Kritik an Senatsentscheidung

Gehaltserhöhung in Bremen auf dem Prüfstand

Der Senatsbeschluss für höhere Bezahlung von Erziehern in belasteten Stadtteilen sorgt für Kritik. Erzieher und Eltern fürchten eine Zwei-Klassen-Bezahlung. Die Politik treibe einen Keil in die Belegschaft.
04.04.2019, 20:14
Lesedauer: 3 Min
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Gehaltserhöhung in Bremen auf dem Prüfstand
Von Lisa-Maria Röhling

Sabine Orlok ist enttäuscht. Seit 30 Jahren ist sie Erzieherin, beschreibt sich selbst als engagiert und motiviert. Geld, sagt sie, sei für sie nie eine ausschlaggebende Motivation gewesen, ihren Job gut zu machen. Doch jetzt ist es genau so eine Frage des Geldes, die sie frustriert:

Seit 1. April werden Erzieherinnen und Erzieher in Quartieren mit einem höheren Sozialindex besser entlohnt. Das hat der Senat im März beschlossen.

Konkret heißt das: Mitarbeiter in Tenever, Gröpelingen oder Lüssum bekommen mehr als jene in Horn oder Schwachhausen. Die hohen Anforderungen an Kita-Mitarbeiter in sozial belasteten Stadtteilen würden das rechtfertigen. „Wie kann jemand bewerten, welche Arbeit schwer und welche leicht ist?“, fragt sich Orlok.

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Orlok ist nicht die einzige Erzieherin, die sich sowohl vom Bildungsressort auch von der Gewerkschaft Verdi allein gelassen fühlt. Zahlreiche Elternvertreter und Kitas haben sich in Stellungnahmen an den Senat gewandt, Eltern und Erzieher konfrontierten am Mittwoch in der Bildungsdeputation die Abgeordneten, auch bei der Personalversammlung von Kita Bremen vor knapp zwei Wochen kam es zu Protesten. Dort hatte Orlok einen offenen Brief vorgelesen, mit dem sie ihre Enttäuschung über die Politik ausdrückte.

Die Kritiker fürchten eine Zwei-Klassen-Bezahlung, mit der Beschäftigte in weniger belasteten Stadtteilen ins Hintertreffen geraten. Einige Erzieher haben bereits aus Protest eine Versetzung in eine sogenannte Index-Kita beantragt, auch einige Gewerkschaftsaustritte hat es inzwischen gegeben. „Die Politik treibt einen Keil in die Belegschaft“, sagt Orlok. Mit Missgunst habe das nichts zu tun. Alle Erzieher hätten die gleichen Aufgaben, die gleiche Ausbildung, den gleichen Arbeitgeber. „Das ist eine Ungerechtigkeit.“

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Der Senat hatte mit der besseren Bezahlung besonders belasteter Erzieherinnen und Erzieher einen zentralen Punkt der „Bremer Vereinbarung“ umgesetzt. Dafür werden die Mitarbeiter in sogenannten Index-Kitas nach der Tarifgruppe S8b bezahlt, alle anderen bleiben in der Gehaltsklasse S8a.

Laut der Gewerkschaft Verdi bedeutet das ein Gehaltsunterschied von 67 bis 448 Euro, je nach Berufsjahr und Qualifikation. Das gilt seit 1. April für knapp 630 Erzieher aus knapp 41 Einrichtungen von Kita Bremen und betrifft damit knapp 60 Prozent der Beschäftigten des kommunalen Trägers. Möglichkeiten, dieses Modell auch auf die freien Träger anzuwenden, prüft die Bildungsbehörde momentan.

Eindeutige Fehlentscheidung

Eine Fehlentscheidung, finden die übrigen 40 Prozent der Belegschaft von Kita Bremen. Unmut herrscht auch im Kinder- und Familienzentrum Schönebeck, das ebenfalls nicht zu den Index-Kitas zählt: „Das ist eine Schweinerei“, sagt Erzieherin Sarah Hartmann. Die Entscheidung sei eine „Degradierung der pädagogischen Arbeit und eine klare Benachteiligung und Diskriminierung“ jener Erzieherinnen, die nicht in den jeweiligen Index-Kitas arbeiten, heißt es in einem offenen Brief aller Mitarbeiter.

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„Wir haben auch mit Problemen zu kämpfen“, betont Hartmann. Zudem sei eine Entlohnung nach Sozialindex auch für die betroffenen Eltern herabwürdigend: „Das wirkt, als müsse man den Erziehern in den entsprechenden Stadtteilen Schmerzensgeld zahlen.“ Auch die Eltern sind erbost: „Eingespielte und gut funktionierende Teams werden so mutwillig zerrissen“, heißt es in dem Schreiben des Elternbeirates.

Grit Wetjen, Personalratsvorsitzende von Kita Bremen, hat Verständnis für die Wut ihrer Kollegen. Sie sieht die jetzige Höhergruppierung aber als ersten Schritt, um den Erzieherberuf aufzuwerten und künftig mehr Personal nach Bremen zu locken sowie die Abwanderung ins Umland zu stoppen. Auch Jörn Kroppach, Gewerkschaftssekretär bei Verdi, versteht die Enttäuschung der Erzieher. „Unser Ziel bleibt die Eingruppierung S8b für alle Erzieher.“

Bundesweite Tarifverträge

Allerdings sei die Gewerkschaft von den Angeboten der Arbeitgeber, in diesem Fall der Stadt Bremen, abhängig. „Sollen wir eine Erhöhung für 60 Prozent der Mitarbeiter etwa ausschlagen?“ Zudem richte sich die Eingruppierung nach den Regeln der bundesweiten Tarifverträge. Dort sei S8b für die Mitarbeiter hinterlegt, die „besonders schwierige Tätigkeiten ausüben“.

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Die jetzige Regelung sei „explizit nur ein Einstieg“, im kommenden Januar sollen weitere Schritte folgen. Das ist für die Gewerkschaft Erziehung und Bildung (GEW) zu spät: Es müsse sofort nachverhandelt werden. Seien die Herausforderungen in den Kitas unterschiedlich, könne zwar die Ausstattung oder die Qualifikation des Personals angepasst werden, nicht aber deren Bezahlung.

Die Arbeit in Kitas sei natürlich generell anspruchsvoll, sagt Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). Allerdings sei die Erhöhung in bestimmten Indexkitas mit „schwierigem Umfeld“ gerechtfertigt.

Das solle langfristig zur besseren Bezahlung aller Erziehenden führen. „Die Frage ist, wo wir anfangen, und in Einrichtungen in schwierigem Umfeld ist die Belastung besonders hoch“, sagt die Senatorin.

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