Hohe Steigerung des Eigenanteils

Pflegekosten explodieren

Steigende Pflegekosten treffen vor allem die Bewohner und ihre Angehörigen. So muss ein Nordbremer nun 500 Euro mehr im Monat zahlen – eine Steigerung des Eigenanteils um mehr als 20 Prozent.
12.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Pflegekosten explodieren
Von Patricia Brandt
Pflegekosten explodieren

Ein Pfleger schiebt die Bewohnerin eines Heims: Mehrere Faktoren sorgen derzeit für erhebliche Kostensteigerungen für Pflegeplätze – zum Entsetzen der Betroffenen.

Tom Weller /dpa

Pflegekräfte in Altenheimen dürfen auf mehr Geld hoffen, doch wer bezahlt die Kosten? Steigende Pflegekosten treffen vor allem die Bewohner und ihre Angehörigen. „Allein in diesem Jahr ist der Eigenanteil von 2385,54 um mehr als 20 Prozent auf nun 2892,05 Euro geklettert“, berichtet ein Nordbremer. Mehr als 500 Euro mehr im Monat muss seine demente Mutter bei gleichbleibender Pflegestufe nun in der Heimstätte am Grambker See zahlen. Kein Einzelfall: Auch in anderen Pflegeheimen der Region werden die Kosten weiter steigen. Eine Rolle spielt dabei auch die Corona-Pandemie.

Der Unmut über steigende Pflegekosten ist offenbar groß. „Patientenabzocke“ steht über einem Leserbrief zur Entgelterhöhung in einem Pflegeheim des Sozialwerks der Freien Christengemeinde in Gröpelingen. „Es hat mich von den Socken gehauen, dass die Erhöhung ab 2020 insgesamt bei meinem Bekannten 400 Euro im Monat ausmacht“, schreibt der Leser an die Redaktion. Die Pflegenden hätten eine höhere Entlohnung verdient. Doch: „Ich finde es eine Schweinerei, dass man die Alten und Kranken dermaßen abzockt.“

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Als er seine Mutter 2018 in die Obhut der Heimstätte am Grambker See im Nordbremer Stadtteil Burglesum gab, ebenfalls eine Einrichtung des Sozialwerks der Freien Christengemeinde, ahnte ein Nordbremer, der namentlich nicht genannt werden möchte, nicht, welche Kosten auf ihn zukommen würden. Während der Platz in diesem Jahr mit fast 2900 Euro zu Buche schlägt, betrug das Leistungsentgelt bei gleichbleibender Pflegestufe 2018 noch knapp 1800 Euro. Das belegen Unterlagen. Mit Blick auf diesen Kostenvergleich fragt der Sohn: „Wer soll das alles bezahlen? Wer bekommt denn eine solche Rente?“

Die Erhöhung der Kosten wird vom Betreiber der Einrichtung vor allem mit Personalkosten, einer Ausbildungsumlage und nicht zuletzt mit Investitionskosten begründet. Geradezu als „Unverfrorenheit“ empfindet der Nordbremer eine neuerliche Erhöhung der investiven Kosten in diesem Jahr. Hintergrund: Die Heimstätte am Grambker See ist gerade erst saniert worden. Der Betroffene: „Das Sozialressort habe ich am 8. April 2020 über diesen Vorgang informiert – auf eine Antwort warte ich bis heute.“

Bei Selbstzahlern ist der Staat raus

Das Sozialressort bedauert dies und will den Vorgang aufklären. „Bei Selbstzahlern – also Personen, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben – ist der Staat raus und hat keine Handhabe“, sagt David Lukaßen, Sprecher der Sozialbehörde.

Die Aufschlüsselung der einzelnen Kostenpositionen für einen Pflegeplatz sei eine sehr komplizierte Rechnung, die nicht kurz dargestellt werden kann, sagt Jens Bonkowski, Bereichsleitung Senioren des Sozialwerks der Freien Christengemeinde Bremen. Er spricht von „einer Gesamtsteigerungsrate bei den Preisen für einen Pflegeplatz von zehn bis zwölf Prozent.“ Da der Anteil der Pflegekassen festgeschrieben sei, falle die gesamte Mehrbelastung allein den Pflegebedürftigen zu. „Das bedeutet, dass die Steigerung des Eigenanteils im Verhältnis deutlich höher ausfällt als die eigentliche Preissteigerung.“

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Jens Bonkowski: „Das höhere Entgelt für die Pflegenden zahlen die Bewohner, denn der Anteil der Pflegekassen ist ausgereizt.“ Er bestätigt, dass das Sozialwerk die Kosten jährlich erhöht. „Die Preise werden mit den Pflegekassen und der Sozialbehörde verhandelt. Die Preise denken wir uns nicht aus.“

