Neustart mit Hindernissen So ist die neue Pflegeausbildung in Bremen angelaufen

Seit diesem Jahr ist die Pflegeausbildung in Deutschland komplett umgekrempelt. Eine Berufsanfängerin und eine Lehrkraft erzählen vom Start mitten in der Corona-Krise.
31.05.2020, 05:00
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So ist die neue Pflegeausbildung in Bremen angelaufen
Von Carolin Henkenberens

Der erste Tag in einem neuen Job oder einer neuen Ausbildung ist etwas Besonderes. Man lernt viele Menschen kennen, schüttelt Hände und versucht, die Namen nicht zu vergessen. Für Josefine Sander war das am 1. April anders. Die 20-Jährige und ihre 26 Mitschülerinnen und Mitschüler sahen sich nicht, sie chatteten miteinander.

Das zweite, das besonders war an diesem ersten Ausbildungstag: Es war der Beginn der neuen, generalistischen Pflegeausbildung an der einstigen Bremer Krankenpflegeschule, die jetzt Bremer Zentrum für Pflegebildung (BZfP) heißt. Sander macht eine Ausbildung zur Pflegefachfrau. Den praktischen Teil absolviert sie im St.-Joseph-Stift, den theoretischen am BZfP, der Schule für Azubis bei sechs freigemeinnützigen Trägern wie Caritas oder Diakonie.

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Seit Jahresbeginn sind die Alten-, Kranken- und Kinderpflege zu einem Ausbildungsgang vereint. Die Reform soll den Pflegeberuf für junge Leute attraktiver machen, indem sie später in unterschiedlichen Bereichen arbeiten können und mehr Möglichkeiten der Weiterbildung haben.

Ein komplett neues Curriculum

Für die Ausbildung ist ein komplett neues Curriculum entstanden, berichtet Daniela Reinhardt. Dafür arbeiteten alle Bremer Pflegeschulen und die beiden Wissenschaftlerinnen Ingrid Darmann-Finck und Sabine Muths von der Universität Bremen zusammen. Auch Reinhardt, stellvertretende Leiterin des Bremer Zentrums für Pflegebildung, war bei den Workshops für das Bremer Curriculum dabei. Für die Lehrkräfte ist nun ebenso vieles anders.

Während einige Inhalte weggefallen sind, sind andere hinzugekommen. Es müssen eben alle Bereiche der Pflege – im Altenpflegeheim, mit akut oder chronisch Kranken und mit Kindern – abgedeckt sein. „Ich bin mit dem Lehrplan sehr zufrieden“, sagt Reinhardt. Er ist in 24 Lernfelder gegliedert. „Es fängt mit einfacheren Pflegesituationen an und steigert sich zu komplexeren Situationen, zum Beispiel dem Umgang mit demenziell erkrankten Menschen, die sich aggressiv verhalten“, erklärt Reinhardt. Auch Grundlagen wie Anatomie, die Rechte von Arbeitnehmern oder der Pflegeprozess stünden zu Beginn auf dem Lehrplan. Später folgten Einheiten zum Beispiel zur Pflege von Wöchnerinnen oder Neugeborenen.

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Während in der Krankenpflegeausbildung viele verschiedene Krankheitsbilder gelehrt wurden, würden in der neuen, generalistischen Pflegeausbildung einige exemplarisch herausgegriffen. „Es geht auch darum, zu vermitteln, wie man sich Wissen selbstständig aneignet“, sagt Reinhardt.

Eigeninitiative ist gefragt

Die Corona-Krise, in der die Bedeutung von Pflegekräften nochmals deutlich geworden ist, hat den Start ihrer Ausbildung durcheinander gewirbelt. Auf einer Lernplattform fanden die Auszubildenden Unterrichtsmaterialien und Videos mit Inhalten, die sie sich weitgehend selbst beibringen mussten. Damit das Soziale nicht so leidet, luden die Pflegeschüler Fotos und Steckbriefe von sich hoch, erzählt Reinhardt. Zum virtuellen Kennenlernen, sozusagen. Auch eine Whatsapp-Gruppe war schnell gegründet.

Dieser Austausch – wenn auch mit ihr fremden Menschen – habe sehr geholfen, sagt Josefine Sander. Seit Ende Mai kann Präsenz-Unterricht in Kleingruppen stattfinden. „Jetzt kenne ich wenigstens einen Teil meiner Klasse und der Lehrer“, sagt die 20-Jährige.

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Warum hat sie sich entschieden, Pflegerin zu werden? „Das Menschliche macht mir sehr viel Spaß“, sagt Sander. „Und dass der Alltag sehr unterschiedlich ist und das kollegiale Miteinander.“ Sie habe nach dem Abitur erst ein Lehramtsstudium angefangen, doch das sei nichts für sie gewesen. Eine Fortbildung zur Rettungssanitäterin führte sie für ein Praktikum ins Krankenhaus, da gefiel es ihr. Gut findet sie auch, dass es viele Weiterbildungsmöglichkeiten gibt. Die erste Praxisphase im St.-Joseph-Stift geht im Juni los, darauf freut sie sich schon.

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