Bautagebuch Gartenstadt Werdersee, Teil 4 Die ersten Bewohner berichten über ihren Alltag

Wie lebt es sich im neuen Haus, wenn ringsherum noch Baustelle ist? Die ersten Eigentümer haben in der Gartenstadt Werdersee ihre Häuser bezogen und berichten über ihren Alltag zwischen Baggern und Baustraßen.
01.03.2020, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Karin Mörtel

Die Post hat zwei Wochen gebraucht, um den ersten Brief korrekt zuzustellen. Die Mülltonnen sind noch nicht da, und der Weg zur Bushaltestelle ist momentan noch ein Hindernislauf zwischen Baggern, Kränen und Bauzäunen. Philip Busch und seine Freundin Franziska Gerken sind die ersten Eigentümer, die ihr Reihenhaus in der Gartenstadt Werdersee bezogen haben. Mit ihrem Umzug beginnt auch ihr Leben auf einer Großbaustelle in dem Neubaugebiet, das voraussichtlich erst 2024 fertig sein wird.

„Wir wussten, dass es noch dauern wird, bis die Infrastruktur komplett funktionsfähig ist“, sagt Busch und sehnt den Tag Ende März herbei, wenn endlich das Internet funktionieren soll. „Wir leisten hier Vorarbeit für die, die nach uns kommen“, formuliert es Gerken. Schlimm finden die beiden das nicht, sondern sie gehen es ganz pragmatisch an: Sie haben sich erst einmal feste Schuhe gekauft, mit denen sie täglich die matschigen Pfade auf dem Weg zum Deich und zurück meistern können. Schließlich haben sie sich zum Einzug einen lang gehegten Wunsch erfüllt und den Mischlingswelpen Chewie angeschafft. „Einen Hund konnten wir in unserer Dachgeschosswohnung mitten in Findorff nicht halten“, sagt Gerken.

Highlight Dachterrasse

Den Baulärm findet das Paar erträglich, bei geschlossenen Fenstern ist ohnehin kaum etwas davon zu hören. Die Dachterrasse – aus ihrer Sicht das Highlight des Hauses – wird aber wohl erst im Sommer nach Feierabend der Bauarbeiter ein Genuss. „Und in spätestens zwei Jahren hat sich die Baustelle ja ohnehin weiter Richtung Deich verlagert, dann bekommen wir das nicht mehr so mit“, hofft Busch.

Sie seien bewusst nicht ganz raus aufs Land gezogen, „weil die Anbindung der Bauplätze im Umland, die wir uns angesehen haben, nicht so gut war“, sagt der 29-Jährige. Die Lage am See unweit der Innenstadt mit einer Bushaltestelle vor der Tür hat für das Paar den Ausschlag für seine Entscheidung gegeben, in die Gartenstadt Werdersee zu ziehen. Zwölf Minuten braucht Gerken seither mit dem Fahrrad zur Arbeit in der Bremer Firmenzentrale von Kühne + Nagel.

Die beiden stehen mit Blick auf Terrasse, Carport und kleinem Garten in ihrem Wohnzimmer, das nahtlos in die Küche übergeht. Mit gut 120 Quadratmetern Wohnfläche haben sie nun doppelt soviel Platz zur Verfügung als zuvor. 385.000 Euro hat das Haus sie gekostet, inklusive Sonderwünsche wie eine Treppe aus Eichenholz, die in der Basisausstattung nicht enthalten ist. Die neuen Bewohner sind schon fast fertig mit Möbel aufstellen und Kartons auspacken. „Wir haben hoffentlich zum letzten Mal die Waschmaschine ins Dachgeschoss geschleppt“, sagt Busch und lacht. Nur ein paar Bilder fehlen noch an den Wänden und ein neues Sofa fürs Arbeitszimmer.