Der größte Anteil beim Kostenfaktor sei beim Sozialwerk der Freien Christengemeinde das Personal. „Unser Ziel ist, dass Pflegekräfte von Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen in drei Jahren einheitlich vergütet werden. Wir haben angefangen, die Vergütungen anzupassen, denn eine Lücke von 500 Euro kann man nicht in einem Schritt schließen.“

Finanzierung der generalisierten Pflegeausbildung

Dazu käme dieses Jahr zusätzlich die Finanzierung der generalisierten Pflegeausbildung: Künftig erhalten Pflegekräfte in Altenheimen und Krankenhäusern dieselbe Ausbildung. „Diese Kosten zählen grundsätzlich zu den pflegebedingten Aufwendungen und können über den Pflegekassenanteil bezahlt werden. Nur weil dieser schon durch die anderen Entgeltbestandteile ausgeschöpft ist, trägt der Bewohner diese Kosten wieder allein“, erläutert der Bereichsleiter.

Das Problem müsse politisch gelöst werden, meint Bonkowski: „Wir sind der Initiative Pro Pflegereform beigetreten, die sich dafür einsetzt, dass es zu einer Umkehrung von Spitze und Sockelbetrag kommt. Derzeit zahlt die Pflegekasse den Sockelbetrag der Pflege eines Bewohners, die Spitze – also alle Kostensteigerungen – zahlen die Bewohner selbst. Dieses System ist nicht in Ordnung.“ Auch Bremen setzt sich auf Bundesebene für den sogenannten Sockeltausch ein und hat entsprechende Initiativen auf Bundesebene im Bundesrat unterstützt. Ein solcher Systemwechsel, so Behördensprecher Lukaßen, würde dann aber auch zur Folge haben, dass die Beiträge zur Pflegeversicherung insgesamt steigen oder steuerfinanzierte Zuschüsse eingeführt werden müssten.

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Auch in anderen Einrichtungen der Region ziehen die Preise an. Bei der gemeinnützigen GmbH Friedehorst wurden Bewohner und Angehörige bereits informiert, dass derzeit Entgeltverhandlungen mit den Kostenträgern für die Einrichtung Da Vinci und für die Tagespflege geführt werden. Zum Verhandlungsstand gab es keine Auskunft. Sprecherin Astrid Burmester betonte: „Die Gründe für eine Entgelterhöhung sind zum einen die gestiegenen tariflichen Personalkosten für Pflegefach- und Pflegehilfskräfte. Die gerade in der Corona-Zeit wichtige Arbeit der Pflegekräfte soll auch auf diesem Weg dauerhafte Wertschätzung erhalten und nicht allein mit einer einmaligen Prämie honoriert werden.“

Auch Veränderungen in der Pflege durch die weltweite Corona-Pandemie sollen beim Entgelt eine Rolle spielen: „Die erheblichen coronabedingten Mehraufwände sind bislang nur bis zum 30. September durch den Gesetzgeber geregelt. Ab dem 1. Oktober werden mögliche Mehrkosten vermutlich in die Pflegesätze einfließen müssen. Und da diese immer vorausschauend verhandelt werden und die Corona-Pandemie uns vermutlich auch weiterhin beschäftigen wird, hoffen wir, dass diese Faktoren berücksichtigt werden.“

Große Nachteile im Wettbewerb

Schon jetzt bezahle Friedehorst die Pflegekräfte in der Altenhilfe nach kirchlichem Tarif genauso wie Pflegekräfte im Krankenhaus: „Wir sind überzeugt davon, dass das richtig ist, haben dadurch aber zurzeit große Nachteile im Wettbewerb mit anderen Pflegeanbietern. Außerdem orientieren sich die Lohnsteigerungen bei uns an den Abschlüssen des öffentlichen Dienstes beziehungsweise der öffentlichen Krankenhäuser, was das Problem der Finanzierung weiter verschärft, denn die Refinanzierung ist jeweils freie Verhandlungssache.“

Der Nordbremer hat seinen Unmut über die Entgelterhöhungen der letzten beiden Jahre beim Sozialwerk der Freien Christengemeinde bereits bei einem Angehörigenabend im Juli 2019 zu Protokoll gegeben. „Offensichtlich ohne Wirkung.“ Wer die Kostensteigerungen nicht hinnehmen wolle, dem bleibe im Prinzip nur ein Einrichtungswechsel, sagt er. Heimbetreibern müsse hingegen klar sein, dass Angehörige insbesondere von dementen Pflegebedürftigen es kaum übers Herz brächten, einen Familienangehörigen aus der vertrauten Umgebung herauszulösen und in einer anderen Einrichtung unterzubringen.

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