Prozessauftakt am Bremer Landgericht

Hass auf Homosexuelle

Der Angeklagte gesteht, über Monate vier homosexuelle Männer terrorisiert zu haben. Auslöser dafür könnte ein Erlebnis gewesen sein, das den Täter selbst zum Opfer macht.
07.07.2020, 05:00
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Hass auf Homosexuelle
Von Ralf Michel

Der Täter ist geständig. Ohne Wenn und Aber: Ja, er hat vier junge homosexuelle Männer in Bremen über Monate hinweg terrorisiert. Ja, er hat Morddrohungen an Menschen in Bremen verschickt und Bombendrohungen an mehrere große Kaufhäuser und eine Restaurantkette. Und ja, er hat zahllose Internetbetrügereien begangen, um seine Spielsucht zu finanzieren.

Auch zu seinen Motiven äußert sich der 32-Jährige und wiederholt am Montag vor dem Landgericht in etwa das, was er hierzu schon Anfang des Jahres am Amtsgericht gesagt hatte. Er habe gewollt, dass Stress entsteht. Dass andere Menschen, die er nicht einmal kannte, Ärger bekamen. Das sei sein Weg gewesen, den eigenen Frust, die eigene Verletzlichkeit abzubauen. „Ich hatte das Gefühl, dass mein Leid gelindert wird, wenn andere Menschen Leid erfahren.“

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„Gedemütigt und vergewaltigt“

Doch dann fügt er mit leiser, brüchiger Stimme noch etwas hinzu, was er bisher nur angedeutet hatte. Eine mögliche Antwort auf die Frage, woher sein Hass auf andere Menschen und insbesondere auf Homosexuelle kommen könnte. Vor dem Amtsgericht hatte er eher nebulös von einem Gefängnisaufenthalt kurz vor seinen Taten berichtet und von der „schwierigen Situation“ dort. Jetzt spricht er offen aus, worum es dabei ging: „Ich wurde gedemütigt und vergewaltigt.“

Mit dieser Situation sei er nach der Haftentlassung nicht zurechtgekommen. Habe auch niemanden gehabt, an den er sich wenden konnte. Wohl deshalb habe er den jungen Männern nachgestellt. Warum, könne er sich heute nicht erklären. „Aber damals ging es mir in dem Moment kurzfristig besser.“

Für seine Opfer dagegen wurde die Zeit von Januar bis Juli 2016 „zur Hölle“, wie es eine Richterin am Amtsgericht ausdrückte. Der 32-Jährige spähte seine Opfer in den sozialen Medien aus, fand dort nicht nur ihre Namen, sondern auch E-Mail-Adressen und Handynummern. Mit diesem Wissen legte er Scheinprofile bei Facebook an, kompromittierte und verleumdete sie öffentlich, machte sie verächtlich und überzog sie mit Beschimpfungen und Bedrohungen.

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Besonders schlimm traf es einen jungen Mann, der damals noch Schüler war. Auf dessen angeblichem Facebook-Profil outete der Täter ihn als schwul, außerdem tauchten in der Nähe seiner Schule und an zentralen Stellen in Bremen entsprechende Plakate auf. Die Freunde des Jugendlichen bekamen reihenweise erschreckende Nachrichten, wie etwa, dass er Krebs habe. Ein anderes Mal schaltete der Täter eine Anzeige zum angeblichen Tod des Schülers, gestand per SMS in dessen Namen den Mord an einem seit Jahren vermissten Mann oder zeigte eines der anderen Opfer bei der Polizei wegen Besitzes von kinderpornografischem Material an. Stets ließ es der 32-Jährige durch technische Manipulationen so aussehen, als ob die Nachrichten vom Handy des Schülers aus geschrieben wurden.

Nicht anders war es bei zahlreichen Bestellungen. Wenn etwa auf seinen Namen eine DVD mit homosexuellem Inhalt, Grabschmuck oder auch eine Pizza bestellt wurden und als Lieferadresse seine Schule angegeben war. Hinzu kamen reihenweise Verkäufe über das Internet-Verkaufsportal Ebay-Kleinanzeigen. Hier kassierte der Täter im Namen des Schülers nicht nur Geld für Konzert- und Fußball-Tickets oder Smartphones, die er nie an die Kunden abschickte. Er verhöhnte die Betrogenen sogar noch, indem er ihnen per SMS mitteilte, dass er sie betrogen hatte. Dann forderte er sie auf, ihn doch mal unter der (echten) Handynummer anzurufen.

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Die Betrügereien flogen zwar auf, aber den Ärger mit Polizei, Schule, Familie und Freunden oder die Regressansprüche geprellter Internet-Käufer landeten über Monate hinweg bei den jungen Opfern. Die der Täter übrigens nicht kannte. Er war zufällig über das sogenannte Flirt-Radar einer Dating-App für Schwule auf sie gestoßen, das „flirtwillige Männer in der Umgebung“ anzeigt. Er bedauere das Leid, das er anderen zugefügt habe und den angerichteten Schaden, erklärt der Angeklagte am Montag vor Gericht. Dass er dafür jetzt bestraft würde, sei ihm klar, sagt er. Hofft aber auf eine Therapie, die ihm hilft, seine Erlebnisse zu verarbeiten und von seiner Spielsucht zu befreien.

Hoffen auf eine Therapie

Damit hat der 32-Jährige angesprochen, worum es eigentlich noch geht in diesem Prozess, der schon Anfang des Jahres vor dem Amtsgericht begonnen hatte. Dort hatte sich der Angeklagte erstmals ausführlich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen und seinen möglichen Motiven geäußert. Was zu einer neuen Einschätzung der Schwere seiner Persönlichkeitsstörung führte. Es sei denkbar, dass der Mann nicht in der Lage war, das Ausmaß seiner Straftaten zu erkennen, erklärte eine medizinische Sachverständige. Und dass seine Steuerungsfähigkeit während der Taten erheblich eingeschränkt, wenn nicht sogar komplett aufgehoben war.

So sah es am Ende auch das Gericht. Es sah „dringende Gründe für die Annahme, dass der Angeklagte die Taten im Zustand zumindest verminderter Schuldfähigkeit begangen hat“. Im Falle einer Verurteilung könnte deshalb auch die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet werden. Dies jedoch kann nicht durch ein Amtsgericht geschehen, sondern nur durch eine Strafkammer des Landgerichts. Weshalb der Fall dort nun noch einmal komplett von vorne aufgerollt werden muss. Nächster Termin hierfür ist Mittwoch, 8. Juli, ab 13 Uhr.

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