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„Wir kommen beide vom Dorf, da haben wir mit einem Reihenmittelhaus nicht unbedingt Individualismus in Verbindung gebracht“, sagt Busch. Doch nun stehen sie in ihrem Haus, für dessen Grundriss und Innenausbau sie so viele Wünsche äußern durften, dass sie manchmal fast überfordert waren. Etwa 100 Entscheidungen haben sie nach eigener Schätzung zu ihrem neuen Zuhause gefällt.

Sie haben unter anderem den Zuschnitt der Wohnräume festgelegt, die Fliesen für Küche und Bad ausgewählt, die Lage der Steckdosen bestimmt und nach der Hausübergabe die restlichen Fußböden sowie die Wände nach ihren Vorstellungen gestalten lassen. Eigentlich war eine Fußbodenheizung sein einziger Wunsch an sein neues Zuhause, berichtet Busch. Keine Heizkörper an den Wänden, die unnötig Platz verbrauchen. Nun ist standardmäßig auch noch eine digital steuerbare Belüftungstechnik hinzugekommen, die Frischluft ins Haus hineinbläst und die verbrauchte Luft hinaus. „Für uns totales Neuland“, sagt Gerken. Dass der Garten hinter dem Haus nur sehr klein ausfällt, betrachtet die 24-Jährige keineswegs als Minuspunkt. „Für uns ist er genau richtig, weil Gärtnern sowieso nicht unser Ding ist“, sagt Gerken. Den Zaun zu den Nachbarn haben sie bereits gesetzt, die Buchenhecken und jeweils eine Felsenbirne sind in den Gärten ihrer Häuserzeile schon im Boden gewesen.

Fluglärm stört nicht

Der Fluglärm war eines der Argumente, die Kritiker des Neubaugebietes angeführt haben, weshalb sie gegen das Bauvorhaben protestieren. Für das junge Paar ist das allerdings kein Problem. „Wir wollen das nicht schön reden, aber wir sind vor dem Kauf mehrfach vor Ort gewesen, und auch jetzt stört es uns nicht“, sagt Busch. Der Eisenbahnlärm, mit dem sie es in ihrer Altbauwohnung in Findorff Tag und Nacht zu tun hatten, sei deutlich schlimmer gewesen.

Seit Dezember 2018 hat die Projektgesellschaft Gartenstadt Werdersee (PGW) 111 Häuser auf vier Baufeldern den Kaufinteressenten angeboten. Davon sind 81 bereits verkauft und 14 reserviert. Die 16 restlichen sind erst seit einer Woche auf dem Markt. „Ende 2020 werden hier etwa 70 Familien wohnen“, schätzt Bauleiter Andreas Wuttge. Alle Käufer eint, dass sie zunächst sehr viel Fantasie aufbringen müssen, denn bei Vertragsunterschrift ist von ihren Häusern bestenfalls eine fertig gegossene Bodenplatte zu sehen – wenn überhaupt. „Als wir uns für den Hauskauf entschieden haben, standen wir hier noch auf einer grünen Wiese“, erinnert sich Busch. Mithilfe eines Zollstocks hätten sie sich versucht vorzustellen, wie hoch die Decken in ihrem Neubau wohl sein werden. Am Wochenende konnten sie circa 70 Neugierige auf der Baustelle zählen, die sich einen Eindruck von den fertigen Häusern verschaffen wollten. „Touristen“ nennt das Paar die Leute, die gelegentlich auch einen Blick durch ihre Fenster riskierten.

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Bei der Wohnungsbaugesellschaft Gewoba, die Mietwohnungen im Neubaugebiet errichtet, wird der Einzug der ersten Mieter noch eine Weile dauern. Anfang Dezember könnte es laut Plan in dem Wohnblock an der Habenhauser Landstraße soweit sein. Dort hat in einem Teil des gestaffelten Gebäudes bereits der Innenausbau begonnen. Die Mutter von Philip Busch steht schon zusammen mit einigen anderen Mietinteressenten auf der Warteliste. „Wir wollen sie bald in unsere Nähe holen, da wäre es perfekt, wenn das sogar hier in der Gartenstadt Werdersee klappt“, sagt Busch.

