Erst die eigene Wohnung, dann weitere Hilfe

"Housing First" für Obdachlose - ein Vorbild für Bremen?

Ein Wohnprojekt in Hamburg setzt auf eine neue Idee: Anstatt Obdachlose in Notunterkünften unterzubringen, bekommen sie gleich eine eigene Wohnung und werden dort betreut. In Bremen steht "Housing First" noch nicht auf der Agenda.
08.03.2019, 21:53
Lesedauer: 5 Min
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Von Marc Hagedorn

Peter ist offiziell wohnungslos. Tatsächlich aber hat er ein Dach über dem Kopf. Peter wohnt auf der Parzelle eines Kleingartenvereins. Ein Gönner zahlt die jährliche Miete, der Vorstand duldet den Mieter, der in keinem Melderegister mit einer Wohnadresse auftaucht. Es ist eine stillschweigende Übereinkunft, die beide Seiten da getroffen haben, sie hilft beiden. Peter ist froh, dass er eine Wohnung hat. Die Gartenfreunde sind froh, dass in der dunklen Jahreszeit jemand auf ihrer Anlage präsent ist. Peter sagt: „Hier habe ich meine Lebensqualität, Unabhängigkeit und Sicherheit.“ Das Problem: Was Peter macht, ist illegal. Deshalb will Peter seinen richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen.

Hannah Beering kennt viele solcher Geschichten. Die Diplom-Volkswirtin engagiert sich ehrenamtlich im Bremer Aktionsbündnis Wohnen. Sie kämpft seit gut zwei Jahren dafür, Obdachlose in eigene Wohnungen zu bringen. Es ist ein langer Weg, wie sie festgestellt hat. Im vergangenen November zum Beispiel, da gehörte sie zu einem Team von Leuten, das bremische Bauunternehmen und Architekten zu einer Informationsveranstaltung über Wohnungslosigkeit in der Stadt eingeladen hatte. 118 Einladungen an Betriebe und Führungskräfte aus der Branche waren rausgeschickt worden. Aber als es am Tag der Veranstaltung im Marienzimmer in der Liebfrauenkirche losgehen sollte, waren gerade einmal fünf Vertreter aus der Bauwirtschaft der Einladung gefolgt. In solchen Augenblicken ist Hannah Beering frustriert.

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Aber zum Glück für sie gibt es auch Momente wie neulich in Hamburg. Da war sie mit acht Leuten – Obdachlosen, Mitarbeitern der Inneren Mission Bremen und Ehrenamtlichen wie sie – am Brookdeich in Bergdorf. 20 Kilometer südöstlich von Hamburg ist ein Wohnprojekt Wirklichkeit geworden, das sich Beering auch für Bremen wünschen würde. Am Brookdeich, mitten in einem Wohngebiet mit Einfamilienhäusern und einem Griechen, der gleich um die Ecke sein Restaurant betreibt, sind zehn Ein-Zimmerwohnungen für Wohnungslose entstanden.

Eine Bushaltestelle liegt direkt vor der Haustür. Der Clou an den Häusern: Das Grundgerüst der Wohnungen bilden ausgediente Seefracht-Container. Sie werden ausgeschäumt, ausgebaut, gestapelt, angeschlossen und anschließend mit der gewünschten Fassade verkleidet. „Eine großartige Idee“, sagt Beering, „denn das Wohnkonzept ist genau auf die Bedürfnisse der Wohnungslosen zugeschnitten.“

Viele Wohnungslose gelten nämlich als „nicht geschossfähig“

Beering hat viele sperrige Wortungetüme kennengelernt, seitdem sie sich mit dem Thema auseinandersetzt, „nicht geschossfähig“ ist so eines. Viele Wohnungslose gelten nämlich als „nicht geschossfähig“, das Wort geht Beering nur schwer über die Lippen, aber es meint, dass viele Obdachlose es in fünf-, zehn- oder zwölfstöckigen Hochhäusern nicht aushalten. In Bergedorf dagegen geht es nicht höher hinaus als bis in die dritte Etage.

„Ideal“, sagt Beering über die Wohnungen, die innerhalb weniger Wochen bezugsfertig sind. Ein Privatinvestor setzt das Konzept um. In Bergedorf ist es das Unternehmen C2PD, das entsprechende städtische Grundstücke erwirbt oder pachtet. Die Finanzierung sichert die GLS Bank, eine selbsterklärte Öko-Bank, die Kredite bevorzugt an Kindergärten, Behinderteneinrichtungen oder für nachhaltiges Bauen vergibt. Vor Ort kümmert sich ein sozialer Träger um die Wohnungen und die Betreuung der Bewohner.

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In Hamburg-Bergedorf greift damit das Housing-First-Konzept. Es wird im Ausland schon länger erfolgreich praktiziert, in Deutschland fasst es gerade erst Fuß. Die Stadt Hannover hat nach anfänglicher Skepsis vor wenigen Wochen beschlossen, das erste Housing-First-Projekt zu unterstützen. Im Stadtbezirk Vahrenwald-List entstehen 15 Ein- und Zweizimmerwohnungen, die direkt nach Fertigstellung von Wohnungslosen bezogen werden. Dieser Ansatz stellt die bisherige Praxis quasi auf den Kopf, denn im Moment ist es noch so, dass Wohnungslose in Übergangswohnungen und mithilfe von Wohntrainings fit dafür gemacht werden, am Ende eine eigene Wohnung zu beziehen. In Berlin gibt es zwei Housing-First-Projekte, in Nordrhein-Westfalen sind ebenfalls erste Vorhaben umgesetzt worden.

