als Mieterin infrage zu kommen, war sich Wöhrstein nicht sicher, ob sie die Voraussetzungen erfüllt. „Ich verdiene als Teamleiterin nicht so schlecht, doch als Alleinerziehende hat es dann am Ende gepasst“, beschreibt sie ihren Weg. Denn im Neubau gelten um 60 Prozent höhere Einkommensgrenzen als für ältere geförderte Wohnungen. So hat beispielsweise eine fünfköpfige Familie mit einem jährlichen Brutto-Einkommen von bis zu 73.686 Euro Anspruch auf den B-Schein für eine Neubauwohnung.

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Um sich von den vorhandenen Klischee-Vorstellungen zu Sozialwohnungen zu lösen, benutzen die Fachleute der Gewoba ganz bewusst andere Begriffe. Geförderte Wohnungen oder auch preisgebundener Wohnungsbau sind die modernen Bezeichnungen. „Da bezieht man sich eher auf die Finanzierungsart der Wohnungen anstatt sich ein Urteil über die Mieterschaft zu erlauben“, erklärt Emilia Naatz, Sprecherin der Gewoba.

Etwa zwei Hektar Bauland in der Gartenstadt Werdersee gehören der Gewoba. Geplant ist, insgesamt auf dem Grund gut 250 Mietwohnungen errichten, nur drei Dutzend davon ohne Fördergelder. Damit läge die Sozialwohnungsquote in der Gartenstadt Werdersee bei 37 Prozent. Das ist weit mehr, als zu Beginn der Bauarbeiten mit 25 Prozent gesetzlich durch die Stadt Bremen vorgeschrieben worden war.

In Bremen hat man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und zieht keine abgeschotteten, großen Sozialwohnungs-Siedlungen am Stadtrand mehr in die Höhe, wie es in der Nachkriegszeit üblich war. Die Gewoba baut jetzt verteilt über die Stadt geförderte Wohnungen. In der Gartenstadt Werdersee entstehen sie zusätzlich verstreut über das ganze Baugebiet.

Dass geförderte Wohnungen deutlich mehr bieten können als ein Dach über dem Kopf, wird spätestens klar nach einem Blick auf die ersten Entwürfe für zwei Grundstücke der Gewoba in Bestlage direkt hinterm Deich. Die Pläne hat das Bremer Büro Schröder Architekten erarbeitet und dafür den ersten Platz eines Wettbewerbs unter dem Titel „Ungewöhnlich Wohnen – Kinder in der Stadt“ errungen.

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Es ging um die Fragestellung, wie gemeinschaftliches Wohnen und die Bedürfnisse von Kindern in der Stadt in Mehrfamilienhäusern besonders ideenreich umgesetzt werden können. Die Antwort der Architekten: Mit einem gestapelten Reihenhaus, das sich mit eigenen Eingängen für die unteren Wohnungen nahtlos in die Umgebung zwischen den Eigentumsimmobilien einfügt.

Ob möglicherweise eine Mietergemeinschaft in das gestapelte Reihenhaus einziehen wird, müsse noch ausgelotet werden, sagt Corinna Bühring, die bei der Gewoba die Neubau-Sparte verantwortet. Im zweiten Haus wird es große sowie miteinander verbundene Kleinwohnungen geben, damit Alleinerziehende sich gegenseitig unterstützen können. Der Garten bietet Platz zum Herumstreifen für Kinder und in der offenen „Gartenhalle“ unter dem Gebäude ist Raum für Begegnung der Generationen am Gemeinschaftstisch – so die Vision.

Bühring: „Die Gartenstadt Werdersee wird eben kein reines Reihenhausgebiet, sondern es wird eine Mischung aus Bauformen und Bewohnern geben und genau das ist das Spannende daran.“

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Artikelreihe zum Neubaugebiet Gartenstadt Werdersee

Bis zum Jahr 2024 will die Projektgesellschaft Gartenstadt Werdersee (PGW) gemeinsam mit der Wohnungsbaugesellschaft Gewoba ein neues Wohnquartier am linken Weserufer errichten. 260 Reihen- und Doppelhäuser sowie etwa 250 Mietwohnungen werden gebaut. Am Ende soll es ein urbanes Quartier mit sehr unterschiedlichen Bewohnern sein, die dort einkaufen, ihre Kinder betreuen lassen und zur Schule schicken können. In unserer Artikelreihe „Bautagebuch Gartenstadt Werdersee“ begleiten wir fortlaufend diese Entwicklung. Jeder Teil der Reihe nimmt einen besonderen Aspekt des Großprojektes in den Blick: von der Erschließung über den Klimaschutz und die ersten Einzüge von Käufern und Mietern bis hin zum Abschluss der Arbeiten. Dabei sprechen wir beispielsweise mit Verkäufern, Bauleitern, Grünplanern und lassen auch Kritiker des Bauvorhabens zu Wort kommen.

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