Bis dahin wird sich auf der Baustelle noch einiges verändern: Den Gehweg vor der fertigen Reihenhauszeile und die Zufahrt zum Innenhof mit den Carports gibt es zwar schon, der Fußweg zur Bushaltestelle dagegen wird in den kommenden 14 Tagen noch fertig gepflastert. Auch die Straßenschilder sind bestellt, zurzeit hängen noch Zettel mit den Adressen der neun fertigen Häuser in den Küchenfenstern. Die ersten Straßenlaternen sollen im Frühling angeschaltet werden, die Eröffnung des geplanten Supermarktes im Neubaugebiet wird hingegen noch dauern. In zwei Jahren, so hofft Busch, kann er wieder zu Fuß einkaufen gehen. „Uns ist wichtig, dass wir kurze Wege haben und das Auto nur ganz selten brauchen.“

Was für andere selbstverständlich ist, bedeutet für die ersten Bewohner der Baustelle noch einen Hindernislauf. „Wir haben neulich versucht, beim Griechen Essen zu bestellen, das war eine Katastrophe“, sagt Gerken. Fünfmal habe sie mit dem Lieferanten telefonieren müssen, bis das Essen in der Helene-Lange-Straße schließlich ankam, die momentan noch eine Baustraße ohne Asphaltdecke ist.

Straßennamen nach weiblichen Persönlichkeiten

Die Namen für Straßen, Wege und Parks hat der Neustädter Beirat ausgewählt. Es sind ausschließlich weibliche Persönlichkeiten von Anni Albers bis Marie Stritt, die den gesellschaftlichen Aufbruch in der jungen Demokratie der Weimarer Republik gefördert haben. Im digitalen Stadtplan von Google ist von den zwölf Namen allerdings bisher nur die Helene-Lange-Straße zu finden.

Eigentlich sollten die ersten Eigentümer bereits zwei Monate früher einziehen können. Doch dieser Termin war nicht zu halten, weil bei nachträglichen Kabelverlegungsarbeiten eine Fremdfirma den Abwasserkanal beschädigt hatte. „Die Verzögerung ist ärgerlich gewesen, aber es ging zum Glück schnell, nachdem die Versicherungsfrage geklärt war“, sagt Uwe Schierloh, Geschäftsführer der PGW. Erst seit dem 20. Februar dürfen die Hauseigentümer die Toilette benutzen, weil zuvor der Kanal noch nicht freigegeben war.

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Einen Teil ihrer neuen Nachbarn haben Busch und Gerken bereits kennengelernt. „Ich finde besonders die internationale Mischung toll. Unsere Nachbarn sind Franzosen, es gibt ein chinesisches Paar, und auch eine Portugiesin ist dabei“, sagt Gerken.

Für Busch hat das Leben auf der Baustelle auch etwas Positives: „Es ist ein tolles Gefühl, von Anfang an im Neubaugebiet dabei zu sein und es mitgestalten zu können.“

Info

Zur Sache

Artikelreihe zum Neubaugebiet

Bis zum Jahr 2024 will die Projektgesellschaft Gartenstadt Werdersee (PGW) gemeinsam mit der Wohnungsbaugesellschaft Gewoba ein neues Wohnquartier am linken Weserufer errichten. 260 Reihen- und Doppelhäuser sowie etwa 250 Mietwohnungen werden gebaut. In unserer Artikelreihe „Bautagebuch Gartenstadt Werdersee“ begleiten wir fortlaufend die Entwicklung. Jeder Teil der Reihe nimmt einen besonderen Aspekt des Großprojektes in den Blick: von der Erschließung über den Klimaschutz bis hin zum Abschluss der Arbeiten. Dabei sprechen wir beispielsweise mit Verkäufern, Bauleitern, Grünplanern und lassen auch Kritiker des Bauvorhabens zu Wort kommen. Im Frühling wird in unserem fünfter Teil zu lesen sein, auf welchen Wegen das Interesse potenzieller Käufer geweckt werden soll.

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