Bremen setzt auf andere Strategie

In Bremen ist Housing First noch nicht auf der politischen Agenda angekommen. „Wir beobachten die Erfahrungen mit Housing First aber aufmerksam“, sagt Bernd Schneider, Sprecher des Sozialressorts. In Bremen ist der Ansatz bislang, „Langzeitobdachlosen Angebote zu machen, die sie nach und nach an die Anmietung einer eigenen Wohnung heranführen“, so Schneider. Dahinter steht der Gedanke, dass Menschen ihre Wohnung leicht wieder verlieren, wenn die Probleme, die zur Wohnungslosigkeit geführt haben, nicht vorher behoben werden, etwa Alkoholismus, Drogenabhängigkeit oder psychische Erkrankungen.

In Bremen geht die Behörde von 500 Obdachlosen aus. Für sie hält die Stadt eine Reihe an Unterbringungsmöglichkeiten und Hilfseinrichtungen bereit. Es gibt Notunterkünfte für Männer mit 70 Plätzen und für Frauen mit 14 Plätzen. 49 gesonderte Plätze stehen für Drogenabhängige bereit. Mit sechs Hotels und Pensionen hat die Stadt Verträge zur Unterbringung abgeschlossen, mit 16 weiteren Hotels, Pensionen und Privatzimmervermietungen kooperiert die Zentrale Fachstelle Wohnen (ZFW) im Bedarfsfall. Fünf Notwohnungen sind Familien vorbehalten.

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Die Unterbringung in Notunterkünften kostet zwischen 51 und 136 Euro pro Person und Nacht, Übernachtungen in den Hotels zwischen 16 und 40 Euro. „Wohnen im eigenen Wohnraum ist die kostengünstigste Form der Wohnversorgung“, heißt es in einer Antwort des Senats auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke aus dem Jahr 2017. Deshalb hat die Stadt 2016 im Rahmen des Wohnraumförderprogramms auch 69 neue Wohneinheiten zur Verfügung gestellt, 2017 waren es weitere 51.

Housing First als bessere Lösung?

Hannah Beering erkennt die politischen Bemühungen an, plädiert konzeptionell aber für den Schwenk zu Housing First, „ich finde das genau richtig, ich halte das für erfolgversprechend“. Die Wissenschaft gibt ihr recht (Links zum Interview).

Auch Peter würde es begrüßen, wenn nicht länger Notunterkünfte für viele seiner Gefährten der erste und oft einzige Anlaufpunkt wären. „Notunterkünfte“, sagt Peter, „sind unterirdisch“, die Zimmer nicht abschließbar und mindestens mit einem weiteren Bewohner belegt. Dazu die Angst, beklaut zu werden, „Handy, Armbanduhr, Taschenmesser und neue Schuhe“ sind begehrt, „alles, was du zum Überleben auf der Straße brauchst“, sagt Peter. „Und Hunde, oft die letzte Stütze und das letzte Bindeglied ins wahre Leben, müssen draußen bleiben.“ In einer eigenen Wohnung dagegen wäre Platz für den treuen Begleiter.

Hannah Beering will sich weiterhin dafür einsetzen. Einen ganz wichtigen Termin hat sie schon geblockt. Am 23. März ist um 11 Uhr Treffpunkt auf dem Bahnhofsplatz. Dann startet dort die Bremer Demo für Menschenrecht auf Wohnen.

Info

Zur Sache: Das Problem mit den Kaisenhäusern

Hannah Beering hat eine Idee. Warum Wohnungslose nicht einfach in den rund 500 leerstehenden Kaisenhäusern wohnen lassen? „Eine schöne Sofortmaßnahme“, sagt die Diplom-Volkswirtin, die sich im Aktionsbündnis Wohnen engagiert, „es wäre eine einfache Lösung, die die Menschen von der Straße annehmen würden.“ Insgesamt 1100 Behelfsheime, wie die Kaisenhäuser im Behördensprech heißen, gibt es in Bremen, knapp die Hälfte ist noch bewohnt. Die meisten, je 250 stehen in Walle und Findorff, gefolgt von Gröpelingen. Kaisenhäuser, diese kleinen Parzellenhäuschen, sind nach dem damaligen Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen benannt und nach dem zweiten Weltkrieg entstanden.

Genau darin sieht das Bauressort die große Schwäche der Idee. „Wir haben hohe juristische und bauliche Bedenken“, sagt Jens Tittmann, Sprecher des Bauressorts. Fast jedes Haus hat ein Asbestproblem, das Wasser fließt durch Bleirohre, es schimmelt, und es gibt kein geregeltes Abwassersystem. 2019 hat es laut Behörde außerdem bereits acht Brände gegeben, für die Feuerwehr sind die Einsatzorte in der Regel nur sehr schwer zu erreichen. Daneben befürchtet die Behörde Klage wegen des Gleichheitsgrundsatzes, denn wenn Wohnungslose in Kaisenhäusern wohnen dürften, könnten auch andere Parzellenbesitzer auf dieses Recht pochen.

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